Der Weg aus der Krise
27.02.2026 Kultur, Muri, Boswil, Kunst, Region OberfreiamtHand in Hand mit Murikultur
Zukunft des Künstlerhauses Boswil
Finanziell in Schieflage und nicht wirklich positive Schlagzeilen. Das Künstlerhaus Boswil lud diese Woche zur Medienkonferenz, um unter anderem über die strategische Ausrichtung ...
Hand in Hand mit Murikultur
Zukunft des Künstlerhauses Boswil
Finanziell in Schieflage und nicht wirklich positive Schlagzeilen. Das Künstlerhaus Boswil lud diese Woche zur Medienkonferenz, um unter anderem über die strategische Ausrichtung ab 2027 zu informieren. «Wir wollen nichts beschönigen», sind die deutlichen Worte, die Christine Hehli Hidber, Co-Präsidentin des Stiftungsrates, dabei wählt. Aber es gibt Wege, die aus der Krise führen – etwa in Form einer Zusammenarbeit mit Murikultur. --ake
So will das Künstlerhaus Boswil wieder an Stabilität gewinnen
Genau definierte Verantwortlichkeiten. Enge betriebswirtschaftliche Regeln. Mehr künstlerischer Wert pro investiertem Franken. So planen die Verantwortlichen des Künstlerhauses Boswil, die Institution in die Zukunft zu führen – und mit einer Zusammenarbeit mit Murikultur.
Annemarie Keusch
Das Defizit ist Realität. Wie hoch dieses für das vergangene Jahr aussieht, kann Geschäftsführerin Nina Fleischle zwar noch nicht beziffern. «Aber die Zahlen sind rot.» Grosse Würfe diesbezüglich kann man vom laufenden Jahr auch nicht erwarten. Es wird als «Übergangsjahr» deklariert und die Rechnung soll möglichst ausgeglichen ausfallen. «Natürlich arbeiten wir auf einen kleinen Gewinn hin. Das ist das Ziel.» Langfristig aber muss es deutlich ins Plus gehen, um dem Betrieb am Künstlerhaus Boswil eine Zukunft zu geben. Das wissen auch die Co-Präsidentinnen des Stiftungsrates, Irene Näf und Christine Hehli. Hehli spricht von strukturellen und finanziellen Problemen, die es zu lösen gelte. «So entsteht das Fundament, ohne das künstlerische Exzellenz gar nicht möglich ist.» Die Institution nehme die Kritik ernst. «Wir wollen wieder mit unseren musikalischen Inhalten wahrgenommen werden», hält Hehli fest. Mit Konzerten, wie jenem von Teo Gheorghiu, das vor wenigen Tagen für stehende Ovationen sorgte.
Organisation stabilisieren, finanzielle Planbarkeit und ein klares Führungsmodell – so formuliert Irene Näf die Ziele. In diese Richtung habe man in den letzten Wochen und Monaten intensiv gearbeitet. Die Kompetenzen klar verteilen, das sei dabei wichtig. Die künstlerische Leitung sorgt für Profil und Programm, die Geschäftsführung kümmert sich um finanzielle, personelle und organisatorische Belange.
Geschrumpfter Stellenetat
Eine der Schlüsselpersonen ist dabei Nina Fleischle. Seit Anfang Jahr ist sie Geschäftsführerin am Künstlerhaus. Sie betont: «Wir wollen uns nicht kaputtsparen, stattdessen professionalisieren und fokussieren wir.» Sie spricht von mehr künstlerischem Wert pro investiertem Franken. Von engen betriebswirtschaftlichen Regeln. Von definierten Verantwortlichkeiten. «So vermeiden wir Leerläufe und Doppelspurigkeiten.» Der Stellenetat wird deutlich schrumpfen. Auch, weil Aufträge gerade im Bereich der Projektleitungen künftig in Mandaten vergeben werden anstatt in fixen Pensen. Aber auch im betrieblichen Bereich gibt es Einsparungen. «Beide Bereiche funktionieren nur miteinander, entsprechend braucht es bei beiden Eingriffe», sagt Christine Hehli. Entlassen worden sei niemand, höchstens das Pensum reduziert. «Weil wir zuversichtlich sind, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Was auch heisst, dass die Hoffnung gross ist, dass ein Ausbau in Zukunft wieder möglich ist.»
Dass vorher ein Chaos herrschte, das wollen die Verantwortlichen mit diesen nun eingeleiteten Schritten nicht implizieren. «Es war einfach weniger effizient», sagt Christine Hehli. Dabei spiele das neue künstlerische Betriebsbüro eine zentrale Rolle. Als Schnittstelle zwischen den strikt getrennten betrieblichen und künstlerischen Bereichen. Die Strategie für den Weg aus der Krise steht also. Es ist aber erst rund sechs Jahre her, dass das Künstlerhaus Boswil eine neue, damals ebenfalls vielversprechende Strategie definierte. «Man hat diese aber immer wieder den Personen angepasst anstatt die Personen der Struktur», sagt Irene Näf. Es habe Mut gebraucht, zuerst die Strategie zu fixieren und dann die passenden Personen zu finden. «Aber genau das ist uns geglückt.»
