Wie der Goalie im Fussball
02.06.2026 Muri, FussballSRF-Projektleiter und -Produzent Philipp Stöckli erzählt beim Club 50 des FC Muri aus seinem Alltag
Einst Junior und Verfasser von Match-Berichten beim FC Muri, ist Philipp Stöckli seit fast 20 Jahren Teil von SRF Sport. An der kommenden Fussball-WM wird er ...
SRF-Projektleiter und -Produzent Philipp Stöckli erzählt beim Club 50 des FC Muri aus seinem Alltag
Einst Junior und Verfasser von Match-Berichten beim FC Muri, ist Philipp Stöckli seit fast 20 Jahren Teil von SRF Sport. An der kommenden Fussball-WM wird er als Projektleiter und Produzent im Einsatz sein. In Muri erzählt er von seinen Aufgaben, dem Umgang mit der Fifa und darüber, was er von der Rekord-WM hält.
Annemarie Keusch
Am 11. Juni geht es los. Am 13. Juni greift die Schweizer Nationalmannschaft gegen Katar ins Geschehen ein. Die Fussball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko steht kurz bevor. Die grösste Weltmeisterschaft der Geschichte. Mit so vielen Mannschaften und Spielen wie noch nie. Mit so vielen Spieltagen wie noch nie. «Meiner persönlichen Meinung nach ist die WM so zu gross», sagt Philipp Stöckli. In Aristau aufgewachsen, ist er seit knapp 20 Jahren in verschiedenen Rollen bei SRF Sport tätig. Einst Sportredaktor beim «Wohler Anzeiger» und «Bremgarter Bezirksanzeiger», ist er heute Projektleiter und Produzent. Schwingen, Ski Alpin und Fussball sind die Sportarten, die er beruflich ganz eng begleitet. Die WM in Nordamerika ist sein sechster grosser Fussball-Event, den er als Projektleiter begleitet. «So mühsam wie jetzt war es noch nie», gesteht er.
Seinen Schatten warf der Anlass für ihn schon lange voraus. «Gleich nach der UEFA Euro 2024 in Deutschland begann die Planung.» Seine Aufgaben vergleicht er mit jenen eines Torhüters in einer Fussballmannschaft. «Ich schiesse keine Tore, versuche aber hinten den Kasten dichtzuhalten.» Er organisiert, koordiniert, plant. Und bei den Schweizer Spielen ist er zusätzlich als Produzent im Einsatz.
Alles vor Ort ist viel zu teuer
104 Spiele werden an der Fussball-WM ausgetragen. Per Vertrag mit der Europäischen Rundfunkunion (EBU), der auch die SRG und damit SRF angehört, müssen alle Spiele kommentiert werden. «Da stossen wir an unsere Grenzen, etwa bei der Anzahl Kommentatoren», gesteht Stöckli. Hinzu kommt die Zeitverschiebung: «Haiti gegen Schottland, morgens um 3 Uhr. Das ist eine Herausforderung.» Alle Spiele vor Ort zu kommentieren, das wäre für das SRF ein Ding der Unmöglichkeit. «Viel zu teuer», sagt Stöckli. Weil beispielsweise eine Kommentatoren-Position doppelt so teuer ist wie an der letzten Weltmeisterschaft in Katar. 83 Spiele werden aus dem Studio in Zürich kommentiert. 21 vor Ort. «So ist es zumindest geplant.» Im Dezember meldete das SRF bei der Fifa an, welche Spiele vor Ort vorgesehen sind zu kommentieren. «Vor zwei Wochen haben wir die Meldung erhalten, dass wir erst kurzfristig erfahren, ob und wo wir ab Achtelfinal einen Platz im Stadion kriegen», erzählt Stöckli. Plan B liegt aber schon bereit, in Zürich sind Kommentatoren auf Pikett.
Neun SRF-Leute werden für die Nati-Berichterstattung nach Nordamerika reisen. Hinzu kommen sieben SRG-Mitarbeiter, die für die Technik aller drei Sender SRF, RSI und RTS, also auch für die italienisch- und französischsprachigen Kollegen, vor Ort im Einsatz sind. «Wir sind relativ schlank unterwegs.» Dass ein Projektleiter gar nicht vor Ort ist, war früher nicht denkbar. Die Digitalisierung, das Glasfasernetz machen es mittlerweile möglich. «Die Technik ist am allerwichtigsten», betont Stöckli. Ohne funktioniert gar nichts. «Die Techniker sind darum Helden im Hintergrund.»
Werbung während Trinkpause – aber nur eine
Die technische Verantwortung trägt Philipp Stöckli mit. Das Planen ist ebenfalls seine Aufgabe. Den Einsatz der Kommentatoren koordinieren, die Experten suchen und auswählen. «Es wird neue Gesichter geben», verspricht er. Heinz Lindner, einstiger österreichischer Nationaltorhüter, ist ein Beispiel. David Sesa, einst Trainer beim FC Wohlen und später als Assistenztrainer Meister geworden in Belgien und in Ägypten, ein weiteres.
Stöckli nimmt beim Talk beim Club 50 des FC Muri auch das Thema Kommerz auf. Die Trinkpause ist ein Beispiel dafür. «Die Fifa ermöglicht es, für diesen dreiminütigen Unterbruch Werbung zu verkaufen.» Kostenpunkt: massiv höher als eine Werbung in der Halbzeitpause. «Wir haben uns bewusst entschieden, jeweils nur einen einzigen Werbespot auszustrahlen.» Zusammen mit der «Fifa-Verpackung» um den Spot wird der Zuschauer so nicht mehr als eine Minute verpassen. «Natürlich wird es Zuschauerinnen und Zuschauer geben, die sich darüber aufregen. Das verstehe ich aus Fan-Perspektive. Aber aus finanziellen Überlegungen können wir es uns schlicht nicht leisten, darauf zu verzichten.»
Blick hinter die Kulissen
Der Kostendruck ist gross, trotz abgelehnter Halbierungsinitiative. Die Leidenschaft und die Freude am Sport wie am Beruf aber ebenfalls. Stöckli gewährt den Club-50-Mitgliedern dabei einen Blick hinter die Kulissen – jetzt mit Worten und während der WM interessierten Mitgliedern auch vor Ort im Studio. Er erzählt etwa, dass es nicht selten ein Analyst ist, der die Experten in der Halbzeit und nach dem Spiel so gut aussehen lässt. Oder dass ein Kommentator zwei bis drei Leute hat, die ihm Informationen zuliefern. «Einst war das mein Traumjob. Aber einen Sport live zu kommentieren, der immer schneller wird, das wäre nichts für mich», gesteht er.
Vom Mittag bis am nächsten Morgen um 8 Uhr: Die Schichten im SRF werden fürs Projektteam lang sein, die ersten Spiele beginnen um 18 Uhr und dauern bis in die Morgenstunden. Heute Dienstag reist die Nati-Crew nach Los Angeles, dann mit dem Bus nach San Diego, wo die Schweizer Nationalmannschaft ihr Basislager bezieht. Stöckli indes bleibt zu Hause. «Ich bin nicht unglücklich darüber.» Die Vorzeichen für die Arbeit von Journalisten waren in den Staaten auch schon besser. An Arbeit wird es ihm während des Turniers aber auch in Zürich nicht mangeln. «Aus Erfahrung weiss ich: Wir können noch so gut planen, die ersten sieben Tage werden ein Stresstest. Dann greifen alle Rädchen.»

