Zwischen Genuss und Demut
14.08.2026 Wohlen, Politik, PorträtSerie – was machen Personen des öffentlichen Lebens sonst noch: Matthias Jauslin, Politiker und Segelflieger
Unternehmer und anerkannter Politiker. Das sind die beiden bekannten und erfolgreichen Seiten von Nationalrat Matthias Jauslin. Aber der 64-Jährige ...
Serie – was machen Personen des öffentlichen Lebens sonst noch: Matthias Jauslin, Politiker und Segelflieger
Unternehmer und anerkannter Politiker. Das sind die beiden bekannten und erfolgreichen Seiten von Nationalrat Matthias Jauslin. Aber der 64-Jährige hebt auch gerne ab – vor allem als leidenschaftlicher Segelflieger. So betrachtete er das Matterhorn schon viele Male aus der Nähe.
Daniel Marti
«Man muss die Geschwindigkeit und die Ausrichtung beider Flügel beachten, die Fluglage halten. In der Mitte sitzt der Pilot, der alles steuert. Wenn das nicht gelingt, die Schräglage zu gross wird, die Geschwindigkeit zu tief, dann schmiert das Segelflugzeug ab.» So erklärt Matthias Jauslin die Arbeit im Cockpit. Diese Beschreibung kann durchaus auch auf die Politik umgemünzt werden. Ist nur ein Flügel, ein Pol, dominant oder gar schräg in der Luft, dann wird es herausfordernd. Die Mitte wirkt auch in der Politik ausgleichend. Politik und Segelfliegen funktionieren also ähnlich – zumindest für Matthias Jauslin.
Der Wohler Nationalrat politisiert seit bald 30 Jahren, in Bundesbern seit 2015. Und noch länger ist er mit Begeisterung Segelflug-Pilot. Er steuert jene Gattung Flugzeuge, die geräuschlos durch die Lüfte gleiten und ihre Schleifen ziehen. Segelflugzeuge ziehen die Blicke der Menschen an, die staunend in den Himmel gucken und die Flieger ohne Motoren bewundern.
Bewusst bei null angefangen
Diese Bewunderung hat auch Matthias Jauslin erfasst. Einst Spitzensportler und zehn Jahre lang Mitglied der Schweizer Nationalmannschaft im Militärischen Fünfkampf, suchte er nach dem Karriereende eine neue Herausforderung. «Ich wollte bewusst bei null anfangen», blickt er zurück. Und weil Matthias Jauslin in Gebenstorf aufgewachsen ist (und seit 1988 in Wohlen wohnt), lag der Flugplatz Birrfeld sehr nahe. «Ich hatte bis dahin nichts mit Aviatik am Hut», und trotzdem faszinierten ihn diese stillen Riesen am Himmel. «Und dann bin ich einfach reingerutscht.» Trainings, Ausbildung, Fluglizenz – alles absolvierte er auf dem Regionalflugplatz Birrfeld.
Die ersten Flüge fanden mit einem Doppelsitzer statt, der Fluglehrer hinten, Neupilot Jauslin vorne. Starten, landen, Volten fliegen, Gefahrenmomente meistern, Technik beherrschen, Instrumente richtig lesen und bedienen.
Und dann gegen Ende der Ausbildung meinte sein Fluglehrer plötzlich: «So, jetzt geht es alleine hoch.» «Wie bitte, der erste Flug ganz alleine?», schoss es ihm durch den Kopf. «Der hat aber viel Vertrauen in mich, ich muss dieses Flugzeug ja wieder auf den Boden bringen.» Dieser erste «Alleinflug» ist jedenfalls gut gelungen, er blieb in bester Erinnerung.
Die Suche nach der Thermik
Heute ist Politiker Jauslin ein erfahrener Pilot mit rund 1700 Flugstunden. Wenn er von seinen Flugrouten erzählt, klingt alles einfach. An Bord gibt es Navigationsgeräte, die anzeigen, wo man sich befindet. Oder auf dem Handy ist ersichtlich, wann und wo die besten Wetterverhältnisse herrschen. «Letztlich muss ich einfach den richtigen Einflug in den Aufwind erwischen.» So einfach ist das. «Und nach dem Thermikkreisen kann man auch mal Vollgas geben, das fühlt sich dann an, wie wenn man mit einem Schlitten den Hang runterfährt», schmunzelt er. Dann geht es vorwärts mit bis zu 250 km/h.
