Um Schlimmes zu verhindern
16.01.2026 Vereine, Schule, Region OberfreiamtMit offenen Ohren für alle Seiten
Schulabsentismus ist ein Thema, auch im Freiamt – das zeigt der Verein Kompetenzzentrum
Das Kind geht nicht mehr zur Schule. Eine Situation, die für alle Beteiligten schwierig ist und in der ein ...
Mit offenen Ohren für alle Seiten
Schulabsentismus ist ein Thema, auch im Freiamt – das zeigt der Verein Kompetenzzentrum
Das Kind geht nicht mehr zur Schule. Eine Situation, die für alle Beteiligten schwierig ist und in der ein neuer Freiämter Verein helfen kann und will.
Annemarie Keusch
Alle gesetzlichen Bestimmungen erfüllen. Dann macht sie ihren Job als Schulleiterin gut. So sieht es Nadia Fischer nicht mehr. «Ich mache meinen Job dann gut, wenn es den Kindern gut geht.» Und gerade im Bereich Schulpflicht sagt sie heute: «Es gibt Situationen, wo es keinen Sinn macht, diese durchzusetzen.» Fischer lebt in Merenschwand und ist in Waltenschwil als Schulleiterin tätig. Hier hat sie Dania Del Sole kennengelernt. «Zum ersten Mal fühlte ich mich richtig unterstützt», sagt Del Sole. Ihr älterer Sohn ist Schulverweigerer, die Familie hat diesbezüglich eine schier endlose Odyssee hinter sich. Was wie ein Einzelfall klingen mag, ist keiner.
Das zeigen die ersten Erfahrungen des Vereins Kompetenzzentrum Freiamt. Im Juni offiziell gegründet, seit September aktiv, will er Brücken schlagen zwischen allen Beteiligten: Eltern, Schule, Kind. «Ich will nicht, dass sich andere Eltern in einer solchen Situation allein fühlen, wie wir damals. Ich wäre froh um ein solches Angebot gewesen», sagt Dania Del Sole. Sie ist Präsidentin des Vereins, Nadia Fischer hilft im Vorstand mit. Elf Fälle betreuen sie aktuell, die meisten in der Region Freiamt. Eine betroffene Mutter formulierte es so: «Jemand, der neben meinem Stuhl Platz nimmt und mir zuhört.» Ohne Vorurteile, unvoreingenommen, neutral. Genau das macht der Verein.
Der Verein «Kompetenzzentrum Freiamt» bewegt sich zwischen Schule, Eltern und Kind – und ist gefragt
Es gibt den Verein seit Juni, seit September ist er aktiv. Begleiten, beraten und betreuen, das ist das Ziel. Im Zentrum steht dabei Schulabsentismus, also Kinder und Jugendliche, die nicht mehr oder nicht mehr regelmässig zur Schule gehen. Zwei Vorstandsmitglieder erzählen Genaueres.
Annemarie Keusch
Elf laufende und fünf bereits abgeschlossene Fälle. Und das innert weniger Monate. Und das, obwohl das Netzwerk erst richtig am Entstehen ist. «Jeder einzelne Fall bestätigt uns, dass es unser Angebot braucht. Aber die grosse Anzahl ist auch tragisch», sagt Dania Del Sole. Sie ist Präsidentin des Vereins Kompetenzzentrum Freiamt. Elf laufende Fälle im Bereich Schulabsentismus. Del Sole oder Nadia Fischer begleiten sie. Vor allem in der Region Freiamt, aber auch weit darüber hinaus. Das Ziel ist dabei, eine gute Lösung für das Kind, die Schule und die Eltern zu finden. Und dabei nicht primär Schulabsentismus zu vermeiden, sondern Krisen und psychosoziale Beeinträchtigungen, die solch schwierige Situationen mit sich bringen.
Dania Del Sole weiss genau, wovon sie spricht. Sie und ihre Familie haben eine veritable Odyssee hinter sich. Ihr älterer Sohn ist Schulverweigerer, litt über Jahre unter Mobbing-Folgen. «Ich will nicht, dass andere Eltern in solchen Situationen so alleine dastehen wie wir damals», sagt die zweifache Mutter, die mit ihrer Familie in Waltenschwil lebt. Verstanden, das fühlten sie sich lange nie. Wohnortsund Schulwechsel wurden vollzogen. «Nadia war die erste, die uns unterstützte.» Seit einigen Jahren ist Nadia Fischer Schulleiterin in Waltenschwil. Dania Del Sole hatte die Idee eines Kompetenzzentrums schon lange im Hinterkopf. Als die Realisierung nahte, war für sie klar, dass sie Nadia Fischer als Vorstandsmitglied fragen würde. Und Fischer sagte schnell zu. «Wir konnten da noch nicht erahnen, wie schnell alles wächst. Aber es ist eindrücklich zu sehen, wie diese sinnstiftende freiwillige Aufgabe Energien freisetzt.»
