Chor pro musica vocale: Die emotionale Wucht von «The Lost Birds»
Mit der Schweizer Erstaufführung von «The Lost Birds» von Christopher Tin präsentiert der Wohler Chor pro musica vocale unter der Leitung von Jonas Ehrler einen Abend zwischen ...
Chor pro musica vocale: Die emotionale Wucht von «The Lost Birds»
Mit der Schweizer Erstaufführung von «The Lost Birds» von Christopher Tin präsentiert der Wohler Chor pro musica vocale unter der Leitung von Jonas Ehrler einen Abend zwischen filmischer Epik und zerbrechlicher Introspektion.
Es gibt Momente, in denen man das Atmen vergisst: Wenn der Chor gemeinsam mit dem Ad-hoc-Orchester den Gesang der Vögel imitiert, während die Texte vom Verstummen der Natur erzählen, wird die Luft in der Aula der Kanti Wohlen dünn. Das Programm liefert keine leichte Kost, sondern Musik, die Bilder weiter Horizonte heraufbeschwört, nur um sie im nächsten Moment schmerzhaft einzureissen.
Ein Spagat zwischen den Welten
Das Programm schlägt eine kühne Brücke: Brahms’ Schicksalslied von 1871 trifft auf die moderne Elegie des amerikanischen Grammy-Gewinners Christopher Tin. Während Brahms die menschliche Unbeholfenheit beschwört, führt Tins Werk mitten in die aktuelle Biodiversitätskrise. Ein Thema, das dem musikalischen Leiter Jonas Ehrler persönlich am Herzen liegt: «Mir geht es nicht um politischen Aktivismus, sondern um das Bewusstsein für den Prozess. Musik kann die sinnliche Komponente dieses Verlusts vermitteln. Es sind nicht einfach nur nackte Zahlen auf einem Blatt Papier.» Seit letztem Sommer feilt das Ensemble intensiv an der komplexen Partitur. Die emotionale Wucht, dieses Requiem für die Natur zu singen, brachte den Laienchor an seine Grenzen: Dass ein Sänger das Projekt im Vorfeld gar als Zumutung bezeichnete, verdeutlicht diese melancholische Intensität.
«Mich berührt die Zartheit von etwas so Fragilem wie einer Vogelstimme, die im täglichen Lärm oft untergeht, und die wir so lange für selbstverständlich halten, bis sie plötzlich für immer verschwunden ist», so Jonas Ehrler.
Mit souveräner Präzision und bemerkenswerter Ruhe hält der 1992 in Wettingen geborene Dirigent die Fäden in der Hand. Er versteht die paradoxe Natur des Werks: «Die Musik kommt zunächst sehr zugänglich daher, fast kitschig schön, während die Texte der besungenen Gedichte von brachialer Tiefe sind. Und dann merkt man, wie es einem nach und nach den Boden unter den Füssen wegzieht.»
Die Hoffnung ist da mit zarter Stimme
Trotz der Thematik der Endgültigkeit bleibt am Ende nicht die Resignation. Wie ein silberner Faden verbindet das leise Spiel einer einzelnen Violine die Stille zwischen den Sätzen in der zweiten Hälfte – ein zutiefst bewegendes Symbol für das Fortbestehen der Hoffnung.
Mit dem Zitat von Emily Dickinson «Hope is the thing with feathers» entlässt das Ensemble die Zuhörer in die Nacht. «Und wenn die Hoffnung auch nur ein kleines Vögelchen mit einer zarten Stimme ist – sie ist da», resümiert Ehrler.
Auf die Frage, wie er die vom Publikum mit lang anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen gewürdigte Darbietung in einem Wort beschreiben würde, antwortet er nach kurzem Innehalten schlicht: «Fein.»
Ein treffendes Fazit für ein Konzert, das mit der feinen Klinge der Kunst weitaus tiefere Spuren hinterlässt als jeder laute Protest. --sca
Nächste Aufführung: Sonntag, 29. März, 17 Uhr, reformierte Kirche Baden, mit Vortrag von Birdlife Schweiz. – Informationen und Tickets: www.pro-musica-vocale.ch.