Seit vier Jahrzehnten eng verbunden
Näf meint Nina Fleischle als Geschäftsführerin. Sie meint aber auch Fränzi Frick und Oliver Schnyder, die ab 2027 die künstlerische Co-Leitung übernehmen und schon jetzt intensiv mitarbeiten. Die beiden sprechen von einer klaren, erkennbaren Handschrift, die sie etablieren wollen. Aber sie wissen auch: «Es wird Zeit brauchen, das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen.» Das dafür notwendige Herzblut haben die beiden, schliesslich sind sie seit 40 Jahren mit dem Künstlerhaus verbunden. In der Szene haben sich die beiden über Jahrzehnte ein riesiges Netzwerk aufgebaut. «Genau das wollen wir nun auch für das Künstlerhaus nutzen», sagt Oliver Schnyder.
Ihr Konzept bauen sie auf drei verschiedenen Themenbereichen auf: künstlerische Exzellenz, Nachwuchsförderung und Vermittlung und eine enge Publikumsbindung. Grundlagen seien viele da. Fränzi Frick vergleicht es mit einem Wollknäuel, der über die Jahre und Jahrzehnte etwas wirr wurde und aus dem nun der rote Faden gesponnen werden müsse. Heisst nicht, dass die bestehenden Gefässe nicht weitergehen. Heisst aber, dass sie pointierter werden. Von den Akademien über den Boswiler Sommer bis hin zu den Meisterkonzerten. Etwa wird der Boswiler Sommer dann nicht mehr 16, sondern noch 10 Konzerte zählen. «Fokussiert auf Weltklasse, auf die Willkommenskultur dieses Ortes und ohne grosse Experimente», sagt Oliver Schnyder. Frick und Schnyder planen aber auch, neue Gefässe aufzubauen. «Die nötige Offenheit dafür spüren wir.»
Konzertzyklus zu Beethoven
Frick und Schnyder meinen damit auch die Zusammenarbeit mit Murikultur, die ab 2027 angestrebt wird. Ihre Kontakte nach Muri sind eng – zu Murikultur, zu «Muri Classics». Schnyder spricht von einem häuserübergreifenden Konzertzyklus, der 2027 geplant ist. «Beethoven, 200 Jahre nach dessen Tod.» Einzelne Meisterkonzerte sollen im Murianer Festsaal stattfinden. Auch das Jugendsinfonie-Orchester Aargau soll dort auftreten können. «Da stösst die Alte Kirche jeweils platzmässig an ihre Grenzen», weiss Schnyder. Sich nicht konkurrenzieren, stattdessen einen gemeinsamen starken Kulturraum schaffen, das sei das Ziel. «Die Zeit für dieses Miteinander ist da», sagt Frick.
Was aber nicht heisst, dass beide kulturellen Leuchttürme nicht ihre spezialisierten Ausprägungen behalten. «Beide Institutionen erlebten oder erleben einen Umbruch. Die Gelegenheit für ein künftiges Miteinander könnte also nicht besser sein», sagt auch Co-Stiftungsratspräsidentin Irene Näf.
Schiff manövrierbarer machen
Ein Containerschiff, das seinen Kurs schon lange im Voraus bestimmt hat. So lautet Fricks Vergleich des Künstlerhauses. Darum gelte es jetzt, festzulegen, in welche See ab 2027 gesegelt wird. Mit dem kleineren Team und damit manövrierbarer. Denn in einem sind sich alle einig: dass es sich lohnt, sich für das Künstlerhaus Boswil einzusetzen. «Ein einzigartiger Kraftort in der Schweizer Musiklandschaft», sagt Oliver Schnyder.
Das sagt Murikultur
Das Künstlerhaus Boswil und Murikultur arbeiten künftig im Bereich der klassischen Musik zusammen. «Das war immer mal wieder ein Thema, klappte in den vergangenen Jahren aber aus unterschiedlichen Gründen nicht», sagt Röbi Barrer, Stiftungsratspräsident von Murikultur. «Jetzt ist die Situation eine andere und wir bündeln unsere Kräfte.» Schliesslich sei das Angebot auf sehr engem geografischem Raum gross – Zürich, Zug, Luzern und das Seetal eingerechnet. «Die Zusammenarbeit ist eine tolle Sache. Von beiden Seiten ist viel Zustimmung da. Das Konkurrenzdenken ist weg, entsprechend bin ich positiv gestimmt, was die gemeinsame Zukunft anbelangt.» Wie sich diese entwickeln werde, sei nicht absehbar. «Was klar ist: Wir bleiben zwei separate Leuchttürme.» --ake
Neue JOF-Leitung
Mandate anstatt festgelegte Pensen. Zwei der drei Projektleiter am Künstlerhaus Boswil haben den entsprechenden neuen Vertrag vor wenigen Monaten unterschrieben. Nicht so Anne-Cécile Gross, die das Jugendorchester Freiamt leitete. Das sorgte für Unstimmigkeiten, auch mit den Jugendlichen und deren Eltern. «Wir bedauern ihren Entscheid sehr», sagen die Co-Stiftungsratspräsidentinnen Christine Hehli und Irene Näf. Schliesslich ist das JOF Teil des Leistungsvertrages mit dem Kanton, den das Künstlerhaus Boswil zu erfüllen hat. Geschäftsführerin Nina Fleischle erkennt: «Wir hätten die Kommunikation zu diesem Thema proaktiver planen und umsetzen können.» Ihnen seien aber auch personalrechtliche Grenzen gesetzt.
Inzwischen leitet Daniel Hubov das JOF. «Ein sensibler, erfahrener, junger Dirigent und Musiker», sagt Fränzi Frick. Zwei Proben sind bereits Geschichte. «Wir sind froh, dass der Start erfolgreich war und keine einzige Probe ausfiel», sagt Näf.--ake


