«Wo führt das noch hin?»
28.07.2026 Region OberfreiamtInterview mit Cyrill Gauch, Landwirt, Braunviehzüchter und First Responder
Er ist Landwirt mit Leib und Seele. In Bettwil bewirtschaftet Cyrill Gauch mit seiner Familie den Mühlehof. Zudem präsidiert er die Braunviehzüchter Aargau und versucht, als ...
Interview mit Cyrill Gauch, Landwirt, Braunviehzüchter und First Responder
Er ist Landwirt mit Leib und Seele. In Bettwil bewirtschaftet Cyrill Gauch mit seiner Familie den Mühlehof. Zudem präsidiert er die Braunviehzüchter Aargau und versucht, als First Responder Leben zu retten. Dafür ist er quasi rund um die Uhr in Alarmbereitschaft.
Annemarie Keusch
Wenn Sie rund um die Landwirtschaft etwas verändern könnten, was wäre das?
Cyrill Gauch: Ich würde mir sicherere Rahmenbedingungen wünschen. Was die Preise anbelangt, aber auch ganz allgemein in der Agrarpolitik. Alle vier Jahre ändert sich die Ausrichtung, teilweise grundlegend. Das ist eine grosse Herausforderung für alle Berufskollegen. Gleiches gilt für die Bürokratie. Diese wird auch in unserer Branche nicht kleiner, im Gegenteil. Alleine auf unserem Hof entspricht der bürokratische Aufwand locker einem Pensum von 20 bis 30 Prozent. Das fordert. Und gerade ältere Landwirte überfordert es bisweilen auch. Wir Landwirte würden die Zeit lieber im Stall oder auf dem Feld verbringen als im Büro.
Sie sprechen sicherere Rahmenbedingungen an. In Ihrem konkreten Fall geht es um den Milchpreis. Wie könnte man diesen stabilisieren?
Indem die Konzerne nicht immer mehr Halbfabrikate importieren würden, sondern von Grund auf Schweizer Produkte verarbeiten. In der Schweiz wird unter dem Strich nicht mehr Milch produziert als vor rund zehn Jahren. Aber viele regionale Käsereien verschwanden in den letzten Jahren. Geblieben sind die grossen Verarbeiter, die ihre Verarbeitungskapazitäten aber nicht erhöht haben, entsprechend können sie gar nicht so viel Milch verarbeiten, wie produziert wird.
Führt das auch zu einer Ohnmacht?
Natürlich. Wir haben auf die Preisentwicklung keinen grossen Einfluss. Beim Getreide, wenn weniger ausbezahlt wird, weil die Lager noch voll sind. Aber auch nicht im Positiven, etwa beim Rindfleisch. Da sind die Preise aktuell sehr hoch, weil es Jahr für Jahr weniger Tiere gibt in der Schweiz. Milchkühe leben in der Schweiz jährlich rund 10 000 bis 15 000 Tiere weniger. Entsprechend werden weniger Kälber geboren. Wir als Landwirte leben damit, aber die Konsumenten nehmen das kaum wahr. Das ist manchmal störend.
Sie haben vor wenigen Jahren viel in die Milchproduktion investiert. Gibt es Momente, in denen Sie Angst haben, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben?
Nein, wir haben uns schliesslich im Vornherein intensiv Gedanken dazu gemacht. Entsprechend blieben Existenzängste trotz nicht immer einfacher Marktlage aus. Schliesslich bringt ein neuer Stall auch viele Vorteile mit sich. Wir sind flexibler, haben dadurch auch Lebensqualität dazugewonnen.
Sie sind auch Präsident der Aargauer Braunviehzüchter. Was sind die Sorgen, die die Mitglieder beschäftigen?
Aktuell infolge grosser Trockenheit das fehlende Futter für die Tiere. Viele Landwirte müssen bereits jetzt die Winterreserven anzapfen. Dies wird mit Blick auf den Winter eine grosse Herausforderung, um noch genügend Futter an Lager zu haben. Ansonsten der Milchpreis. Mit Einbussen kämpfen alle Milchproduzenten – je nach Label und Verarbeiter unterschiedlich stark. Es ist festzustellen, dass wieder mehr Landwirte die Milchproduktion aufgeben. Das stimmt mich schon nachdenklich. Vor 35 Jahren gab es alleine in Bettwil 28 Milchproduzenten, mittlerweile sind es noch vier. Wo führt das noch hin? Denn Milchprodukte wird es sicher auch in Zukunft brauchen.
Trotzdem bleibt die Menge an Milch konstant, obwohl es immer weniger Kühe gibt im Land. Wie kommt das?
Das fragen wir uns manchmal auch. Natürlich spielt der Zuchtfortschritt eine Rolle, aber das ist wohl nicht der einzige Grund. Auf den einzelnen Bauernhöfen werden immer weniger Kälber gemästet – auch bei uns. In den grossen Mästereien werden sie mit Milchpulver gemästet. Auf den Höfen wurden früher grosse Mengen an Milch den Kälbern verfüttert. Diese kommt nun ebenfalls in die Verarbeitung. Der Hauptpunkt ist aber schon der Import der Halbfabrikate.
Heisst, ein Stück weit haben die Milchproduzenten das Problem selber miterschaffen?
Nur bedingt. Milchpulver stammt ja auch aus der Milch. Zudem ist es so, dass die meisten Kälber in den Grossviehmastkanal gelangen. Dort werden sie mit Mais und Gras gefüttert. Mit der Professionalisierung der einzelnen Betriebe gibt es weniger Generalisten. Auch die Landwirte sind Spezialisten geworden. Und die Höfe sind gewachsen.
Konsumiert man als Milchproduzent überhaupt mehr Milchprodukte?
Käse isst unsere Familie sehr viel. Auch Joghurt. Milch trinken wir ebenfalls täglich. Gerade im Sommer. Ein Glas kalte Milch mit Ovomaltine ist das Beste.
Trotz aller Herausforderungen – Sie sind mit Leib und Seele und mit Begeisterung Landwirt. Warum überhaupt?
Einen kürzeren Arbeitsweg kann man sich nicht vorstellen – ohne Auto, ohne Stau. Unsere Kinder können an unserem Alltag teilhaben. Am Mittag und am Abend sitzen alle am Tisch, was sehr wertvoll ist. Zudem schätze ich es, mein eigener Chef zu sein. Ich kann den Arbeitsalltag selber einrichten. Wir arbeiten mit der Natur, das erfüllt mich.
Auch wenn es Vor- und Nachteile mit sich bringt. Aktuell beispielsweise ist die anhaltende Hitze.
Sie sind nicht nur Landwirt, Sie engagieren sich auch als First Responder. Da gibt es durchaus Parallelen.
Ja. In beiden Bereichen trägt man viel Verantwortung für das Leben – rund um die Uhr.
Wie kam es dazu, dass Sie First Responder wurden?
Ich beobachte immer mehr, dass die Gesellschaft sich verändert. Früher engagierten sich alle im Dorf, in den Vereinen. Das Miteinander war viel grösser. Mittlerweile leben viele nur noch hier. Dabei wäre es so wichtig für die Gesellschaft, sich zu engagieren. Meine Frau Claudia und ich tun das beispielsweise in der Feuerwehr oder eben auch als First Responder. Wir meldeten uns sofort, als die Idee dazu aufkam. Es ist ein Dienst an der Bevölkerung vor Ort. Ende 2021 wurde die Gruppe für Bettwil, Meisterschwanden und Fahrwangen gegründet, mittlerweile gibt es das Netzwerk kantonsweit. Bei Notfällen sind wir so schnell beim Patienten oder bei der Patientin, wie das eine Ambulanz schlicht nicht bieten kann. Leblos, bewusstlos, Atemnot oder Brustschmerzen – fallen diese Stichworte beim Sanitätsnotruf, werden wir per App aufgeboten.
Wie oft ist das der Fall?
Nur in unseren drei Dörfern sind es jährlich im Durchschnitt 30 Alarmierungen. Heuer sind die Zahlen bisher tiefer, aber wir sind immer bereit, sollte es zu einem Notfall kommen. Weil Claudia und ich auch in anderen Gemeinden freigeschaltet sind, sind es noch mehr. Von einer halben Stunde bis zu drei Stunden – man weiss nie, wie lange ein Einsatz dauert. Und von dreimonatigen Kindern bis zu 95-jährigen Senioren kann es alle treffen.
Nicht alle enden damit, dass ein Leben gerettet werden kann. Wie gehen Sie damit um?
In unserer Gruppe ist der Ablauf immer gleich. Nach Einsätzen und dem Ausfüllen aller geforderter Protokolle treffen wir uns im Feuerwehrmagazin, trinken etwas miteinander und reden über das Erlebte. Das hilft. Zudem stünde ein Care-Team zur Verfügung, wenn jemand dieses Bedürfnis hat.
Es kommt sicher auch vor, dass Menschen in Not sind, die Sie persönlich kennen. Immerhin leben Sie schon Ihr ganzes Leben lang in Bettwil.
Das stimmt. Und das ist natürlich nicht immer einfach. Aber grundsätzlich ist es schön, jemandem helfen zu können, den man kennt. Selbst wenn es nicht gelingt, hat man es zumindest probiert.

