Herr der Gänge
07.07.2026 Region Unterfreiamt, Villmergen, SchuleMittelstufe Villmergen verabschiedet Stufenleiter Guido Arnet in den Ruhestand
Wenn im ganzen Schulhaus abgewandelte Filmplakate hängen, überall Risolettos versteckt sind und sogar eine Softeis-Maschine Einzug hält, dann muss etwas Besonderes im Busch sein. ...
Mittelstufe Villmergen verabschiedet Stufenleiter Guido Arnet in den Ruhestand
Wenn im ganzen Schulhaus abgewandelte Filmplakate hängen, überall Risolettos versteckt sind und sogar eine Softeis-Maschine Einzug hält, dann muss etwas Besonderes im Busch sein. Die Mittelstufe bereitet ihrem Stufenleiter einen tollen Abschied. «Ich war immer gerne Lehrer», sagt dieser.
Chregi Hansen
Er war einst ein «Schlieremer Chind». Auf gewissen Platten höre man ihn sogar solo singen, sagt er. Der bekannte Kinderchor aus der gleichnamigen Gemeinde, geleitet von Lehrer und Cabaret-Rotstift-Mitglied Werner von Aesch, hat Guido Arnet stark geprägt. «Von Aesch hat dafür gesorgt, dass alle mitmachen konnten, selbst die Unmusikalischen», erzählt er. Dieser Einsatz für die Chancengleichheit von Kindern hat Arnet beeinflusst. Dass ihn das Thema bis heute umtreibt, zeigt sich beispielsweise auch an seiner Haltung zu den Hausaufgaben: «Denn nicht alle Kinder haben zu Hause die gleichen Möglichkeiten, das Geforderte zu leisten.» Es ist ein Thema, mit dem sich die Schule Villmergen derzeit intensiv beschäftigt. Und weiter beschäftigen wird.
Dies allerdings ohne Guido Arnet. Der Stufenleiter geht in Pension. Viele Jahre hat er im Tandem mit seiner Frau Gabriela unterrichtet, sie ging vor einem Jahr in den Ruhestand. Im letzten Jahr war Arnet «nur» noch Stufenleiter. «Der Lehrerberuf ist mir aber eigentlich näher», gibt er zu. Gleichzeitig seien Schulleiter oft die schlechtesten Lehrer, fügt er schmunzelnd an, sind doch diese im Kopf oft mit anderen Sachen beschäftigt. Bei ihm habe das nur funktioniert, weil er die Klasse mit seiner Frau teilte. «Für sie war es selbstverständlich, mehr zu leisten, wenn ich an anderen Orten gefordert war», schaut er auf diese Zeit zurück. Mit jemand anderem hätte er sich diese Zusammenarbeit als Klassenlehrer nicht vorstellen können.
Mit Filmplakaten geehrt
Im Moment ist Arnet am Aufräumen und Übergeben. Wenn er denn dazu kommt. Denn immer wieder wird er angesprochen, regelmässig wartet eine Überraschung auf ihn. «Es ist unglaublich, was sich das Team einfallen lässt. Es zeigt, wie gut wir es haben hier», sagt er und strahlt. Vor allem die abgeänderten Filmplakate mit ihm als Hauptperson haben es ihm angetan. Arnet als Gandhi oder als «Herr der Gänge» statt «Herr der Ringe». Dies in Anspielung, dass er sehr präsent war im Schulhaus und die Kinder am Morgen und Mittag immer empfangen hat. Ein gutes und respektvolles Miteinander in den Räumen der Schule war ihm wichtig. Und das könne auch heute erreicht werden, dem schlechten Ruf der Jugend zum Trotz. «Die Kinder sind noch gleich wie früher. Aber die Welt um sie herum hat sich verändert.
Lob an den Gemeinderat
Der in Waltenschwil wohnhafte Arnet hat viele Jahre an verschiedenen Schulen verbracht. Hat unterrichtet, war Rektor und Schulleiter. Die 13 Jahre in Villmergen haben ihm ausserordentlich gut gefallen. «Die Situation hier ist speziell, weil Schule und Gemeinde sehr gut zusammenarbeiten. Die politische Behörde begegnet uns durchaus auch mal kritisch, aber grundsätzlich wohlwollend. Es ist ein echtes, wertschätzendes und respektvolles Miteinander. Das ist nicht überall der Fall», weiss der 64-Jährige aus Erfahrung. Auch das Vorgehen in Sachen neues Schulhaus findet er vorbildlich. «Man hat den Mut, sich von einem nicht mehr zweckdienlichen Gebäude zu trennen und eine moderne und sehr innovative Schulanlage zu bauen. Schon das jetzige Mühlematten ist aus schulischer Sicht vorbildlich, das neue wird noch besser», ist Arnet überzeugt. Dass er in der ersten Planungsphase mitwirken konnte, erfüllt ihn mit Stolz. Auch wenn er den Bau und den Einzug in seiner Rolle als Schulleiter nicht mehr erleben wird.
Das bedeutet aber nicht, dass in der Schule Villmergen alles heile Welt ist. Themen wie die Migration, der Umgang mit sozialen Medien oder kritischen Eltern, dies beschäftigt auch die Lehrpersonen hier. «Wichtig ist bei all diesen Fragen eine gute Zusammenarbeit im Kollegium. Ein starkes Team.
Man muss eine klare und vor allem einheitliche Haltung zu diesen Fragen haben», ist der Stufenleiter überzeugt. Herausfordernde Schüler und Eltern habe es immer schon gegeben. «Als ein neues Phänomen würde ich die sogenannte Empörungskultur nennen. Ich habe den Eindruck, dass heute oft aus kleinen Vorfällen eine überdimensionierte Geschichte gemacht wird. Ein Gespräch in aller Ruhe wäre da weitaus zielführender.» Dem hohen Anteil fremdsprachiger Kinder müsse man auch mit didaktischen Mitteln gerecht werden. In Villmergen sei man diesbezüglich mit dem Churer Modell gut aufgestellt.
Kein Blatt vor den Mund nehmen
Das Churer Modell bricht mit den traditionellen Unterrichtsmethoden und nimmt auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder Rücksicht. Das fängt bei der Möblierung an – im Zentrum steht der Kreis, in dem man sich zu Beginn trifft. Danach erhalten die Kinder Lernaufgaben, die auf ihr Niveau angepasst sind. Kinder, denen man dies schon zutraut, werden dann angeleitet, selbstständig einen Platz zu suchen, wo sie am besten arbeiten können. «Und das muss nicht unbedingt der Platz neben dem besten Freund sein, im Gegenteil», schmunzelt Arnet. Lehrpersonen begleiten die Kinder auf dem Weg des Lernens. Sie werden nicht einfach sich selbst überlassen. Das Churer Modell löst sich vom klassischen Frontalunterricht als vorherrschende Unterrichtsform, auch wenn diese in gewissen Momenten immer noch zum Einsatz kommt und auch Sinn macht. «Wir machen gute Erfahrungen mit diesem Modell und erhalten auch gute Feedbacks von der Oberstufe», freut sich Arnet.
Weniger Freude hat er an den immer rigideren Vorgaben, die der Kanton aufgrund von Grossratsentscheiden erlassen muss. Dem Feilschen um Ressourcen. Aktuell zum Beispiel zum Notenzwang ab der dritten Primarklasse. Natürlich brauche es eine Bewertung und Beurteilung der Kompetenzen, ist sich Arnet bewusst. «Aber die Politik sollte primär die strategischen Ziele vorgeben und den Schulen vor Ort deren Umsetzung anvertrauen. Selbstverständlich müssen die Schulen über ihr Beurteilungs- und Bewertungskonzept Rechenschaft ablegen können», nimmt er kein Blatt vor den Mund.
Die Arbeitsweise in Villmergen sei für die Lehrpersonen zwar aufwendiger, aber führt zu mehr Zufriedenheit. «Es gibt viele, die sich genau deswegen bei uns bewerben», so Arnet. Das bedeutet aber nicht, dass Villmergen den Personalmangel nicht auch spürt. Doch dank grosser Anstrengung ist es gelungen, alle Stellen zu besetzen. Ob das in Zukunft der Fall sein wird, kann Arnet nicht garantieren. «Lehrpersonen sind sehr exponiert in ihrem Beruf, umgekehrt ist ihre gesellschaftliche Stellung heute eine andere als früher. Viele schreckt das ab.» Dass im benachbarten Kanton Zürich die Löhne viel höher sind, trägt auch nicht zu einer Verbesserung der Lage bei.
Kinder für die Welt begeistern
Trotz dieser eher negativen Aspekte: Für Guido Arnet ist der Lehrerberuf noch immer etwas vom Schönsten. «Kinder auf ihrem Weg begleiten und sie begeistern für die Welt und vorzubereiten auf das Leben, das ist einfach grossartig. Und gerade in der Mittelstufe kann man sie packen», sagt er. Wer Erfolg haben will in der Arbeit an der Schule, der muss aber über eine starke Persönlichkeit verfügen und vor allem über viel Leidenschaft. «Es ist kein Job, den man von 8 bis 17 Uhr macht», warnt Arnet, «es gibt sehr intensive Phasen. Aber man erhält auch viel zurück.»
Sich jetzt noch mehr Zeit für die Kultur nehmen
Er jedenfalls war sehr präsent im Schulhaus, wie die Filmposter beweisen, die viele seiner Rollen humoristisch aufgreifen. Nun aber ist Schluss. Nicht, weil er genug von der Schule hat. Sondern weil es Zeit sei. Er will sich in Zukunft mehr seiner zweiten Leidenschaft widmen, der Kultur. Arnet ist auch Musiker, der mit verschiedenen Formationen auftritt. «Ich habe mir vorgenommen, noch ein neues Instrument zu lernen», erzählt er – die norwegische Hardangerfiedel soll es werden. Auch beim Theater Bünzen, im Sternensaal, im Kulturwerk Bleichi oder dem Wohler Wochenmärt wird er sich noch mehr engagieren als jetzt schon. Und er hat sich bereits an der Senioren-Uni in Zürich eingeschrieben und will sich dort, nachdem er in jungen Jahren schon Pädagogik und Psychologie studiert hat, der Philosophie widmen. Guido Arnet wird also quasi wieder vom Lehrer zum Schüler respektive Studenten. «Darauf freue ich mich», schaut er voraus. Erst aber will er diese Woche in Villmergen alles noch gut abschliessen und seiner Nachfolgerin Sandra Henkes ein aufgeräumtes Büro hinterlassen. Und vorher noch all die versteckten Risolettos finden. «Die liebe ich einfach», strahlt er.


