Veränderung als Chance sehen
06.01.2026 Region Unterfreiamt, NiederwilNiederwil startete mit dem Neujahrsapéro in sein Jubiläumsjahr
Seit dem 1. Januar 1901 sind die beiden Dörfer Niederwil und Nesselnbach vereint. Was am Anfang auf Ablehnung stiess, hat sich heute als richtige Lösung entpuppt. Am Apéro schaute man ...
Niederwil startete mit dem Neujahrsapéro in sein Jubiläumsjahr
Seit dem 1. Januar 1901 sind die beiden Dörfer Niederwil und Nesselnbach vereint. Was am Anfang auf Ablehnung stiess, hat sich heute als richtige Lösung entpuppt. Am Apéro schaute man zurück. Bevor dann im Sommer gefeiert wird.
Chregi Hansen
Am ersten Tag des Jahres durfte Ammann Norbert Ender eine grosse Zahl Bürger und Bürgerinnen begrüssen. Der Anlass markierte zugleich den Auftakt ins Jubiläumsjahr. Vor exakt 125 Jahren wurden Niederwil und Nesselnbach vereint. Gegen ihren Willen. Am 17. Oktober 1900 beschloss der Grosse Rat trotz des Neins beider Gemeindeversammlungen die Fusion. Diese Massnahme trat am 1. Januar 1901 in Kraft.
Doch mit der Fusion war es nicht getan, wie Ender aus den Protokollen und Geschichten von damals weiss. Nur wenige Jahre später gelangten verschiedene Einwohner Nesselnbachs an den Regierungsrat und verlangten, dass der Entscheid rückgängig gemacht wird. Stein des Anstosses war der Neubau des Schulhauses. Dieses wurde nicht in der Mitte zwischen den beiden Orten errichtet, sondern im Zentrum von Niederwil. Das kam im anderen Dorfteil nicht gut an.
Nesselnbacher Schützenn gingen damals eigene Wege
Der Zwist von damals ist längst Schnee von gestern. «Wir kommen heute als Einheit zusammen. Oft weiss man gar nicht so genau, aus welchem Dorfteil jemand kommt», so Ender. Für ihn ist die Entwicklung ein Beispiel, dass eine Veränderung Positives bewirken kann.
Ende des 19. Jahrhunderts zogen viele weg. Die Zahl der Bevölkerung der beiden Orte hatte sich innert weniger Jahre halbiert. Durch die Fusion wurde aus zwei eher ärmlichen Gemeinden über die Jahre hinweg eine starke und funktionierende Gemeinde mit einem aktiven Dorfleben. «Das Beispiel zeigt, dass es oft einen Anstoss von aussen braucht und dass eine Veränderung auch immer eine Chance darstellt, etwas zum Guten zu verändern», erklärte der Gemeindeammann. So entstanden nach der Fusion viele der jetzt noch aktiven Vereine, etwa der Musikoder der Turnverein. Ohne den Zusammenschluss würde es diese vielleicht nicht geben.
Doch es gab auch Vereine, in denen die Differenzen zwischen den beiden Ortsteilen noch lange spürbar waren. Dazu gehörten beispielsweise die Schützen, wie der frühere Lehrer Hansueli Zimmermann weiss. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Niederwiler und die Nesselnbacher im damaligen Schützenverein Emmetfeld vereint. Doch nach der Zwangsfusion traten einige Nesselnbacher aus Protest aus und gründeten einen eigenen Verein. «Schnell bauten sie sich auch eine eigene Schiessanlage. Doch kurze Zeit später errichteten die Niederwiler genau daneben ihre eigene Anlage», berichtete Zimmermann, der die Geschichte bestens kennt.
Die beiden Anlagen lagen exakt nebeneinander, je mit sechs Scheiben. Die beiden Schützenhäuschen waren sogar aneinander gebaut mit einer Türe dazwischen. «Den Schlüssel dazu hatten aber nur die Nesselnbacher. Und geöffnet wurde die Tür nur für Grossanlässe, wenn beide Anlagen benötigt wurden», wusste Zimmermann zu erzählen. Nach wie vor wurde getrennt geschossen. 1961 feierte die SG Emmetfeld dann ihr 100-Jahr-Jubiläum mit einem grossen Schützenfest mit über 1500 Teilnehmern. «Danach», so Zimmermann, «fragten die Niederwiler die Nesselnbacher, ob die Türe zwischen den beiden Gebäuden nicht immer offen sein kann.» 1974 wurde schliesslich ein neues, gemeinsames Schützenhaus gebaut. Das aber passte nicht allen, einige Nesselnbacher traten aus Protest aus und schlossen sich Tägerig an. Es dauerte noch weitere 37 Jahre, bis sich die beiden Vereine 2011 zusammenschlossen. «Heute ist von den Differenzen von einst nichts mehr zu spüren», konnte Zimmermann berichten.
Die Sache mit den Mäuseschwänzen
Auch der Nesselnbacher Guido Hufschmid wusste einige Anekdoten von früher zu erzählen. Als Sohn einer eher armen Bauernfamilie aufgewachsen, entdeckte er schon früh, dass er mit dem Mausen etwas Geld verdienen konnte. Ausführlich und mit viel Witz berichtete er, wie er sich ans Werk machte, dass er als Beweis nur die Schwänze vorzeigen musste und wie er die Gemeinde betrogen hat, in dem er die Schwänze der Mäuse halbiert hat. Zwar habe ihn das schlechte Gewissen schon geplagt, aber zu beichten wagte er die Tat auch nicht. «Ich traute dem Pfarrer nicht, dass er sich an sein Schweigegelübde hält. Und wir Nesselnbacher Jungs hatten eh schon nicht den besten Ruf im Dorf», sagte Hufschmid mit einem Schmunzeln im Gesicht. Die letzten gefangenen Mäuse hätte dann leider der Kater erwischt, bevor er sie abliefern konnte. «Theoretisch schuldet mir die Gemeinde noch 6 Franken, das würde heute etwa 37 Franken entsprechen», schloss Hufschmid seine Erzählung. Auf eine Nachforderung verzichte er aber.
Allen Grund zum Feiern
Für Norbert Ender ist nach all den Erzählungen klar: Die damals von allen abgelehnte Fusion hat sich später als Glücksfall erwiesen. Und das soll auch gefeiert werden. Zum einen werden als Zeichen der Verbundenheit am 28. März entlang des Velowegs zwischen den beiden Ortsteilen Bäume gepflanzt. Und am 31. Juli und 1. August findet dann das grosse Jubiläumsfest statt. Wozu alle eingeladen sind, egal ob aus Niederwil oder Nesselnbach.

