Weil jeder Mensch anders ist
03.03.2026 Region UnterfreiamtDer Reusspark lud zum Live-Podcast «Das letzte Stündchen» ein
In ihrem monatlichen Podcast spricht Elena Ibello mit ihren Gästen über das Sterben und den Tod. Und damit übers Leben. Für die neuste Ausgabe kam die Podcasterin in den ...
Der Reusspark lud zum Live-Podcast «Das letzte Stündchen» ein
In ihrem monatlichen Podcast spricht Elena Ibello mit ihren Gästen über das Sterben und den Tod. Und damit übers Leben. Für die neuste Ausgabe kam die Podcasterin in den Reusspark. An einen Ort, wo das Sterben fast schon Alltag ist. Und damit immer wieder Thema.
Chregi Hansen
Wer im Reusspark eintritt, der bleibt in vielen Fällen bis zum Schluss hier. Und doch kann es noch Monate oder gar Jahre gehen bis zum Tod. Viel Zeit also für den Betroffenen, sich auf diesen Moment vorzubereiten. Viel Zeit auch für die Angehörigen, von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen. Doch wie tut man dies richtig? Dieser Frage ging Elena Ibello in der aktuellen Ausgabe ihres Podcasts nach.
Seit mehr als fünf Jahren führt die Zürcher Podcasterin und Kommunikationsfachfrau spannende Gespräche über den Tod und das Abschiednehmen. Sie tut dies mit grosser Empathie und feinfühligen Fragen. Wobei es zwischendurch auch heitere Momente gibt. Ab und zu talkt sie auch live vor Publikum. Für eine neue Ausgabe von «Das letzte Stündchen» kam Elena Ibello in den Reusspark. Im voll besetzten Saal empfing sie zwei Frauen, die eng mit dem Reusspark verbunden sind. Karin Rippstein arbeitet als Fachexpertin Palliative Care in der Institution und ist beruflich immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Helene Schnyder hat so lange ihren erkrankten Mann zu Hause gepflegt, bis es nicht mehr ging und er in den Reusspark kam, wo er letztes Jahr gestorben ist. Trotzdem engagiert sie sich weiter als Freiwillige hier. «In dieser Zeit ist der Reusspark auch ein wenig ein Zuhause geworden. Ich wurde hier so gut unterstützt», erklärt sie ihre Motivation.
Für alle ein schwieriger Schritt
Die Geschichte, die sie an diesem Abend live erzählt, bewegt das Publikum. Nach einem medizinischen Vorfall wird ihr Mann vor gut sechs Jahren zu einem Pflegefall. Sie kümmert sich fast rund um die Uhr um ihn. Hat kaum mehr Zeit für sich selbst – der Alltag dreht sich nur noch um ihn. Die Tagesund Nachtklinik des Reussparks brachten ihr kleine Ruhezeiten. Gleichzeitig hatte sie ein schlechtes Gewissen, da er nicht gerne dorthin ging. Sie verzichtete auf so vieles in dieser Zeit, nahm viel in Kauf. «Irgendwann sagten die Kinder zu mir: Jetzt müssen wir etwas tun, sonst wirst du selbst krank», erzählt sie mit einem Blick auf die erwachsenen Kinder, die im Publikum zuhörten.
Doch noch zögerte sie, ihn definitiv in einem Heim unterzubringen. «Ich war selbst gelernte Pflegefachfrau. Ich hatte das Gefühl, ich müsse das doch schaffen», so Schnyder. Aber einen Patienten betreuen sei eben einfacher als den eigenen Mann. «Mit etwas Abstand frage ich mich heute, wie ich das all die Zeit geschafft habe.» Für Karin Rippstein vom Reusspark eine bekannte Geschichte. «Viele Angehörige leisten Unglaubliches. Es ist immer ein schwieriger Schritt, sich einzugestehen, dass es nicht mehr geht», weiss sie aus Erfahrung. Das Personal des Reussparks sei bemüht, hier möglichst viel Unterstützung zu leisten. «Wir müssen den Angehörigen deutlich machen, dass wir ihnen nichts wegnehmen, sondern sie entlasten wollen.»
Dabei seien die Gespräche zwischen dem Personal und den Patienten sowie den Angehörigen von grösster Wichtigkeit. Dies vor allem dann, wenn es gegen das Ende geht. «In dieser Zeit fühlen sich viele unter Druck. Unser Ziel ist eine Entschleunigung. Es ist wichtig, sich in diesem Prozess genug Zeit zu nehmen», erklärt die Fachexpertin. Menschen auf dem letzten Weg zu begleiten, sei keine Fliessbandarbeit. «Jeder Mensch ist individuell. Und was beim Eintritt für richtig angesehen wird, kann sich plötzlich ändern», so Rippstein. Denn im Sterbeprozess seien Herz und Verstand nicht immer auf der gleichen Ebene. Und gerade die wichtigste Frage lasse sich nicht beantworten. «Immer wieder wollen die Angehörigen wissen, wie lange es noch dauert. Aber das können wir nie sagen. Wir erkennen zwar gewisse körperliche Anzeichen – aber auch dann kann es noch Tage gehen», sagt Rippstein. Tage, in denen man den Angehörigen stets zur Seite steht.
Berührende Momente am Sterbebett
Das hat auch Helene Schnyder so erlebt. Gut drei Jahre verbrachte ihr Mann im Reusspark. Mit vielen Auf und Abs. Bis dann den Anruf kam, dass es wohl bald so weit sei. «Ich hatte diesen Moment immer erwartet. Trotzdem war es dann ein Schock», berichtet die Ehefrau. Sie fuhr sofort nach Niederwil, gestorben ist ihr Mann dann aber erst nach zehn Tagen. «Jedes Mal, wenn ich dazwischen nach Hause ging, stellte ich mir die Frage: War dies jetzt das letzte Mal?», erinnert sich Schnyder. Und auch wenn das Abschiednehmen natürlich wehtut, gab es auch viele schöne Momente am Sterbebett, wie sie berichtet. «Manchmal sass die ganze Familie ums Bett. Wir haben von früher erzählt, auch gelacht. Musik gehört. Oder auch gemeinsam geschwiegen.»
Schmerz- und angstfrei gehen können
Der Reusspark habe diesen Prozess wunderbar begleitet. Etwa mit Massagen, dem Einsatz von Aromadüften, mit Licht. Und vor allem auch, indem sie sich auch um die Angehörigen kümmerten. «Wenn ich da übernachtet habe, wurde mir morgens ein Frühstück gebracht, auch wenn ich das Gefühl hatte, ich habe gar keinen Hunger», erzählt Schnyder. «Angehörige vergessen in solchen Extremsituationen oft ihre eigenen Bedürfnisse. Wir versuchen ihnen hier zu beizustehen», erklärt Karin Rippstein. Überhaupt habe sich in der Begleitung von Sterbenden viel verändert. «Wir führen heute viele Gespräche. Bieten diverse Therapien an. Die Patienten können sich zwar oft nicht mehr äussern, aber wir können ihre Reaktionen deuten. Und merken so, was ihnen guttut.» Ziel sei, dass der letzte Schritt schmerzund angstfrei gemacht werden kann. «In einigen Wohngruppen haben wir auch Katzen. Die merken sehr genau, was passiert. Manche legen sich während Stunden zu den Sterbenden ins Bett», erzählt Rippstein.
«Die Art, wie wir hier Abschied nehmen konnten, hilft enorm», windet Helene Schnyder dem Reusspark ein Kränzchen. «Mein Mann war in besten Händen.» Darum fällt es ihr auch leicht, weiterhin als Freiwillige im Reusspark tätig zu sein. Und anderen zu helfen, die in einer ähnlichen Situation sind. Genau das tut sie auch mit ihrer Geschichte, die sie so offen erzählt. Und dies ist auch das Ziel des Podcasts. Elena Ibello führt die Gespräche mit ihren Gästen in der Hoffnung, damit andere zum Reden übers Sterben anzuregen. Sie ist überzeugt: Wie «gut» wir dereinst sterben, hängt auch davon ab, ob wir überhaupt übers Sterben reden, solange wir können.

