Technologie aus dem Mittelalter
24.07.2026 Region Oberfreiamt, Gewerbe, KulturSommerserie «Immer noch da»: Zu Besuch bei der Wyssebacher Sagi am Lindenberg
Als Kulturgut von nationaler Bedeutung steht sie unter Denkmalschutz, die historische Säge im Weiler Weissenbach bei Boswil. Da sie durchgängig betrieben wurde, blieb auch ...
Sommerserie «Immer noch da»: Zu Besuch bei der Wyssebacher Sagi am Lindenberg
Als Kulturgut von nationaler Bedeutung steht sie unter Denkmalschutz, die historische Säge im Weiler Weissenbach bei Boswil. Da sie durchgängig betrieben wurde, blieb auch das Wissen zum Betrieb erhalten.
Thomas Stöckli
Die alte Gattersäge rattert rhythmisch. Es duftet intensiv nach Sägemehl. Tatsächlich wird in der historischen Wyssebacher Sagi nach wie vor noch produziert, in kleinem Rahmen. Aktuell sägt das Säge-Team um Martin Köchli 50 Balken für den Holzpavillon, der im Rahmen der Jubiläumsfeier 1000 Jahre Kloster Muri im Klosterhof errichtet werden soll. «Verarbeitet werden Weisstannen aus dem Bünzer Wald», sagt Robert Häfner, Präsident des Vereins Wyssebacher Sagi. Erhalten habe man den Auftrag dank einer Empfehlung durch Oliver Eichenberger, Leiter des Forstbetriebs Region Muri.
Mehr als ein Museumsstück
Das Wasserrad dreht sich zwar, doch die Wassermenge, die der Weissenbach derzeit führt, reicht nicht aus für einen rein mechanischen Antrieb der Säge. Deswegen ist der Hilfsmotor zugeschaltet. Er macht deutlich, dass die Säge eben nicht als Museumsstück erhalten, sondern bis in die 1950er-Jahre noch im Nebengewerbe wirtschaftlich betrieben wurde.
«Mein Grossvater hat sie 1918 aus einer Konkursmasse erworben und in den 1920er- und 1930er-Jahren nochmals zur Blüte gebracht», erzählt Martin Köchli. «Ich kann mich noch an den letzten Arbeitstag des Sägers erinnern, der im Jahr 1956 altershalber aufhörte», sagt er, der damals noch als Erstklässler die Schulbank drückte. Später habe er dann mit dem Vater allein am Zmorgetisch gesessen.
Vom Nebenerwerb zum Trägerverein
Seit jenen 1950er-Jahren gab es der Betriebsertrag nicht mehr her, Personal zu beschäftigen und notwendige Investitionen zu decken. Die fortschreitende Elektrifizierung und der Ausbau der Transportwege setzten der dezentralen Produktion ein Ende. Dass die Sägerei trotzdem erhalten blieb, das sei der Traditionsverbundenheit seines Vaters zuzuschreiben, so Köchli. Auch um die Wasserkonzession nicht zu verlieren, nahm der seine Sagi immer mal wieder in Betrieb.
Auf die Initiative der Familie Köchli hin wurde dann 1996 der Verein Wyssebacher Sagi gegründet, mit dem Zweck, die historische Anlage zu restaurieren, zu betreiben und für die Nachwelt zu erhalten. Die rund 100 Vereinsmitglieder leisten ihren Beitrag dazu, ebenso wie die Denkmalpflege und verschiedene private Stiftungen.
Überliefertes Wissen weitergeben
Dass die Wyssebacher Sagi erhalten werden konnte, ist keine Selbstverständlichkeit, schliesslich geht ihre Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurück. Vergleichbare Anlagen gab es damals auch in der Region. Erwähnt seien etwa die Bachtalmühle in Sins oder die Eichmühle in Beinwil, die im November 2012 bei einem Grossbrand vollständig zerstört wurde. Die Säge kam dank ihrer Distanz zur Mühle beim Brand zwar nicht zu Schaden, ist allerdings nicht mehr in Betrieb.
Die Wyssebacher Sagi rattert derweil weiter. In den letzten gut zwei Jahren hat Martin Köchli, der das Säge-Handwerk von seinem Vater mitbekommen hat, nun sein dreiköpfiges Team ausgebildet und mit den Eigenheiten der Konstruktion vertraut gemacht. «Sie sägen heute selbstständig und entlasten unseren ‹Sägemeister› spürbar», zieht Robert Häfner Bilanz. «So sorgt der Verein für Kontinuität.» So und durch Führungen, mit denen die historische Technik Interessierten, Vereinen, angehenden Fachleuten der Holzbranche sowie Primarschulen vermittelt wird.
Arbeits- und kostenintensiv
In den vergangenen zwei Jahren hat das Säge-Team den Zuflusskanal erneuert. Bei dieser Gelegenheit wurden auch gleich Unterhaltsarbeiten am vorübergehend trockengelegten Wasserrad durchgeführt. 25 Jahre Betrieb haben daran ihre Spuren hinterlassen. Das rund 2,5 Tonnen schwere Rad lief zunehmend unrund, was die Radlager und die Verankerungen im Mauerwerk in Mitleidenschaft zog. So wurde das Rad erst mal trockengelegt, anschliessend die Kalkablagerungen entfernt, die sich stellenweise in bis zu drei Zentimeter dicken Schichten gebildet hatten. Die Menge an Kalk zeigt unmissverständlich auf, woher der Weissenbach seinen Namen hat.
Die Hoffnung ist, durch den Unterhalt die Lebensdauer des kostspieligen Wasserrads verlängern zu können. Erfahrungsgemäss dürfte ein Ersatz in fünf bis sechs Jahren nötig werden. Vielleicht auch etwas später. So hofft man jedenfalls beim Sagi-Verein: «Der Zustand ist noch erstaunlich gut», schätzt Martin Köchli ein.
Ausblick auf die Zukunft
In Zeiten, in denen man sich von nuklearen und fossilen Abhängigkeiten befreien will, hat die nachhaltige, dezentrale Energieproduktion und -nutzung, wie sie in der Wyssebacher Sagi schon vor Jahrhunderten gepflegt wurde, zuletzt wieder Aktualität erhalten.
Sorgen bereitet allerdings die Wassernutzung. Die bestehende Konzession ist befristet und muss 2030 erneuert werden. Offen sei zurzeit, ob und mit welchen Auflagen diese erneuert werden kann, so Häfner: «Der Kanton denkt an eine Wassernutzungsmenge von neu nur noch zwei Litern pro Sekunde, gegenüber den aktuell erlaubten rund 25 Litern pro Sekunde. Wir hoffen auf eine weniger sektorielle Beurteilung der zuständigen kantonalen Fachstelle Gewässernutzung und auf mehr Verständnis für die historische, denkmalgeschützte Gesamtanlage.»
Die Serie
Die Welt verändert sich stetig, Dinge verschwinden. Als Beispiel: Die Post hat in den letzten Jahren immer mehr Filialen abgebaut. In der Sommerserie «Immer noch da» greift die Redaktion Handwerke, Vereine und Themen auf, die sich über die Jahrzehnte gehalten haben. Bereits erschienen: 17. Juli, Trachtetanzlüüt Chloschterdorf Muri; 21. Juli, Lohnbrennerei in Hägglingen.


