Textiler Schatz für die Dorfjugend
08.04.2026 Kelleramt, Theater, JugendHandarbeit für die Manege
Er rückt die Kinder ins Scheinwerferlicht der Manege, der Jugend Circus Biber in Arni. Doch was wäre der Auftritt ohne passende Kostüme? Da kommen Nadine Buri und ihr Team ins Spiel. Sie schneidern, nähen und basteln in ...
Handarbeit für die Manege
Er rückt die Kinder ins Scheinwerferlicht der Manege, der Jugend Circus Biber in Arni. Doch was wäre der Auftritt ohne passende Kostüme? Da kommen Nadine Buri und ihr Team ins Spiel. Sie schneidern, nähen und basteln in Fronarbeit an den Bühnenoutfits. Es sind mehrheitlich massgefertigte Einzelstücke. Über die Jahrzehnte ist im «Biber»-Fundus ein veritabler Schatz zusammengekommen. --tst
Besuch bei den ehrenamtlichen Kostüm-Näherinnen des Jugend Circus Biber in Arni
Ab August stehen die jungen Artistinnen und Artisten wieder vor Publikum im Scheinwerferlicht der Manege. An ihrem grossen Auftritt haben die Kostümschneiderinnen massgeblich Anteil. Sie wirken neu auch gemeinsam, im Foyer der Kirche.
Thomas Stöckli
Es ist wie eine Zeitreise durch die früheren Programme. Im Fundus hängen sie, sortiert nach Kleidertyp und Thema, die Manegenoutfits. Von der Zirkusdirektorin über den Clown und die Nixe bis zum Fakir. Weit über 1000 Kostüme sind es, die meisten vom Zirkus-eigenen Nähteam massgefertigt oder zumindest individualisiert. Jedes Jahr in stundenlanger Handarbeit. Angesammelt über Jahrzehnte.
Der Fundus im Dachgeschoss einer Altliegenschaft in Arni ist nur einen Steinwurf weit von der ökumenischen Kirche entfernt. Hier treffen sich die aktuellen «Biber»-Schneiderinnen im Foyer, schneiden Stoff zu und vernähen ihn, sprechen über ihre Ideen, holen sich Rat und geben Tipps. Diese Art der Zusammenarbeit ist neu. Bis anhin habe jede für sich zu Hause gewirkt, sagt Kostüm-Leiterin Nadine Buri. «Dass wir uns regelmässig treffen, ist mir wichtig.» Insgesamt sechsmal ist dafür das Foyer reserviert.
Austausch übers Webtool
Nadine Buri lancierte ihre Näherinnen-Karriere für den «Biber» zur Geburt ihrer Tochter. Jetzt hat sie bereits im dritten Jahr die Leitung inne. Elf Frauen wirken in ihrem Team ehrenamtlich mit. «14 wären ideal», sagt Buri, «eine pro Nummer.» Das sind jeweils acht Kostüme. Die Leiterin ist eine von drei Frauen, die für zwei Nummern schneidern, also 16 Kostüme. «Da komme ich schon an meine Grenzen», sagt sie, «aber ich mache es mit Freude.»
Die «Saison» beginnt für die Näherinnen ein gutes halbes Jahr vor der Premiere. Schon vom ersten Meeting der Geschichte-Schreibenden mit dem Trainerteam an ist Nadine Buri dabei. Auf einem visuellen Webtool nehmen Farb-, Stoff- und Schnittideen Form an. Auch die Trainerinnen und Trainer können hier ihre Inspiration, passend zum Thema, einbringen. So sind alle auf dem aktuellsten Stand der Planung, auch bezüglich Frisuren und Schminke. Das Kostüm-Team nimmt bei allen mitwirkenden Kindern und Jugendlichen die Masse. Der gemeinsame Stoffeinkauf im Januar in Zofingen ist dann ein weiterer Fixpunkt für die Näherinnen. Dafür steht ein Budget von 5000 Franken zur Verfügung. 147 Laufmeter Stoff wurden dieses Jahr angeschafft.
Thema: Unterwasserwelten
Diesmal lautet das Thema «Unterwasserwelten». Anne Gerber Vogt schneidet den roten Stoff für die Krabben-Kostüme zu. «Der fusselt so blöd», sagt sie, «dafür ist die Struktur dankbar: man sieht nicht jeden Fehler.» Käthi Stutz tüftelt derweil an Anemonen und Clownfischen. Sie ist vor über 15 Jahren durch eine Chor-Kollegin auf den «Biber» aufmerksam geworden, hat mit ihrem Enkel eine Vorstellung besucht und sich für die Kostüme begeistert. Seither engagiert sie sich freiwillig – und ist beeindruckt vom Organisationstalent, das Nadine Buri einbringt: «Unter ihrer Leitung bekommen wir viel mehr mit.» Manu Rohr, die seit mindestens zehn Jahren im Nähteam mitwirkt, stand als Kind selbst in der Manege. «Eigentlich bastelt sie lieber, als zu nähen», sagt Nadine Buri über sie. Deshalb ist sie für die reich dekorierten Kostüme der ganz Kleinen zuständig. «Die Arbeit macht Spass und die Leute, die mitmachen sind toll», sagt Maya Veraguth, pensionierte Handarbeitslehrerin.
Ästhetik und Funktionalität
Bis zum Fotoshooting fürs Programmheft im Mai muss alles fertig sein. Die Anproben laufen aber schon viel früher. Schliesslich muss getestet werden, ob die Kostüme noch passen – in einem Jahr kann sich bei Kindern und Jugendlichen körperlich viel verändern – und für die geplanten Nummern überhaupt tauglich sind. So gewährleisten Beweglichkeitsfalten, dass die Nähte auch bei artistischen Verrenkungen nicht reissen. Beim Seilspringen sollen keine Stoffenden verheddern und am Vertikaltuch dürfen die Kostüme nicht verrutschen. Trotzdem müssen sich die Kostüme schnell wechseln lassen, da fast alle Mitwirkenden in zwei Nummern auftreten. Erstmals werden dieses Jahr in der Manege rotierende Leitern zu sehen sein. Das fordert auch das Kostümteam: «Wir haben Gilets gemacht, damit T-Shirts auch kopfüber sitzen», erklärt Nadine Buri.
Flicken und nachbessern
Durch die regelmässigen Anproben nehmen die jungen Artistinnen und Artisten wahr, wie ihre Kostüme Gestalt annehmen. Mit diesem Bewusstsein steige die Wertschätzung, sagt Nadine Buri, «allerdings nehmen teilweise auch die Ansprüche zu», stellt sie lachend fest. Und nicht alle Pannen lassen sich vermeiden. So hat sich auch schon erst in der Lagerwoche unmittelbar vor der Premiere herausgestellt, dass zwei Kostüme nicht funktionierten, weil nachträglich ergänzte Applikationen die Stretch-Wirkung zunichte machten. Da gilt es dann schnell zu reagieren. Ebenso wenn während einer Vorstellung etwas reisst und am nächsten Tag wieder ein Auftritt ansteht: «Das bedeutet Nachtarbeit», so die Kostümchefin.
In den Gesprächen wird erst richtig klar, wie viel Herzblut in den Kostümen steckt, die im Fundus eingelagert sind. Arbeit von Jahren. Ein textiler Schatz, geschaffen von zahlreichen freiwillig engagierten Frauen.