Niederschwelliges Angebot
Begleiten, beraten, betreuen – das tut der Verein, wenn es im schulischen Kontext zu Krisen kommt. «Unabhängig und neutral», betonen die beiden. Eltern, Schule und Kinder oder Jugendliche gemeinsam stärken, das ist das Ziel. «Ich hätte mir gewünscht, dass es so etwas gibt», sagt Dania Del Sole. Entsprechend wuchs der Wunsch in ihr, in ihrer Heimat ein solches Angebot aufzubauen. Zwar gibt es im Aargau verschiedene Anlaufstellen. Aber Dania Del Sole weiss: «Gerade im schulischen Kontext sind die Hürden, um diese in Anspruch zu nehmen, hoch.» Das Kompetenzzentrum Freiamt hingegen soll niederschwellig sein – für Eltern sowie Kinder und Jugendliche auch kostenlos. Und der Verein reagiert schnell. Dania Del Sole weiss: «Wer in einer solchen Situation ist, dass das Kind die Schule verweigert, der braucht unmittelbar Hilfe.»
Dass es eine solche Anlaufstelle braucht, davon ist auch Nadia Fischer überzeugt. Schulabsentismus ist ein Thema, das in immer mehr Schulen beschäftigt. «Ein breites Feld», weiss Fischer. Dazu gehöre auch, wenn Kinder oder Jugendliche nur physisch anwesend sind. Eine Situation, die für die Schule und die Eltern schwierig sei, vor allem aber auch für das Kind selbst. «Als Schulleiterin mache ich meine Arbeit gut, wenn es den Kindern gut geht. Sie sind unsere Zukunft, sie gilt es zu schützen und zu unterstützen.» Dabei sei sie bereit, auch unkonventionelle Wege zu gehen und im Rahmen ihres Engagements beim Kompetenzzentrum Freiamt auch zu unkonventionellen Wegen zu raten. «Ich helfe gerne dabei mit, jahrelange Leidenswege möglichst zu vermeiden.»
Aufklärungsarbeit braucht es dringend
Um in diesem Umfeld zu beraten und je nachdem zu vermitteln, ist viel Vorwissen notwendig. Das bringen beide mit. Fischer ist Schulleiterin, Del Sole arbeitete als Lehrperson, als Schulleiterin und hat sich im Zuge der schwierigen Situation rund um ihren älteren Sohn ganz viel Wissen angeeignet. Der Vorstand wird komplettiert durch Fabienne Huber, die beruflich als Leiterin Fachstelle Betreuung tätig ist, und Manuela Fischer, die als Kassierin und Aktuarin amtet.
Brücken bauen, das sei das Ziel und die Aufgabe des Vereins. Dania Del Sole sagt weiter: «Gleichzeitig sind wir ein offenes Ohr und ein Ort, wo man auch Frust und Ängste platzieren kann.» Dass sie alle schwierigen Situationen lösen können, das ist nicht ihr Anspruch. «Das wäre vermessen.» Vielmehr sei ihr Verein ergänzend zu anderen Angeboten. «Und wir betreiben Aufklärungsarbeit, weil es diese in diesem Kontext ganz sicher noch braucht.» Zudem transportieren sie Informationen. «Damit sich betroffene Eltern nicht alles selber zusammensuchen müssen.» Del Sole und Fischer betonen aber, dass sich nicht nur Eltern und Kinder an sie wenden können. «Solche Situationen stellen auch die Schulen vor grosse Herausforderungen. Auch hier bieten wir unsere Unterstützung an.» Der Verein sehe sich als Übersetzungshilfe zwischen Schule und Familie. «Wir wollen das Miteinander stärken und treten nicht als Richter oder Anwalt der Eltern auf», betonen sie.
Hemmschwellen abbauen, Brücken bauen
Dania Del Sole leitet das Kompetenzzentrum. Herzblut stecken aber alle Involvierten hinein. Und alle bringen ihr Netzwerk mit, das sich mittlerweile verbindet und immer grösser wird. «Die Hauptarbeit besteht aus Gesprächen», sagt Dania Del Sole. Unter anderem Informationen austauschen, Angst nehmen, Hemmschwellen abbauen, stattdessen Brücken bauen. Elf Fälle sind es aktuell. Fünf sind bereits abgeschlossen, in allen konnte eine für alle Beteiligten gute Lösung gefunden werden. «Wir hätten nie gedacht, dass es so schnell so viele Fälle sein werden», gesteht Präsidentin Dania Del Sole. Ein bisschen haben sie es gehofft, um bestätigt zu bekommen, dass es eine solche Anlaufstelle auch wirklich braucht.
Wie es weitergeht, das wissen die Vorstandsmitglieder noch nicht. Momentan läuft alles ehrenamtlich. Ein grosser Aufwand, den die Verantwortlichen auf sich nehmen. Wächst der Verein in gleichem oder ähnlichem Tempo weiter, wird das irgendwann nicht mehr möglich sein. «Die Finanzierung wird irgendwann zum Thema, aber noch nicht jetzt», sagt Initiantin Del Sole. Einfach mal anzufangen, zu handeln, zu helfen – das stand im Vordergrund. Und das macht der Verein Kompetenzzentrum Freiamt mit Erfolg. Von einer positiven Entwicklung kann Del Sole übrigens auch bei ihrem eigenen Sohn berichten. Nach zwei Jahren ohne Beschulung geht es ihm mittlerweile gesundheitlich viel besser und er wird wieder beschult.
Mehr Informationen finden Interessierte unter www.kompetenz-freiamt.ch.


