Streichen, zupfen und synchron atmen
23.06.2026 Region Oberfreiamt, Musik, Jugend, BoswilGefeierte «Fiesta Mexicana» mit dem Jugendorchester Freiamt in der Alten Kirche Boswil
Mitreissende Rhythmen und archaische Tänze, aber auch Melancholie. Das Jugendorchester Freiamt hat seinem Publikum die klangliche Vielfalt von Mexiko nähergebracht. ...
Gefeierte «Fiesta Mexicana» mit dem Jugendorchester Freiamt in der Alten Kirche Boswil
Mitreissende Rhythmen und archaische Tänze, aber auch Melancholie. Das Jugendorchester Freiamt hat seinem Publikum die klangliche Vielfalt von Mexiko nähergebracht. Mit einem neuen Dirigenten und exklusiven Arrangements.
Thomas Stöckli
Alle Augen sind auf Alberto López gerichtet. Der junge Mann entzupft seinem Kontrabass grad mit viel Herzblut eine groovige Improvisation. Das Solo hat er sich verdient. Schliesslich war er es, der das Programm für dieses Projekt konzipiert und für Streichorchester arrangiert hat. «Fiesta Mexicana» heisst es und versprach «Mexiko jenseits der Klischees».
Von Wehmut bis Lebensfreude
López wurde 1995 in eine Familie traditioneller Marimba-Musiker im Bundesstaat Chiapas im Süden Mexikos geboren. Dort wuchs er umgeben von den Klängen und musikalischen Traditionen seiner Region auf, was ihn früh in seiner musikalischen Entwicklung prägen sollte. Seit 2019 lebt und wirkt der Kontrabassist in der Schweiz, Brücken schlagend zwischen seinen kulturellen Wurzeln und der klassischen Musik. Wobei er sich offenbar auch dem Jugendorchester Freiamt verbunden fühlt: Seit vielen Jahren begleitet er dieses als engagierter Mentor und musikalischer Weggefährte.
Von rhythmischer Energie im Süden über die traditionsreiche Musik Oaxacas bis zu den Klängen Mexiko-Stadts, beeinflusst unter anderem aus Kuba, nahm das Jugendorchester sein Publikum mit auf eine musikalische Reise. Eine Reise, geprägt von Wehmut gleichermassen wie von Lebensfreude und wilden Tänzen. Ein Programm, mit dem das JOF den Beweis antrat, dass jedes Streichinstrument auch ein Zupfinstrument sein kann. Durch sein Arrangement gelang es Alberto López so, die aus Mexikos Musikkultur nicht mehr wegzudenkende Gitarre klanglich einfliessen zu lassen.
Stolz auf den Klangkörper
Das Programm hat David Hubov, seit Februar neuer Leiter des JOF, noch von seiner Vorgängerin übernommen. Auf der Bühne steht er den jungen Musikerinnen und Musikern mit vollem Körpereinsatz zur Seite. Von den Schuhen, die er auf dem Dirigentenpult rhythmisch klackern lässt, bis zu seiner akzentuierten Atmung, mit welcher er vor entscheidenden Momenten die volle Konzentration einfordert. «Der Atem ist Teil der Musik», erklärt er auf Nachfrage. Gerade auch in Mexiko, wo die Merimba zuweilen vielhändig gespielt wird – inklusive synchroner Atmung.
«Ich bin sehr zufrieden», zieht David Hubov nach den beiden Konzerten im Saal der reformierten Kirche Seon und in der Alten Kirche des Künstlerhauses Boswil Bilanz. Nach dem Leitungswechsel sei der Start nicht ganz einfach gewesen, blickt er zurück. «Ich habe ein Orchester angetroffen, das sehr stolz ist auf seinen Klangkörper», streicht er das Positive heraus: «Das sind optimale Bedingungen.» Freude bereitet ihm bei der Zusammenarbeit mit den jungen Musikerinnen und Musikern insbesondere deren Ehrgeiz, das was sie machen, auch gut zu tun – was sich in der Lernkurve eindeutig widerspiegle.
Polyrhythmen und andere Herausforderungen
Das aktuelle Programm habe das JOF insbesondere bezüglich der anspruchsvollen Rhythmen weiter vorangebracht. Dabei habe es ihn als Dirigent hier und da kaum noch gebraucht: «Es ist schön, wenn man das Orchester auch mal einfach spielen lassen kann», so Hubov. Das sei mit ein Ziel der Ausbildung, dass der Musiknachwuchs lernt, aufeinander zu hören. Dass dies klappt, zeigt sich am Konzert, etwa wenn zwischen Cello und zweiter Geige ein Lächeln ausgetauscht wird.
Am Konzert beweist übrigens auch das Publikum Perkussionsqualitäten. Unter Anleitung von David Hubov klatscht es nicht nur den Takt mit, sondern einen Rhythmus. So animiert, steht auch einem lang anhaltenden Schlussapplaus nichts mehr im Weg.
Eine permanente Herausforderung ist für jedes Jugendorchester, neue Mitglieder zu gewinnen und an das Musizieren im Orchester heranzuführen. Da sieht es in naher Zukunft nicht so schlecht aus: «Wir haben bereits erste Zusagen», so Hubov. Dazu sei er in regem Austausch mit den Lehrpersonen der Musikschulen. «Wir sind keine Konkurrenz zu den bestehenden Ensembles», betont er. Und: «Ich freue mich sehr auf die Zukunft im JOF.»


