Wenn Fische schreien könnten
07.08.2026 Region Unterfreiamt, Natur, VillmergenDer Hinterbach in Villmergen ist komplett ausgetrocknet
Der Anblick tut weh. Mitten im ausgetrockneten Bachbett liegen tote Groppen. Damit es den Forellen nicht gleich ergeht, wird der Hinterbach fachmännisch abgefischt und die Tiere in den Erusbach versetzt. Doch ...
Der Hinterbach in Villmergen ist komplett ausgetrocknet
Der Anblick tut weh. Mitten im ausgetrockneten Bachbett liegen tote Groppen. Damit es den Forellen nicht gleich ergeht, wird der Hinterbach fachmännisch abgefischt und die Tiere in den Erusbach versetzt. Doch die Freude über die Rettungsaktion war von kurzer Dauer.
Chregi Hansen
Rudolf Jost war in den Ferien, als er die Nachricht erhielt, das der Hinterbach am Austrocknen ist. Sofort kehrte der Villmerger Fischenzpächter zurück, um sich selber ein Bild zu machen. Er lief den ganzen Bachlauf vom Zentrum bis zum Hochwasserrückhaltebecken Drachtenloch ab. «Ich bin erschrocken. An einigen Stellen gab es gar kein Wasser mehr, nur kleine Tümpel, die aber nicht verbunden waren», stellte er fest. Und wegen der Hitze ist das wenige verbliebene Wasser zu warm und enthält nur noch wenig Sauerstoff.
Darum muss es schnell gehen. Rudolf Jost organisierte die Fischereiaufsicht des Kantons, um die noch verbliebenen Tiere einzufangen und andernorts auszusetzen. Am Dienstagabend ging die Aktion los. Für etliche Fische ist es da aber schon zu spät. Mitten im Bachbett liegen mehrere tote Groppen. «Die haben gestern noch gelebt», stellt Jost fest. Der Anblick verschlägt ihm fast die Sprache. «Die Fische sterben leise vor sich hin, und niemand nimmt es wahr. Man stelle sich vor, sie könnten schreien», sagt er. Nun hofft er, wenigstens die Forellen noch retten zu können.
Hilfe erhält Jost beim Abfischen vom Wohler Fischerkollegen Florian Wullschleger, der wie Jost als Apotheker arbeitet, sowie vom kantonalen Gebietsfischereiaufseher Christoph Balmer, der die Bewilligung für das Elektrofischen hat. «Das ist Privaten nicht erlaubt», erklärt er. Das Elektrofischen ermöglicht es, Fischbestände schnell und schonend abzufischen, sei es für Untersuchungen, sei es, um sie an einem anderen Ort auszusetzen. Der ins Wasser eingeleitete Strom verursacht den Tieren keine Schmerzen. «Für sie ist es der grössere Stress, dass wir in ihrem Wasser unterwegs sind», erklärt der Experte. Da die Situation wegen der Trockenheit im ganzen Kanton kritisch ist und vielerorts Fische gerettet werden müssen, ist er ein gefragter Mann. «Das ist mein dritter Einsatz heute», sagt er, während er zusammen mit Florian Wullschleger unter der Brücke an der Büttikerstrasse nach lebenden Forellen sucht.
So schlimm war es noch nie
Während die drei Männer auf Rettungsmission sind, kommen immer wieder Spaziergänger vorbei. «Ich lebe seit 60 Jahren hier. Aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Das tut schon weh», sagt eine ältere Frau. Auch eine Anwohnerin schmerzt der Anblick, der sich ihr bietet. Weiter oben spaziert eine Entenfamilie über den harten Grund des Bachs. Darüber zieht ein Fischreiher seine Kreise. «Für sie ist das natürlich das Paradies. So einfach kommen sie nie an ihr Futter», ärgert sich Jost. Dann die ernüchternde Nachricht – im Tümpel unter der Brücke können nur noch vier Forellen gerettet werden. Die wandern in einen speziellen Behälter, dann geht es weiter an den nächsten Ort.
Viel weniger Fische gefunden als sonst
Am Ende des Tages sind es 72 Fische, die gefangen und später im Erusbach ausgesetzt werden. Rudolf Jost hat auf deutlich mehr gehofft. Im Jahr 2003, als es ähnlich prekär war wie heute, waren es deren 700. Was ihn besonders erstaunt: Auch im Waldabschnitt wurden kaum Fische gefunden. «Der Boden ist total verdichtet. Die Nahrungsgrundlage für die Fische fehlt. Auch fehlt das Geschiebe im Bach unterhalb des Hochwasserrückhaltebeckens», stellt er fest. Er hofft, dass es dem Erusbach nicht bald gleich ergeht. «Das wäre etwas Neues, der stand bisher noch nie ganz still», weiss Jost aus Erfahrung. Aber auch hier ist der Wasserstand viel tiefer als sonst. «Und es gibt leider immer wieder Leute, die trotz der Trockenheit Wasser abzweigen», ärgert er sich.
Nach Brand ist auch der Erusbach bedroht
Die Situation belastet ihn. «Das tut schon weh», sagt Jost, der seit vielen Jahren als Fischenzpächter in Villmergen tätig ist und sich in dieser Zeit immer wieder für bessere Lebensbedingungen für die Fische eingesetzt hat. Er habe sich durchaus überlegt, einfach nichts zu tun und der Natur ihren Lauf zu lassen. «Aber wir investieren so viel in den Erhalt der Bestände, ich kann nicht einfach zusehen, wie sie alle zugrunde gehen», sagt er. Was ihn besonders irritiert, ist die kleine Zahl der gefangenen Forellen. Es brauche, so der Villmerger, unbedingt eine Untersuchung, warum es so wenige sind. Aber das Problem muss warten. Erst einmal gehe es darum, zu schauen, dass es nicht noch weniger werden.
Doch der nächste Tiefschlag folgte nur einen Tag später. Beim Brand in Hilfikon (siehe Artikel unten) gelangte auch Löschwasser und Gülle in den Erusbach. «Weil der auch nur noch wenig Wasser führt, droht ein weiteres Forellensterben», befürchtet Rudolf Jost. Erste tote Fische hat er bereits entdeckt. Das stille Leiden der Tiere geht also weiter.



