Wenn die Sonne zur Sichel wird
14.08.2026 Wohlen, Schule, BildungKantonsschule Wohlen machte hoch oben am Rebenweg die Sonnenfinsternis zum Thema
Eine spontane Idee der Kantonsschule Wohlen lockte am Mittwochabend rund 50 Personen an den Rebenweg. Zwei Fernrohre, Lochkameras und perfekte Sicht machten die partielle Sonnenfinsternis zu ...
Kantonsschule Wohlen machte hoch oben am Rebenweg die Sonnenfinsternis zum Thema
Eine spontane Idee der Kantonsschule Wohlen lockte am Mittwochabend rund 50 Personen an den Rebenweg. Zwei Fernrohre, Lochkameras und perfekte Sicht machten die partielle Sonnenfinsternis zu einem Ereignis.
Heinz Strebel
Kurz vor 19 Uhr ist es am Rebenweg in Wohlen noch überschaubar. Rund zehn Personen haben sich eingefunden. Zwei Fernrohre stehen am Strassenrand, Kabel liegen am Boden, selbst gebaute Lochkameras warten auf ihren Einsatz. Über allem liegt gespannte Erwartung. Noch scheint die Abendsonne ungehindert vom wolkenlosen Himmel.
Mittendrin ist Mark Heinz, promovierter Physiker und Lehrer an der Kantonsschule Wohlen. Doch allein hätte er den spontanen Anlass kaum in dieser Form durchführen können. Unterstützt wird er von Jennifer Nussbaum und Marcel Schmid, die ebenfalls an der Kanti unterrichten. Nussbaum hat zudem verschiedene Lochkameras, sogenannte Camerae obscurae, initiiert und mit vorbereitet. Sie ermöglichen es, die Sonnenfinsternis indirekt und ohne Gefahr für die Augen zu verfolgen. Auch Biologielehrerin Andrea Neudecker trägt ihren Teil zum Gelingen bei. Sie wohnt ganz in der Nähe und stellt kurzerhand den benötigten Strom für die Fernrohre zur Verfügung.
Sonnenflecken entdecken
Um 19.27 Uhr beginnt das Schauspiel. Der Mond schiebt sich langsam vor die Sonne. Durch das grosse Celestron-Fernrohr mit Sonnenfilter ist bereits wenige Minuten später deutlich zu erkennen, wie ein dunkler Bogen in die helle Sonnenscheibe hineinragt. Rund 80-fach vergrössert erscheint die Sonne optimal im Bildausschnitt. Kleine dunkle Punkte sind zu sehen: Sonnenflecken. Diese befinden sich tatsächlich Millionen Kilometer entfernt auf der Sonne. Das kleinere Coronado-Fernrohr bietet eine andere Perspektive. Sein H-Alpha-Filter hebt Strukturen des Wasserstoffs in der Sonnenatmosphäre hervor und lässt die Sonne orangerötlich erscheinen. Dadurch werden weitere Details sichtbar. Für die Besucher bedeutet das: dieselbe Sonne und doch zwei ganz unterschiedliche Ansichten.
Aus 10 werden rund 50
Die Beobachtung am Rebenweg war keine lange geplante Veranstaltung. Erst in der vergangenen Woche sei die Sonnenfinsternis an der Kanti zum Thema geworden, erzählt Rektor Matthias Angst. Die Idee sei kurzfristig entstanden und von Mark Heinz spontan aufgenommen worden. Eingeladen wurde lediglich innerhalb der Kantonsschule. Mit welchem Echo? «Von vier bis hundert Personen war alles möglich», sagt Angst. Die Antwort liefert der Abend. Immer mehr Jugendliche kommen den Rebenweg hinauf, dazu Lehrpersonen und einige weitere Besucher. Die anfängliche Zurückhaltung von Heinz weicht zunehmend einem Dauerlächeln. Insgesamt sind rund 50 Personen vor Ort. Ein beachtlicher Aufmarsch.
Von steifer Schulatmosphäre ist wenig zu spüren. Der Umgang ist unkompliziert und persönlich. Physik und Astronomie finden für einmal nicht im Schulzimmer statt, sondern unmittelbar unter freiem Himmel.
«So, no siebe Minute»
Schutzbrillen sind an diesem Tag vielerorts längst ausverkauft. Wer keine ergattern konnte, muss am Rebenweg trotzdem nicht auf das Spektakel verzichten. Die Lehrpersonen haben zusätzliche Exemplare dabei. Daneben ermöglichen die Lochkameras eine sichere indirekte Beobachtung.
Gegen 20.10 Uhr verändert sich die Szenerie. Die Sonne steht bereits tief, das Licht bekommt einen eigentümlich rötlichgoldenen Ton und taucht die Umgebung in eine fast unwirkliche Atmosphäre. Die Schatten werden lang, gleichzeitig wird es merklich kühler.
«So, no siebe Minute», kündigt Heinz an. Jetzt steigt die Spannung. Gegen 20.15 Uhr hat sich vor dem grossen Fernrohr eine lange Kolonne gebildet. Die Jugendlichen warten darauf, für einige Sekunden ans Okular zu dürfen. Jeder möchte den entscheidenden Moment erwischen.
Erinnerungen an 1999
20.18 Uhr. «High Noon», nennt ein Schüler den Höhepunkt des Abends. 90,6 Prozent der Sonnenscheibe sind nun vom Mond bedeckt. Die Vögel sind auffallend ruhig geworden. Dafür ist das Plaudern der Jugendlichen zu hören. Die Sonne ist nur noch eine schmale, leuchtende Sichel. Für einen kurzen Moment wird aus einer physikalisch exakt berechenbaren Himmelsmechanik etwas unmittelbar Wahrnehmbares: weniger Licht, sinkende Temperatur, eine veränderte Landschaft und über dem Horizont eine Sonne, wie man sie normalerweise nie zu sehen bekommt.
Für Rektor Matthias Angst weckt der Abend Erinnerungen. Am 11. August 1999, dem ersten Mittwoch nach Schulbeginn, reiste die Kantonsschule Wohlen ins Elsass, um die damalige totale Sonnenfinsternis zu beobachten. Angst war zu jener Zeit selbst Kantischüler.
27 Jahre später steht er nun als Rektor mit Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen am Rebenweg. Diesmal meint es auch das Wetter ausgesprochen gut mit den Himmelsbeobachtern. «Wir haben heute Glück», freut sich Heinz. Keine Wolke beeinträchtigt die Sicht. Bis zuletzt bleibt der Himmel klar. Um 20.37 Uhr beendet nicht der Mond, sondern der Horizont die Vorstellung. Die teilweise bedeckte Sonne versinkt als leuchtende Sichel hinter den Hügelzügen. Zurück bleiben zwei Fernrohre am Strassenrand, zusammengepackte Lochkameras und rund 50 Menschen mit Eindrücken, die kein Physikbuch vermitteln kann.



