Die Schweiz wurde nicht von Akademikern im Elfenbeinturm aufgebaut, sondern von Menschen, die gearbeitet haben: Handwerker, Unternehmer, Landwirte, Mechaniker, Elektriker oder Pflegefachkräfte. Unser Wohlstand entstand dort, wo Denken und Machen zusammenkamen. Genau daraus entwickelte ...
Die Schweiz wurde nicht von Akademikern im Elfenbeinturm aufgebaut, sondern von Menschen, die gearbeitet haben: Handwerker, Unternehmer, Landwirte, Mechaniker, Elektriker oder Pflegefachkräfte. Unser Wohlstand entstand dort, wo Denken und Machen zusammenkamen. Genau daraus entwickelte sich das duale Bildungssystem – eine der grössten Stärken unseres Landes.
Heute gerät dieses Erfolgsmodell zunehmend unter Druck. Immer mehr jungen Menschen wird vermittelt, eine Berufslehre sei nur die zweite Wahl. Gleichzeitig bleiben Lehrstellen unbesetzt, während sich die Hörsäle füllen. Der Fachkräftemangel ist deshalb nicht einfach Schicksal – wir produzieren ihn zunehmend selbst.
Ich kenne beide Bildungswege. Nach meiner Lehre als Koch absolvierte ich den Fachausweis, später die Berufsmaturität, die Passerelle und schliesslich den Master in Mathematik an der Universität Zürich. Rückblickend bin ich überzeugt: Ohne die Lehre hätte ich dieses Studium nie geschafft. Nicht wegen des Fachwissens, sondern wegen der Disziplin, der Belastbarkeit und der Fähigkeit, unter Druck Leistung zu erbringen.
Natürlich braucht die Schweiz gute Akademiker – Ärzte, Ingenieure oder Naturwissenschaftler. Genauso braucht sie aber Menschen, die Häuser bauen, Maschinen warten, Kranke pflegen oder Lebensmittel produzieren. Unsere Stärke war nie eine möglichst hohe Akademikerquote, sondern die Balance zwischen Theorie und Praxis. Wenn wir die Berufslehre weiterhin als zweitklassig behandeln, verlieren wir genau jene Menschen, die dieses Land tagtäglich am Laufen halten.
Tim Hoffmann, Tägerig