Miteinander statt aneinander vorbei
21.07.2026 Muri, Schule, GesundheitAm 10. August startet das neue Schuljahr – Christoph Schnitter rückt das Thema ADHS ins Zentrum
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Kurz ADHS. Christoph Schnitter ist selbst betroffen. Als Klassenassistent weiss er, dass gerade im schulischen Umfeld ADHS oft zur Herausforderung wird. «Für die Kinder, die Eltern und die Lehrpersonen», sagt er.
Annemarie Keusch
Der erste Schultag. Für alle Kinder ist das ein spezieller Moment. Mit dem Schuleintritt beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt, in dem sie sich in ungewohnte Strukturen einfinden müssen. «Damit haben viele Kinder etwas Mühe, jene mit ADHS aber ganz besonders», sagt Christoph Schnitter. Er weiss, wovon er spricht. Schliesslich ist auch er mit dem Aufmerksamkeitsdefizit und der Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert. «Seit meiner Schulzeit hat sich zum Glück vieles gewandelt, zum Positiven», sagt er. Dennoch, ADHS-Betroffene haben noch heute zu kämpfen. Disziplin, sich an Regeln halten – Attribute, die den Start in die Schulzeit grundsätzlich erleichtern – fällt ihnen beispielsweise enorm schwer. Hinzu kommt die Ablenkung, die im Vergleich zum Alltag im Elternhaus grösser wird. «Das ist logisch. Schliesslich sitzen im Schulzimmer 20 Kinder.»
Christoph Schnitter kennt die Spannungen, die dadurch nach kurzer Zeit entstehen können. Auf der einen Seite sind die Eltern, die immer wieder betonen, dass es zu Hause ganz gut funktioniere. Auf der anderen Seite stehen die Lehrpersonen, die im Schulalltag auffälliges Verhalten beobachten und darauf hinweisen. «Schnell entsteht ein Gegen- anstatt ein Miteinander.» Einen Grund dafür sieht Schnitter darin, dass ADHS noch immer zu wenig akzeptiert sei. «Viele Eltern wollen beispielsweise nicht wahrhaben, dass ihr Kind davon betroffen ist. Geschweige denn wissen sie, wie mit der Situation umzugehen ist.» Nicht selten kommt Scham dazu. Angst und Unsicherheit.
Knappe Zeit für Diagnose
Für Christoph Schnitter ist klar: «Abklärungen wären umso wichtiger.» Ab sechs Jahren können diese gezielt und zuverlässig veranlasst werden. «Bis neunjährig muss die Diagnose da sein, damit Unterstützung der IV möglich sein könnte», weiss Schnitter. Ein enger Zeitraum, zumal die aktuelle Wartezeit für ADHS-Abklärungen bis zu eineinhalb Jahre beträgt. «Eine frühe Abklärung bringt nur Vorteile», ist Schnitter überzeugt. «Weil so Eltern und Lehrpersonen nicht aneinander vorbeireden.» Transparenz sei hierfür eine Voraussetzung. Transparenz seitens der Eltern, dass sie die Lehrpersonen über eine allfällige Diagnose ihres Kindes informieren. Und Offenheit der Lehrperson, hinzusehen, zuzuhören. So könne gemeinsam ein Weg gefunden werden, der gegenseitig unterstützt anstatt überfordert. «Das geschieht aktuell noch viel zu wenig», sagt Schnitter. «Entscheidend ist, dass alle Beteiligten am gleichen Strang ziehen und das Kind bestmöglich unterstützen», sagt Schnitter.
Nach Ansicht von Schnitter wäre es hilfreich, wenn eine ADHS-Diagnose bereits vor dem Schuleintritt bekannt wäre und alle Beteiligten entsprechend informiert wären. «Dann müssen Abklärungen nicht erst beginnen, wenn bereits Probleme auftreten. So können sich Eltern, Lehrpersonen und Fachpersonen besser vorbereiten und das Kind von Anfang an gezielt unterstützen.» Eine wichtige Rolle spielten dabei Angebote wie Klassenassistenzen oder der schulpsychologische Dienst. Zwar seien solche Massnahmen mit Kosten verbunden, langfristig könnten sie jedoch dazu beitragen, spätere Schwierigkeiten und Folgekosten zu vermeiden. Zudem würden einzigartige Fähigkeiten dieser Kinder oft übersehen, die Förderung dieser Kinder und die Stärkung des Selbstvertrauens vernachlässigt, weil der Fokus auf den Problemen und nicht auf den Potenzialen liege.
In jeder Klasse ein Thema
Schnitter appelliert immer wieder an die Offenheit der Eltern. Motiviert sie, das Wissen und das Netzwerk anzuzapfen, das es beispielsweise auch in Muri gibt. Hausaufgabenhilfe, Elternverein, Familienberatung. Schnitter weiss: «In erster Linie sind die Eltern in der Pflicht und das tun sie bereits, indem sie akzeptieren, dass ihr Kind von ADHS betroffen ist, und dies nicht einfach ignorieren.» Und indem sie nicht der Schule, der Lehrperson Schuldzuweisungen machen, sondern mit der Schule zusammenarbeiten. «Das ist enorm wichtig. Denn man kann die Lehrpersonen nicht für alles in die Pflicht nehmen.»
Durchschnittlich ist ADHS in jeder Klasse ein Thema. «Viele weitere Auffälligkeiten kommen dazu. Dass dies für Lehrpersonen eine grosse Herausforderung sein kann – insbesondere, wenn die Zusammenarbeit mit den Eltern schwierig ist –, liegt auf der Hand.» Umso wichtiger sei ein unterstützendes Umfeld. Was zudem hilft: bedingungslose Liebe. «So vereinfachen alle Eltern ihren Kindern den Start ins Leben, auch in die Schulzeit.»
Schnitter will sensibilisieren, aufklären. Er tut dies als Klassenassistenz, er hält Vorträge. Und wenn gewünscht unterstützt er Eltern, Familien und Schulen. «Weil ich genau weiss, wie wichtig das Thema ist.» Entsprechend sei es vor allem auch wichtig, zu informieren. «Ja, am Schluss ist es durchaus ein politisches Anliegen. Gerade weil Klassenassistenzen immer noch nicht überall möglich sind.» Darum bringt Schnitter das Thema immer und immer wieder aufs Parkett. Unter anderem auch mit verschiedenen Büchern, die er schrieb.
Mehr Informationen finden Interessierte unter: www.adhs-potenzial.ch.