Und die nötige Energie, um Höhe zu gewinnen, liefern die Sonne oder die Hangaufwinde. Die Suche nach der Thermik ist die ständige Begleiterin. Und Thermik ist dort, wo die Quellwolken sind. Ein lupenreiner blauer Himmel bedeutet erschwerte Verhältnisse.
Ein Elektromotor als Starthilfe
Das Risiko, nicht wieder heil am Boden anzukommen, das schätzt Matthias Jauslin als sehr gering ein. Fehlt der nötige Aufwind, muss eine Aussenlandung in Betracht gezogen werden. Mögliche Aussenlandefelder sind bekannt und auch im Navigationsgerät aufgegleist. Einzig das holprige Terrain, Steine und Zäune können dann ein gewisses Risiko darstellen. Aber eine Aussenlandung ist eben mit Aufwand verbunden, das Flugzeug muss demontiert und im Anhänger zum Heimatflughafen transportiert werden.
Seit drei Jahren besitzt er in einer Haltergemeinschaft einen eigenständigen Segelflieger mit Motor. Damit ist er nicht mehr auf ein Schleppflugzeug angewiesen. Der Motor – ein Elektromotor mit Batterien in den Flügeln – wird einzig für den Start benötigt. Zudem ist er eine «Heimkehrhilfe» zum gewünschten Flugplatz. «Das schenkt einem etwas mehr Gelassenheit», sagt Jauslin. Ansonsten setzt er nach wie vor gerne auf die Sonnenenergie. Distanzen von 300 bis 600 Kilometern sind keine Seltenheit.
Seine Lieblingsstrecke geht vom Flugplatz Birrfeld dem Jura entlang bis an den Chasseral, dann quer über das Mittelland über das Simmental ins Wallis hinauf ins Mattertal zum Matterhorn und über die Innerschweiz wieder zurück – das ist immer wieder ein besonderes Erlebnis und eine Strecke von rund 500 Kilometern. Oder ein Rundkurs vom Birrfeld zum Lac de Joux und ein Kehr über den Schwarzwald und der schwäbischen Alp – auch das ist eine schöne Herausforderung. Oft ist er da mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 90 km/h und mehr unterwegs. «Das Tempo, die Landschaft von oben, das ist sagenhaft», schwärmt Jauslin. Auch Flüge über die Alpen sind immer beeindruckend – aber sie regen auch zum Nachdenken an. Besonders, wenn er über die Gletscherlandschaften fliegt, kommen auch ernste Gedanken auf. «Was machen wir nur mit dieser Welt», denkt er sich, wenn er über den stetig schmelzenden Gletscher gleitet.
Als Aero-Club-Präsident geniesst er Vorteile
Auch die Grünflächen im Mittelland haben deutlich abgenommen. Neben vielen besonderen Erlebnissen beschäftigt ihn auch der Umgang mit der Umwelt. «Schliesslich liefert uns die Natur die Lebensgrundlagen.»
Matthias Jauslin ist ein Kämpfer für gute Rahmenbedingungen, für ein intaktes Miteinander. Dies tut er als Zentralpräsident des Aero-Clubs der Schweiz, dieses Amt bekleidet er seit 2017. «Die Menschheit wird immer fliegen, aber es braucht Massnahmen, um die Luftfahrt und die Umwelt einigermassen ins Gleichgewicht zu bringen», fordert er.
Aber letztlich fasziniert ihn die Fliegerei mit reiner Energie der Sonne am meisten. Danach richtet er auch seine Ferien aus. Im Frühling und im Sommer nimmt er sich jeweils eine Woche Ferien nur für die Fliegerei. Als Verbandspräsident, Nationalrat und leidenschaftlicher Segelflieger könnte man meinen, Jauslin wird noch zum Überflieger. Genau das möchte er nicht. «Wenn ich die Welt aus der Vogelperspektive sehe, frage ich mich oft, über welche unwichtigen Themen wir in der Politik streiten. Fliege ich ins Mattertal, umgeben von Viertausender, wird ein Segelflieger zu einem kleinen, unscheinbaren Punkt», sinniert er. Das Segelfliegen verleiht ihm in solchen Momenten vor allem eins: Demut.
