«Ich bin mit mir im Reinen»
14.08.2026 Region Unterfreiamt, Villmergen, Musik, PorträtEin Treffen mit dem in Villmergen lebenden Rockmusiker Claudio Matteo
In den 80er-Jahren war Claudio Matteo mit der Rockband «China» drauf und dran, die Rockwelt zu erobern. Trotz beachtlichen Erfolgen gelang der internationale Durchbruch nicht. Doch der Musik ...
Ein Treffen mit dem in Villmergen lebenden Rockmusiker Claudio Matteo
In den 80er-Jahren war Claudio Matteo mit der Rockband «China» drauf und dran, die Rockwelt zu erobern. Trotz beachtlichen Erfolgen gelang der internationale Durchbruch nicht. Doch der Musik blieb der Gitarrist, Songwriter und DJ bis heute treu. «Auch wenn es im Alter nicht einfacher wird», wie er sagt.
Chregi Hansen
Als am Villmerger Jugendfest die Schweizer Mundartrocker von «Megawatt» Tausende von Zuhörern zum Ausflippen brachten, verfolgte Claudio Matteo den Auftritt vor und hinter der Bühne, wo er sich auf seinen Auftritt als DJ vorbereitete. «Ich habe die Band noch nie live gesehen. Habe ihre Karriere nicht genau verfolgt. Aber ich war begeistert, die haben richtig abgerockt und das Publikum mitgerissen», zollt der Villmerger Respekt.
Er selber weiss genau, wie es sich anfühlt, vor einem solch grossen Publikum zu spielen und es zum Ausflippen zu bringen. Mit seiner Band «China» stand er Ende der 80er vor dem grossen Durchbruch. Mit einem weltweiten Plattenvertrag und Plattenproduktionen in den USA. Mit mehreren Europa-Tourneen und sieben Studioalben wurden beachtliche Erfolge gefeiert. Die heutige Band «China» hat in den letzten Jahren wieder drei neue Songs mit Video veröffentlicht und ist stetig unterwegs. «Ich geniesse, dass wir immer noch auftreten können. Dass ich mit meinen alten Kumpels noch Musik machen kann. Und wer weiss, wo ich heute wäre, wenn es geklappt hätte mit dem ganz grossen Erfolg. Mir geht es gut, ich bin dankbar für alles, was ich noch erleben darf.»
Steuern bezahlen und an Altersvorsorge denken
Den Rockmusiker sieht man ihm immer noch an, nicht zuletzt der langen Haare wegen, auch wenn sie langsam grau werden. Auch die Posen für das Foto hat er noch drauf. Ansonsten entspricht Claudio Matteo aber nicht unbedingt dem Klischee des alten Rockers. Er lebt mit seiner Lebenspartnerin Yvonne und Hund Sunny in einer Eigentumswohnung in Villmergen. Bestellt zum Gespräch einen Kaffee – und das in der Villmerger Braui. Und er macht sich schon frühzeitig Gedanken um seine Altersvorsorge. Anders als andere Rockmusiker hat der 63-Jährige sein Geld nicht einfach rausgeballert, sondern immer auch gespart. «Ich bin nicht reich, aber uns geht es finanziell gut. Ich habe auch immer brav Steuern bezahlt und Buchhaltung geführt. Das kam mir in der Coronazeit zugute, weil ich schwarz auf weiss vorlegen konnte, welche Einnahmen mir entgehen», erklärt er.
Wobei, an den Ruhestand denkt er noch lange nicht. Dafür liebt er die Musik zu sehr. Und tatsächlich hat der gelernte Maschinenmechaniker immer von der Musik gelebt. Weniger von den Albenverkäufen, die heute nur noch einen kleinen Prozentsatz ausmachen, aber mehrfach mit Live-Auftritten mit «China» und weiteren Coverbands wie «Acoustical Mountain» (das Unplugged-Projekt mit Marc Storace von «Krokus»). Sehr stark gebucht wird er auch als DJ in der ganzen Schweiz, seit Jahren sorgt er in vielen Clubs und an vielen Partys für Stimmung. «Ja, es läuft gut», sagt er strahlend. Und in gewisser Weise sei ein DJ ja auch ein Musiker. «Ich komponiere, indem ich entscheide, welche Stücke ich auflege und zusammenmixe. Damit kreiere ich bestimmte Stimmungen», sagt er. Bei ihm gibt es vor allem Musik von den 60ern bis in die 90er, aber er streut auch moderne Songs ein. «Ich halte mich stets auf dem Laufenden, was entscheidend ist für diesen Job. Ich bin ständig auf Musiksuche und verfolge Charts und Streaming verschiedener Länder», erzählt er. Und er mag ganz verschiedene Musik, «solange es groovt».
Auch mit den Möglichkeiten der KI beschäftigt er sich. Sie bietet seiner Meinung nach eine unglaubliche Mehrzahl an neuen Tracks im elektronischen Bereich, «ich würde fast schon sagen, eine Überflutung an neuer Musik». Gleichzeitig sieht er auch die Gefahr – gut möglich, dass die KI irgendwann den DJ überflüssig macht. Matteo liebt die handgemachte Musik der früheren Jahre, geht aber mit der Zeit. Lange war er einer, der mit grossen Koffern voller CDs in den Clubs erschien. Heute bringt er seine Musiksammlung auf dem USB-Stick mit. Auch privat konsumiert er Musik vermehrt digital, obwohl er sich anfangs schwertat. Spotify betrachtet er als zweischneidiges Schwert. «Aber die Musikszene hat sich verändert. Ist schnelllebiger. Wer hört sich heute noch ein ganzes Album an?» Inzwischen ist er daran, seine umfangreiche CD-Sammlung in seiner Villmerger Wohnung abzubauen. Nur ein Regal mit den besten Rockalben der frühen Jahre darf bleiben.
