Eine Kindergärtnerin wird angezeigt, weil sie mit Kindern «Schwarzer Peter» gespielt hat. Was über Generationen hinweg als normales Kinderspiel galt, wird zum Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Debatten. Das wirft eine berechtigte Frage auf: In welche Richtung ...
Eine Kindergärtnerin wird angezeigt, weil sie mit Kindern «Schwarzer Peter» gespielt hat. Was über Generationen hinweg als normales Kinderspiel galt, wird zum Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Debatten. Das wirft eine berechtigte Frage auf: In welche Richtung steuern wir als Gesellschaft? Wenn traditionelle Spiele zunehmend unter Verdacht geraten, entsteht der Eindruck, dass die Suche nach vermeintlichen Problemen manchmal wichtiger wird als die Lösung der tatsächlich grossen Herausforderungen unserer Zeit.
Noch vor wenigen Jahren wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, Spiele wie «Schwarzer Peter» oder «Der schwarze Mann» als diskriminierend zu betrachten. Kinder spielten, lachten und bewegten sich – ohne ideologische Deutungen. Heute wird immer häufiger problematisiert, was lange Zeit selbstverständlich war. Vielleicht sollten wir die Welt wieder öfter durch die Augen der Kinder betrachten. Sie verstehen oft intuitiv, was viele Erwachsene vergessen haben: Ein Spiel ist ein Spiel. Nicht die Kinderspiele scheinen das Problem zu sein, sondern der schwindende Sinn für Gelassenheit, Verhältnismässigkeit und gesunden Menschenverstand. Eine Gesellschaft, die selbst bei Kinderspielen zuerst nach Problemen sucht, läuft Gefahr, den Blick für das Wesentliche zu verlieren. Sensibilität ist wichtig – ebenso wichtig sind Augenmass und Vernunft. Wir sollten uns häufiger fragen, ob wir tatsächliche Probleme lösen oder zunehmend neue schaffen.
Fortschritt bedeutet nicht, überall Missstände zu entdecken. Fortschritt bedeutet, die wirklich wichtigen Herausforderungen zu erkennen und den Mut zu haben, Nebensächlichkeiten wieder Nebensächlichkeiten sein zu lassen. Oder um es mit Voltaire zu sagen: «Der gesunde Menschenverstand ist nicht so gewöhnlich, wie man meint.»
Renato-Raffaele Hübscher, Wohlen Einwohnerrat SVP