Jost AG zurück in Wohlen
Nicht nur politisch, sondern auch geschäftlich hat Matthias Jauslin die Weichen gestellt. Er ist Inhaber und Geschäftsführer der Jost Wohlen AG in Wohlen. Kürzlich konnte die Firma in den neuen Geschäftssitz ziehen. Der Neubau ist am selben Ort erstellt worden: an der Bremgarterstrasse 62. Zwei Jahre lang war deshalb das Unternehmen in Villmergen in ein Provisorium ausquartiert. «Es freut uns natürlich, dass wir wieder in Wohlen sind», betont Jauslin.
Das Unternehmen, im Jahr 1989 gegründet, zählt rund 30 Mitarbeitende. Die Jost Wohlen AG bietet die gesamte Elektro-Palette an: von der Projektierung und Planung über die Projektrealisierung bis hin zum kompletten Unterhalt der Elektroanlagen. Und Matthias Jauslin sieht der Zukunft optimistisch entgegen. Am neuen Standort am bisherigen Ort ist ein moderner Firmensitz entstanden. «Und die Nachfolgeregelung ist ebenfalls gesichert», so Jauslin.
Erneute Kandidatur als Nationalrat
Die Laufbahn soll als GLP-Vertreter noch weit gehen
Seine Karriere als Politiker ging Schritt für Schritt vorwärts: Einwohnerrat, Gemeinderat, Vizeammann, Grossrat und seit November 2015 ist Matthias Jauslin Nationalrat. Und zu Beginn des Jahres 2025 überraschte er mit einem Parteiwechsel. Von der FDP zur GLP. Für ihn habe sich eine spannende Konstellation ergeben, von der grossen FDP zur kleineren GLP sei einschneidend gewesen. Bei der Parteigrösse, bei den Personalressourcen und bei den finanziellen Mitteln sind wesentliche Unterschiede spürbar. Der Aufwand eines einzelnen Politikers ist deshalb um einiges grösser. «Das Politisieren ist direkter als bei der FDP. Aber ich bin bestens integriert in der GLP», sagt er. Das Einvernehmen und der Austausch mit den ehemaligen Fraktionskollegen sei recht gut. Bei Gesellschafts- und Wirtschaftsthemen sind sich zudem FDP und GLP einig. Und er selber habe seine Grundeinstellung zu ökologischen Themen nicht geändert.
Sein Fazit über den Parteiwechsel fällt jedenfalls eindeutig aus. «Mit dem Wechsel zur GLP kann ich meine Ideen für einen sorgfältigen Umgang mit der Umwelt wirksamer einbringen. Der Entscheid war richtig.»
Matthias Jauslin fühlt sich wohl bei den Grünliberalen – dies gilt von der Ortspartei bis hin zur nationalen Ebene. Und bei der Kantonalpartei ist die Strategie ebenfalls bereits klar. Matthias Jauslin wird bei den Nationalratswahlen im Herbst 2028 nochmals antreten. Auslöser ist die besondere Konstellation innerhalb der GLP. Der langjährige Nationalrat Beat Flach ist nach 14 Jahren zurückgetreten. Barbara Portmann-Müller ist sei 1. Juni 2026 seine Nachfolgerin. Und die GLP möchte die Chance packen, mit zwei Bisherigen ins Nationalratsrennen zu steigen. Deshalb: Matthias Jauslin wird erneut kandidieren. «Das ist offiziell», betont er. Im Wissen, dass die Ausgangslage herausfordernd ist. «Von der Grösse her ist ein Nationalratssitz für die GLP realistisch, doch mit zwei Bisherigen besteht durchaus die Chance auf einen Stimmenzuwachs», erklärt der 64-jährige Wohler.
Ob so eine Wiederwahl gelingt, das lässt er offen. «Die Zielsetzung mit zwei Sitzen ist ziemlich sportlich. Aber wenn alles stimmt …» Damit setzt er auf eine gute Listenverbindung, auf eine gewisse Bekanntheit und seine enorme Erfahrung. Ziel wird ein gutes Resultat sein. --dm



