Weil Männer anders leiden
02.04.2026 Region UnterfreiamtVortrag von Trauerbegleiter Thomas Feldmann im Reusspark
Trauern Männer anders als Frauen? Dieser Frage geht der Experte in seinem Vortrag im Rahmen des Motto «heiwärts» nach. Er räumt dabei mit vielen Vorurteilen auf. Und ermutigt, der eigenen ...
Vortrag von Trauerbegleiter Thomas Feldmann im Reusspark
Trauern Männer anders als Frauen? Dieser Frage geht der Experte in seinem Vortrag im Rahmen des Motto «heiwärts» nach. Er räumt dabei mit vielen Vorurteilen auf. Und ermutigt, der eigenen Trauer Ausdruck zu verleihen.
Chregi Hansen
Thomas Feldmann freut sich. Wenn er Vorträge zum Thema Trauer hält, besteht das Publikum meist nur aus Frauen. Hier im Reusspark sind rund die Hälfte der Zuhörer Männer. Trotz aller Gleichstellung gebe es dennoch geschlechterspezifische Unterschiede zwischen Männern und Frauen, ist der Experte überzeugt. Und das zeige sich besonders auch beim Trauern. «Trauer ist die ungeliebte Bekannte der Männer», bringt es Feldmann auf den Punkt.
Der Therapeut mit eigener Praxis in Luzern hat sich auf die Begleitung von Männern spezialisiert. Er ist überzeugt: Männer reagieren anders auf Leid als Frauen. Das sei zum einen noch immer ein Überbleibsel der Entwicklung, war der Mann doch früher der Jäger und Versorger, der furchtlos zu sein hatte. Zum anderen habe es aber auch mit der Sozialisation zu tun. «Die Gesellschaft hat noch immer ein klares Bild, was männlich ist. Trauern gehört da nicht dazu», sagt Feldmann bei seinem Auftritt im Reusspark. Darum entwickeln Männer Strategien, um sich ihr Leid nicht anmerken zu lassen. Aber sie leiden trotzdem. «75 Prozent der Suizide werden durch Männer verübt», gibt der Referent zu bedenken.
Starke Gefühle können Männer verunsichern
Dabei sei Trauer trotz allem Schmerz eine wichtige Gefühlsregung. «Trauer ist keine Krankheit, sondern ein Ausdruck der Liebe. Sie sorgt für eine Verbindung zu etwas, was man geliebt hat.» Die starken Gefühle, die damit einhergehen, verunsichern viele Männer. Sie fühlen sich fremd, ziehen sich zurück. Oder stürzen sich in Arbeit und andere Aktivitäten. «Dann hat das Umfeld oft das Gefühl: Der trauert ja gar nicht. Aber es gibt beim Trauern kein richtig und falsch», betont Feldmann. Trotzdem ermunter er die anwesenden Männer, sich aktiv mit der Trauer auseinanderzusetzen. Und nicht das Umfeld auszugrenzen. «Sprachlos zu sein in einer solchen Situation, ist okay. Aber sagt dem Gegenüber, dass ihr jetzt nicht reden wollt, und zieht euch nicht einfach zurück.»
Flucht ins Handeln
Umgekehrt könne man niemandem vorschreiben, wie er zu trauern habe. Wer einen lieben Menschen verliert, könne sich entweder mit dem Verlust beschäftigen. Oder damit, wie es weitergehen soll. Frauen tendieren zum Ersten, Männer zum Zweiten. Das kann zum Problem werden, wenn beispielsweise ein Paar ein Kind verliert. Aber beide Strategien seien gleich wichtig, ist der Referent überzeugt. «Es geht einfach nicht beides gleichzeitig.» Männer würden sich in solchen Situationen oft ins Handeln flüchten – die Gefühle seien aber trotzdem da. In seiner Arbeit als Trauerbegleiter versucht Feldmann die Männer zu ermuntern, einen Ausdruck für ihr Trauer zu finden und den Schmerz nicht einfach zu ignorieren. Das müssten nicht immer Gespräche sein.
Und Thomas Feldmann hat aus seiner Praxis viele Beispiele bereit. So hat ein Musiker, der seine Frau verloren hat, eine Flöte gebastelt in Erinnerung an sie. Ein Mann, der den Tod seiner Tochter betrauert, ist mit dem Velo all die Städte angefahren, welche diese noch unbedingt sehen wollte – und hat dabei immer ihr Fussballtrikot getragen. Ein anderer Vater, der Angst hatte, nach dem Selbstmord seines Sohnes die Erinnerungen an ihn zu verlieren, hat angefangen, Fotos von gemeinsamen Momenten abzuzeichnen und sie so wieder lebendig werden zu lassen. «Trauer ist der Preis der Liebe. Es lohnt sich zu trauern. Und niemand soll sich sagen lassen, wie das richtig geht», macht der Fachmann deutlich.
Stammtisch statt Trauergruppe
Gleichzeitig ist er überzeugt, dass es spezielle Angebote für Männer braucht. «Aber gründen Sie keine Männertrauergruppe, da kommt niemand. Nennen sie es Männerstammtisch», so sein Ratschlag an den Reusspark. Auch sollten die Mitarbeitenden geschult werden, dass Männer anders trauern. Man soll diese ansprechen, aber dabei nicht den Verlust ins Zentrum stellen, sondern über Geschichten von früher reden, so sein Tipp. Und gute Ergebnisse zeigen auch generationenübergreifende Angebote, weiss er aus Erfahrung. Letztlich gehe es auch darum, dass Männer bewusst werde, dass Gefühle wie Trauer okay sind. Dass sich der Feuerwehrkommandant von Crans-Montana weinend den Medien gezeigt hat, war für Thomas Feldmann ein starkes Zeichen. Denn damit würden andere Bilder vermittelt, was männlich ist und was nicht.
Der Vortrag im Reusspark stösst auf grosses Interesse. Dies auch zur Freude der Organisatoren. «Wir waren gespannt, wie viele kommen. Und ob es auch Männer darunter hat», sagt Esther Kuster, Leiterin Kultur. Der Blick ins Publikum hat ihr und auch Thomas Feldmann sicher gefallen.

