Wertvoller Tapetenwechsel
09.12.2025 KelleramtFerien im «Huus 14»
Angebot für Menschen mit Beeinträchtigung
In Rottenschwil Natur und Familienanschluss erleben, aber auch Ausflüge in die Region unternehmen. Mit seinen vier betreuten Ferien- und Entlastungsplätzen im ...
Ferien im «Huus 14»
Angebot für Menschen mit Beeinträchtigung
In Rottenschwil Natur und Familienanschluss erleben, aber auch Ausflüge in die Region unternehmen. Mit seinen vier betreuten Ferien- und Entlastungsplätzen im «Huus 14» ermöglicht der Sozialpädagoge Sven Inäbnit seit acht Jahren Menschen mit geistiger Behinderung eine Auszeit aus dem Alltag – mit viel Herzblut: «Jeder hat seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche, auf die wir gerne eingehen.» --tst
Im «Huus 14» in Rottenschwil können Menschen mit einer geistigen Behinderung eine Auszeit vom Alltag geniessen
Rottenschwil ist bekannt für sein Naherholungsgebiet Flachsee und Stille Reuss. Für Menschen mit einer geistigen Behinderung ist seit acht Jahren das «Huus 14» der Hauptanziehungspunkt. Hier dürfen sie Ferien machen – mit Familienanbindung und ganz nach ihren Bedürfnissen.
Thomas Stöckli
Im Erdgeschoss logieren die Gäste, darüber ist die Familie zu Hause. Im «Huus 14» geniessen Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung nicht nur abwechslungsreiche Ferien, sondern erhalten auch Anschluss. «Das Familiäre ist den Gästen wichtig», weiss Sozialpädagoge Sven Inäbnit. Das geht allerdings nur, weil seine Frau und sein elfjähriger Sohn hinter ihm und seinem Traum stehen. Nicht nur sie: Langjährige Freunde von Inäbnit, der früher Wohngruppenleiter in einer Institution war, sind Mitglieder des Vereins, welcher das Angebot trägt.
Aus dem Atelier für Strohsternekunst wurden drei Gästezimmer
Die 14 in «Huus 14» geht auf die ursprüngliche Hausnummer zurück. Beim Umzug an die Hauptstrasse 13 beschloss Sven Inäbnit, am Namen für das Angebot, das sich in drei Jahren etabliert hat, festzuhalten. Mittlerweile ist fürs «Huus 14» die achte Saison zu Ende gegangen. Zumindest fast: Noch steht die traditionelle Silvesterwoche bevor. «Die ist teilweise über drei, vier Jahre ausgebucht», so Inäbnit: «Es kommen immer dieselben vier.» Vier Männer sind es. Und der Gastgeber weiss schon jetzt: «Sie wollen Billard und Darts spielen.» Normalerweise ist das Geschlechterverhältnis unter den Gästen ausgeglichen. Altersmässig reicht das Spektrum von 18 bis über 80 Jahre. Wenn sie anreisen, dürfen die Feriengäste als Erstes ihr Zimmer auswählen. Eingerichtet sind sie in ähnlichem Stil, schlicht und heimelig – und doch jedes ganz individuell. Eines ist im Haupthaus, drei im Anbau, in welchem früher ein Atelier für Strohsterne-Kunsthandwerk war. «Als ich das erstmals gesehen habe, konnte ich mir sogleich bildlich vorstellen, wie sich das umnutzen lässt», erinnert er sich.
Mithelfen ist erlaubt, aber nicht erforderlich
Zum Ferienstart wird jeweils gemeinsam mit den Gästen das Programm zusammengestellt. Dabei dürfen alle ihre Wünsche einbringen. «Einer hat mal gefunden, er möchte mit mir nach Namibia», sagt Inäbnit, «ihn musste ich enttäuschen.» Sonst bleiben kaum Wünsche unerfüllt. Selbst in den Freizeitpark Conny-Land ging es schon mal. Bei Bedarf liefert der Gastgeber mit Bildern Inspiration. Beliebt sind etwa Fahrten mit Schiff, Kutsche oder Dampflokomotive. Weiter gehören Zoo und Tierpark zu den immer wieder gewünschten Destinationen, aber auch Lädele oder Glaceessen komme gut an.
«Grundsätzlich gehen meine Gäste gerne unter die Leute», verrät Inäbnit. Fast genauso wichtig wie das Ausflugsprogramm sei auch der Menüplan. Die Gäste dürfen Vorschläge bringen. Einkaufen geht man gemeinsam. Beim Kochen gilt: «Wer mithelfen will, darf gerne», so der Gastgeber, «wer nicht möchte, darf aber auch gerne bei einem Kafi zuschauen.»
Freundschaften in allen Konstellationen
Vier Plätze bietet das «Huus 14» maximal an. «Ziel ist es nicht, immer voll ausgelastet zu sein», stellt Inäbnit klar: «Die Gäste sollen sich wohlfühlen und ich will sie begleiten können, wie sie es verdient haben.» Erklärtes Ziel ist es, eine «coole Woche» zu bieten. Und das kommt offenbar an: «Zwei Drittel meiner Gäste kommen immer wieder», sagt Sven Inäbnit, «solange es vom Alter und vom Pflegebedarf her noch geht.» Entsprechend kennt der Gastgeber die Bedürfnisse seiner Gäste, weiss, wer miteinander klarkommt und wer nicht.
Auch wenn die Kommunikation hauptsächlich über ihn läuft, ergeben sich manchmal auch unter den Gästen richtige Freundschaften. Als Beispiele nennt der Sozialpädagoge zwei Damen, die einen herzlichen Kontakt pflegen, aber auch ein gemischtes Duo, in dem er und sie gut zueinander schauen. Seit drei Jahren kommen zudem zwei um die 80 Jahre alte Herren immer gemeinsam. Sie waren lange in der gleichen Institution, bis einer wechseln musste. «Beide sind Kettenraucher und nicht mehr gut zu Fuss. Sie sitzen im Sommer gerne draussen und plaudern bei einem Bier mit den Kunden des Hofladens.»
In guter Erinnerung ist ihm auch die Frau, die im Herbst ihren Geburtstag in Rottenschwil gefeiert hat. «Sie hat sich einen Ausflug und zum Znacht einen Tintenfisch-Salat mit Oliven gewünscht.» Zum Dessert sollte es dann unbedingt blaue Glace sein. «Seit sie so eine mal in Griechenland gegessen hat, gehört das für sie zu den Ferien dazu», weiss Inäbnit. Auf einen Tipp seines Sohnes sei er dann in der Kloster-Gelateria in Muri auf die Sorte «Angelo blu» gestossen. «Schlagrahm drüber, eine Kerze drauf und sie war happy.»
Gern gesehene Gäste in der ganzen Region
Seit September läuft die Ferienplanung für das kommende Jahr. Bisher sei das «Huus 14» zu 20, 25 Prozent ausgebucht. Kein Anlass, sich Sorgen zu machen, weiss er aus Erfahrung: «Die Zielsetzung der Sozialpädagogen erfolgt erst Anfang Jahr.» Entsprechend ziehen die Buchungen ab Januar bis im Mai an. Die Feriensaison startet im März. Neue Gäste kommen teilweise vorher auf einen Kaffee und ein Gespräch vorbei. «Es braucht Vertrauen und Mut, an einen fremden Ort zu gehen – erst recht, wenn man auf Hilfe angewiesen ist.»
Absagen muss Inäbnit, wenn Gäste sich selbst oder andere gefährden könnten. Weiter sprenge es die Grenzen seiner Möglichkeiten, wenn jemand nachts Betreuung brauche oder zum Weglaufen tendiere. «Das kann ich alleine nicht begleiten», ist er sich bewusst. Und in ganz seltenen Fällen bricht auch mal jemand die Ferienwoche ab. Inäbnit erzählt von einem Mann, der nicht damit klarkam, dass die schwerhörige Frau gegenüber nicht auf ihn reagierte, weil sie ihn schlicht nicht verstand.
Die grosse Mehrheit bleibt allerdings gerne. Und sie kommt wieder. Dafür tut Sven Inäbnit viel. «Mich interessieren die Anknüpfpunkte, die immer wieder anderen Konstellationen», beschreibt er seine Motivation. «Meist merkt man schnell, wenn sich jemand auf Dauer über jemand anderes ärgern könnte.» Entsprechend könne er dann reagieren.
«Die positiven Reaktionen überwiegen um vieles», rückt der Gastgeber das Bild wieder gerade. Und damit meint er nicht nur die Gäste. Auch im Dorf und in der Region geniessen die Feriengruppen viel Goodwill. «Viele sind interessiert, was wir machen und im Restaurant wurde uns auch schon eine Runde offeriert», sagt Inäbnit und lächelt.
Platz zum Erleben und Erholen
Das «Huus 14» bietet vier betreute Ferien- und Entlastungsplätze für Menschen mit einer geistigen Behinderung an. Seit Januar 2018 konnten unterschiedlichste Gäste beherbergt und begleitet werden, gemäss deren eigenen Bedürfnissen und Wünschen. Mit viel Herzblut und Freude werden die Gäste für Ferien oder eine Auszeit vom Alltag willkommen geheissen.



