Wenn ein Flügel fehlt
30.12.2025 Muri«2025 verändert»: Erika Strebel-Gautschi aus Muri musste Abschied von ihrem Mann nehmen und ist jetzt Witwe
Die heute 76-jährige ehemalige Pflegedienstleiterin der Pflegi Muri und Mutter von drei Kindern und sieben Enkeln ist seit dem Tod ihres Mannes ...
«2025 verändert»: Erika Strebel-Gautschi aus Muri musste Abschied von ihrem Mann nehmen und ist jetzt Witwe
Die heute 76-jährige ehemalige Pflegedienstleiterin der Pflegi Muri und Mutter von drei Kindern und sieben Enkeln ist seit dem Tod ihres Mannes «Köbi» auf sich allein gestellt. Erika Strebel erzählt vom Alltag und Begegnungen, von Veränderungen und Erkenntnissen.
Verena Anna Wigger
Bis vor knapp einem Jahr haben Köbi und Erika Strebel ihre Enkel gemeinsam gehütet. Zweimal in der Woche hiess es, gemeinsam spielen, gemeinsam essen oder etwas unternehmen. Was haben sie alles voneinander gelernt, erzählt sie. Und sie haben die gemeinsame Zeit genossen. Köbi hat gekocht und gemeinsam haben sie Ausfahrten unternommen. Die Grosseltern haben ein inniges Verhältnis zu ihren Enkelkindern. Nun ist alles anders. Köbi Strebel verstarb im Januar dieses Jahres. In der Zeit davor zeigte sich die Verbundenheit zu den Kindern und den Enkelkindern und zu seiner Frau. Die ganze Familie begleitete ihn durch die Krankheit bis zum Tod.
Dazu erzählt Erika Strebel die Geschichte, wie er ging. Die letzten Tage war ihr Mann zur Pflege in der Pflegi. Sie war stets bei ihm. Eine Freundin kam zu Köbi und so ging sie kurz nach Hause. In dieser Zeit wollte der Enkel unbedingt «Dädi» besuchen. Genau während diesem Besuch verschied er.
Heute hütet Erika Strebel wieder die Enkelkinder. Heute bekocht und hütet sie die Kinder allein. Obwohl sie es immer geniesst, ist der Alltag anders, intensiver geworden. Sie erzählt, wie sie heute selbst kocht und das nach Jahrzehnten. Wie sie sich wieder herantastet und ausprobiert. «Es ist anders, wenn du es allein machst», sagt sie und dabei spricht sie auch an, wie sie dies körperlich spürt und es sie fordert. «Und wenn du heimkommst, brennt kein Licht», sagt sie offen.
Veränderung leben
Überhaupt sei es eine Veränderung, wenn du über 53 Jahre als eingespieltes Team zusammen unterwegs bist und dein Partner verstirbt. Das ist der ehemaligen Lehrerin für Krankenpflege bewusst vor Augen geführt geworden. So hat sie sich Gedanken gemacht, was Veränderung für sie heisst. Es seien Polaritäten wie Tag und Nacht, Liebe und Streit oder Einatmen und Ausatmen, erklärt sie. Dazu mache die Vergänglichkeit auch bewusst, dass für sie ein Neubeginn bevorstand. Dies ist ihr auch in ihrem familiären Umfeld bewusst geworden. Krankheiten im Alter anderer Familienangehöriger, auch das präsentiere ihr das Leben. Wie viel sich eingeben und wo sich abgrenzen – dies sind Erfahrungen und Fragestellungen, in denen sie mitten drinsteckt. Damit muss sie sich immer wieder auseinandersetzen.
Dazu kommt die eigene Situation und die vor Augen geführte Vergänglichkeit. «Manchmal ist es einzig ein Funktionieren, Ordnen und Erledigen.» Das spürt und erlebt sie im Alltag und da holt sie sich auch immer wieder heraus.
Einstiges Büro wurde zum Spielzimmer für die Enkel
Ohne ihren Mann sei es manchmal, wie wenn ein zweiter Flügel, den sie geteilt hätten, jetzt fehlt. Es kommen auch physische Aspekte zur Geltung, wie Veränderungen in der Wohnung. So gab es das Büro ihres Mannes. Heute ist es ein Spielzimmer für die Enkelkinder. Veränderung bedeutet auch, Hilfe annehmen. Ihre drei Kinder unterstützen die Mutter. «Es heisst auch Schwäche zeigen», sagt sie, von Dingen und Erledigungen, die ihr Mann gemacht hat. Jedes ihrer Kinder helfe ihr auf seine Art und Weise. Das schätzt sie und kann es annehmen. «Es ist Gold wert, wenn eine Familie gut auskommt», freut sie sich.
Als alleinstehende Person heisse es auch, die Zeit neu einteilen und sich ein neues Umfeld aufbauen. Die Wittfrau erlebt, dass sich auch Menschen von ihr zurückgezogen haben. Menschen, die mit der Situation, dass eine Frau allein ist, Schwierigkeiten haben. Dazu kommen Familienmitglieder, die krank sind und daher weniger Kontakte haben. Dabei pflegen die Brüder und Schwestern aus der Familie von Erika Strebel und ihrem verstorbenen Mann ein enges Verhältnis untereinander.
Da sein für ältere Menschen und dem Tod begegnen
Erika Strebel gefällt dafür, wie sie zusammen mit ihrer Freundin Barbara Müller neun Jahre für die Pro Senectute den Mittagstisch in Muri betreut hat. In den Anfängen seien dies acht Personen gewesen, die zum Mittagessen kamen, erzählt Strebel. Jetzt haben die beiden ihre Tätigkeit beendet. Am Abschlussessen sind 65 Seniorinnen und Senioren dabei gewesen, erzählt die scheidende Leiterin des Mittagstischs.
Das Begleiten bei Veränderungen war für Erika Strebel als «Sterbebegleiterin» jahrelang etwas, das ihr Kraft gegeben hat. «Ich habe es gern gemacht.» Sie hat sieben Jahre lang im Kantonsspital Baden Menschen begleitet, die im Sterben lagen. Doch dies war eine «professionelle Arbeit» und es ging nicht um nahestehende Personen. Hier sieht sie den Unterschied. Die emotionelle Verbundenheit zu einem Menschen mache es aus. Der Abschied von ihrem Mann hat sie persönlich viel tiefer berührt und Emotionen ausgelöst. Damit musste sich erst lernen umzugehen. Das hat sie gemacht und sich dabei auch Hilfe geholt.
Begegnungen im Dorf
Veränderung zuzulassen, bedeutet für sie, sich dem Leben zu stellen und ihm zu begegnen. Sie erzählt dabei von einer Begegnung im Dorf. Eine Person sei auf sie zugekommen und habe ihr eröffnete, dass sie schon lange daran sei, einen Brief an sie zu schreiben, doch fertig sei er noch nicht. Das hat sie berührt. Oder ein Brief der unerwartet von einem Menschen kam, den sie vor 40 Jahren gekannt hat. Das seien berührende Begegnungen – quasi von Seele zu Seele. «Manchmal, wenn mir Köbi fehlt, lese ich den Nachruf, den unser Sohn geschrieben hat», gesteht sie, «dann ist er mir nah.»

