Wenn der Wald berührt
28.04.2026 Mutschellen, Rudolfstetten, NaturWaldumgang in der Gemeinde Rudolfstetten-Friedlisberg
Der Gemeinderat, der Forstbetrieb Mutschellen und die Ortsbürgerkommission hatten zum traditionellen Waldumgang eingeladen – und die Bevölkerung folgte dieser Einladung mit grossem Interesse. Rund 130 ...
Waldumgang in der Gemeinde Rudolfstetten-Friedlisberg
Der Gemeinderat, der Forstbetrieb Mutschellen und die Ortsbürgerkommission hatten zum traditionellen Waldumgang eingeladen – und die Bevölkerung folgte dieser Einladung mit grossem Interesse. Rund 130 Personen nahmen teil. Die Neugier auf den Wald und seine Geheimnisse war spürbar.
Die erste Station führte an den Waldrand. Ein Bereich, der oft unterschätzt und doch von zentraler Bedeutung ist. Hier zeigt sich eindrücklich, wie gezielte Eingriffe das Gleichgewicht zwischen Wald und Landwirtschaft beeinflussen. Bäume werden bewusst zurückgeschnitten, um den angrenzenden Nutzflächen das notwendige Licht zu verschaffen. Doch diese Eingriffe dienen nicht nur der Landwirtschaft. «Sträucher brauchen Licht», erklärte Revierförster Christoph Schmid. Und mit dem Licht kehrt die Vielfalt zurück: Insekten summen, Vögel finden Nahrung und Schutz. Während sich auf den sonnigen Südseiten eine artenreiche Strauchlandschaft entwickelt, dominieren auf den schattigeren Nordseiten robustere Pflanzen wie Haselsträucher, die weniger Sonne benötigen.
Die extrem trockenen und sonnigen Jahre 2018 bis 2020 haben dem Wald zugesetzt. Einige Baumarten litten besonders unter der Hitze und den sogenannten Sonnenbrand, ganze Bestände wurden geschwächt. Die heutige Waldpflege reagiert darauf mit gezielten Massnahmen, die den Wald an die sich verändernden klimatischen Bedingungen besser anpassen sollen. Wichtige Ziele bleiben dabei stets: grosse Kahlflächen vermeiden und die Stabilität des Waldes langfristig sichern.
Handwerk, Erfahrung und neue Realitäten
Ein eindrücklicher Moment bot sich den Teilnehmenden, als der im zweiten Lehrjahr lernende Yannick Käppeli eine stattliche Buche fachmännisch fällte. Mit ruhiger Konzentration und präzisen Schnitten demonstrierte er die Kunst des Holzfällens – ein Handwerk, das Können, Erfahrung und Respekt vor der Natur erfordert. An der nächsten Station präsentierte Forstarbeiter Nicola Moon moderne Forsttechnik. Im Zentrum stand der sogenannten Forwarde, ein leistungsstarkes Spezialfahrzeug, das gefällte Bäume aus dem Bestand holt, auflädt und zu den Waldwegen transportiert.
Bei Forstarbeiter Beat Hürlimann wird es greifbar: Holz als Energiequelle. Anschaulich wurde gezeigt, wie aus Rest- und Schwachholz Holzschnitzel entstehen, die in modernen Heizsystemen eingesetzt werden. Doch die Botschaft ist klar und eindringlich: Nur so viel nehmen, wie auch nachwächst. Nachhaltigkeit ist keine Option, sondern Voraussetzung. Besonders betont wurde die Bedeutung kurzer Transportwege und regionaler Nutzung. Holz aus der unmittelbaren Umgebung schont Ressourcen und stärkt gleichzeitig die lokale Wertschöpfung. Zudem wurde deutlich, wie wichtig eine vorausschauende Planung ist, insbesondere in Hinblick auf neue Schnitzelheizungen. Nur wenn genügend Holz verfügbar ist, können solche Anlagen langfristig sinnvoll betrieben werden. Dieses Thema stiess auf grosses Interesse und führte zu intensiven Gesprächen unter den Teilnehmenden.
Mit allen Sinnen entdecken
Auch die jüngsten Besucherinnen und Besucher kamen voll auf ihre Kosten. Unter der Anleitung von Reto Fankhauser wurde den Kindern ein kleines Programm geboten, das den Wald spielerisch erlebbar machte. Besonders beliebt war das Sägen von Holzscheiben – ein Erlebnis, das nicht nur Spass machte, sondern auch ein Gefühl für das Material Holz vermittelte. Ein ruhiger und zugleich sehr persönlicher Programmpunkt mit den verbliebenen Erwachsenen widmete sich unterdessen dem Waldfriedhof. Die Nachfrage nach naturnahen Bestattungen nimmt auch in Rudolfstetten stetig zu. Der Ansatz wird hier bewusst schlicht gehalten: keine Urnen, kein Grabschmuck, keine künstlichen Elemente. Stattdessen wird die Asche in einer kleinen Tasche in die Erde eingebracht. Für viele Teilnehmende war dieser Moment besonders eindrücklich. Der Gedanke, Teil dieses natürlichen Kreislaufes zu werden, berührte und regte zum Nachdenken an.
Ein Sturm, der Spuren hinterliess
Immer wieder fiel ein Datum: 26. Dezember 1999. Der verheerende Sturm «Lothar» hat auch in den Wäldern rund um Rudolfstetten tiefe Spuren hinterlassen. Ganze Waldflächen wurden zerstört, Strukturen nachhaltig verändert. Bis heute wirkt dieses Ereignis nach. Es prägt noch immer die Art und Weise, wie der Wald gepflegt und bewirtschaftet wird – mit mehr Vorsicht, mehr Weitsicht und einem geschärften Bewusstsein für die Kräfte der Natur. Nach rund zweieinhalb Stunden endete der Waldumgang beim Schützenhaus. Dort wartete bereits die Feldschützengesellschaft Rudolfstetten-Friedlisberg mit einer liebevoll geführten Festwirtschaft. Die Gemeinde sorgte für die Verpflegung und schnell entstanden angeregte Gespräche. Bei Speis und Trank wurden Eindrücke geteilt, Fragen diskutiert und neue Perspektiven gewonnen. Wer an diesem Nachmittag dabei war, hat den Wald neu kennengelernt. Vielleicht bewusster, vielleicht respektvoller, aber ganz sicher mit einem anderen Blick. Oder wie es eine Teilnehmerin am Ende sagte: «Man geht denselben Weg zurück – aber man sieht nicht mehr denselben Wald.»
--it