Wieder mit der Urformation unterwegs
Und von den früheren Zeiten schwärmt der Villmerger, wenn er über «China» spricht. Dass es die Band 40 Jahre nach der Gründung und nach den vielen personellen Wechseln noch gibt, erfüllt ihn mit Stolz. «Wir spielen heute wieder in der Urformation. Wir verstehen uns super und harmonieren gut. Wir müssen uns nichts mehr beweisen, spielen einfach aus Freude an der Sache», erklärt er. Sie alle seien gute Kumpels, das spüre man auch auf der Bühne. Und Matteo hat heute auch keine Hemmungen, einfach die alten Songs zu spielen. Zwar brachte die Band regelmässig neue Alben heraus, aber die Fans wollten vor allem «In the Middle of the Night» hören.
Dass vor allem die alten Sachen gefragt sind, musste «China» brutal erfahren, als man vor 12 Jahren nochmals zusammenfand und richtig Gas geben wollte. Mit Auftritten beispielsweise am grossen Open-Air-Festival Rock the Ring in Hinwil und im Vorprogramm von «Krokus». Als die Band von der Bühne ging, lobte Chris von Rohr von «Krokus» den Auftritt zwar, kritisierte aber, dass der grösste Hit gefehlt hat. «Chris hat mir die Augen geöffnet. Wir waren so stolz auf unsere neuen Stücke. Aber die alten Sachen wegzulassen, das war ein Fehler», sieht Matteo heute ein.
Wenn Claudio Matteo über «China» spricht, spürt man, wie viel ihm die Band bedeutet. Noch immer tritt man regelmässig auf, noch immer veröffentlicht man regelmässig neue Songs, die Matteo zusammen mit Freddy «Laurence» Scherer von «Gotthard» schreibt. «Die Musikszene hat sich verändert. Wir müssen heute kein neues Album einspielen. Aber immer wieder haben wir Ideen für neue Songs, dann gehen wir gemeinsam ins Studio und nehmen was auf. Unter professionellen Bedingungen. Wenn wir etwas machen, dann soll es auch richtig klingen», erklärt der Gitarrist und Sänger.
Auch auf Tour in der Schweiz ist man noch regelmässig. Spielt da vor allem die Songs der beiden ersten, sehr erfolgreichen Alben. Wobei das gar nicht so einfach ist, wie Matteo schmunzelnd erklärt. «Wir werden alle älter. Können nicht mehr so hoch singen wie damals, müssen alles neu arrangieren, etwas runterschrauben.» Und die Auftritte schlauchen heute auch körperlich mehr als früher. «Wir sind eben alle ü60», lacht er.
Doppel-LP geplant
Er schwelgt zwar in Erinnerungen, will aber trotzdem immer wieder etwas Neues machen. «Wir wollen kreativ bleiben. Und wir treffen immer wieder auf Menschen, die unsere Musik lieben. Unsere Fanbase ist super.» Und diese Fans hat «China» nun eingespannt. In Kürze werden die ersten beiden Alben neu veröffentlicht, als Doppel-LP auf Vinyl, «The Beginning». Quasi eine Hommage an die alten Zeiten. Und im Innenteil wird es viele alte Fotos der Band geben. «Wir wollten nicht die Bilder zeigen, die man schon kennt. Darum haben wir die Fans angefragt, ob sie uns ihre privaten Bilder schicken können, die sie gemacht haben», erklärt der Kopf der Band. Er freut sich extrem auf das neue, alte Album. «Wir feiern damit die 80er-Jahre», sagt er.
Bald live in Tennwil zu erleben
Man spürt, Claudio Matteo hat Freude am Leben. Auch ohne die ganz grosse Karriere. «Wir hatten trotzdem eine geile Zeit», schmunzelt er. Und er hat weiterhin Lust, Neues auszuprobieren. Er kann sich auch vorstellen, in Zukunft Bands zu coachen und Workshops in Schulen zu geben. Will sein Wissen und seine Erfahrungen weitergeben. Erste Anfragen gab es schon. «Ich habe mir früher auch schon überlegt, als Musiklehrer zu arbeiten. Aber damals hätte ich wohl zu wenig Geduld gehabt», gibt er zu. Jetzt aber kann er sich Projekte mit Schulen vorstellen. Wenn er dafür etwas weniger in den Clubs auflegen muss, käme ihm das gelegen. «Als DJ arbeite ich vor allem nachts und am Wochenende. Mal an einem Samstagabend frei zu haben und mit meiner Partnerin ein paar schöne Stunden zu geniessen, wäre auch schön», gibt er zu. Er wird eben nicht jünger. Auch wenn er noch immer ganz viel Rock ’n’ Roll im Blut hat. Und «China» bleibt seine grosse Liebe. «Wer uns wieder mal live erleben möchte: Wir spielen am 19. September 2026 an der Rocknacht Tennwil», sagt er zum Schluss.


