Plötzlich auf dem Fahrersitz
31.07.2026 Kelleramt, ArniEin Nachmittag mit dem Bauamt
Den Rasen des Sportplatzes wässern, heuen, bei der Sammelstelle zum Rechten schauen – der Alltag des Bauamtes ist vielfältig. Ein Besuch in Arni zeigt, dass Stefan Stutz genau darum von einem Traumjob spricht. ...
Ein Nachmittag mit dem Bauamt
Den Rasen des Sportplatzes wässern, heuen, bei der Sammelstelle zum Rechten schauen – der Alltag des Bauamtes ist vielfältig. Ein Besuch in Arni zeigt, dass Stefan Stutz genau darum von einem Traumjob spricht. --ake
Sommerserie «Redaktoren schnuppern»: Als Bauamtsmitarbeiterin in Arni
Ende September werden es 26 Jahre sein, die Stefan Stutz beim Bauamt in Arni tätig ist. Er spricht von der Vielfalt, die ihm an diesem Beruf gefällt. Und genau diese kommt beim halbtägigen Besuch deutlich zum Ausdruck. Karton pressen, Bewässerungsanlage verschieben, heuen – Vielseitigkeit ist gefragt.
Annemarie Keusch
Es ist einer dieser heissen Tage, wie es sie in den letzten Wochen ganz viele gab. Da kommt der erneute Gang auf den Sportplatz neben dem Arner Schulhaus gerade recht. Hier bewegt sich die Bewässerungsanlage Zentimeter für Zentimeter vorwärts. Kreisrund wird der Platz bewässert. «Eigentlich ist es zu heiss dafür», sagt Stefan Stutz. Zu viel Wasser verdunstet, bevor es im Boden versickert. Stutz stellt die Bewässerungsanlage trotzdem auf, richtet sie so aus, dass sie eine Bahn bewässern kann und er erst in ein paar Stunden wieder hier sein muss, um das Gerät für die nächste Bahn zu verschieben. «Sonst ginge der Rasen kaputt.» Vielerorts ist in den letzten Wochen genau das passiert. Der Leiter Bauamt erklärt: «Das Wasser kommt von Zürich, das Kontingent reicht nach wie vor gut.» Nicht vergeuden, das gelte auch in Arni. Bewässert werde nur der Sportplatz, selten die Wiese beim Friedhof.
Die Bewässerungsanlage ist an diesem heissen Nachmittag ein willkommener Stopp. Dass man dabei nass wird, ist fast unvermeidbar. Zumindest wenn man sich die Arbeit am Gerät nicht so gewohnt ist wie Stutz. Im September werden es 26 Jahre sein, die er für das Bauamt in Arni arbeitet. Hier im Dorf, wo er aufgewachsen ist und Zeit seines Lebens wohnt. Ihm gefällt es hier. «Diese Aussicht.» Der Satz bekommt später am Nachmittag Nachdruck. Beim Einsammeln der Steine beim Komposthaufen oberhalb des Dorfes. Samt direktem Blick in die Alpen.
Bis zu 250 Kilogramm Karton – am Tag
Dass der Alltag der Bauamtsmitarbeitenden vielfältig ist, das dachte ich mir. Und Stefan Stutz unterstreicht das, indem er sagt, dass genau diese Abwechslung den Beruf für ihn ausmache. Aber was umfasst er wirklich? Welche Aufgaben gehören dazu? Ein Nachmittag als Bauamtsmitarbeiterin soll Klarheit bringen. Und wie es sich für einen guten Chef gehört, zeigt Stefan Stutz zuerst das wenig Anstrengende. Den Karton in die Presse schmeissen. «Es ist Sommer, viele Leute sind in den Ferien. Es gibt Tage, da stapelt sich der Karton und das Pressen wird mehrmals notwendig.» Bis zu 250 Kilogramm pro Tag. Auch jetzt passt nicht alles hinein. «Knopf drücken», sagt Stefan Stutz. Ich lächle. Welchen? Für ihn ist es selbstverständlich, ich zögere, will nichts falsch machen. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben.
Das Betreuen der Sammelstelle ist eine zentrale Aufgabe des Werkhofes in Arni. Simon Müller und Stefan Stutz bilden das Team, Stutz in einem 100-, Müller in einem 60-Prozent-Pensum. Sie kümmern sich um viele verschiedene Bereiche. In Arni wird zum Beispiel selbst kompostiert. Flurstrassen abranden, teilweise auch Waldstrassen, Bestattungen, Wiesen und Strassenränder mähen, die Bäche pflegen. Die Aufzählung ist alles andere als vollständig. Und anhand der Utensilien, die aktuell im oberen Stock zwischengelagert sind, wird deutlich, dass noch viel mehr dazukommt: Schneepfähle, Weihnachtsbeleuchtung, Salz.
Motormäher mit Kran anheben
Stefan Stutz drückt mir die Fernbedienung in die Hand. «Wir heben den Motormäher an», sagt er. Mehr nicht. Die Ketten fixiert er an den vier Rädern des Mähers. «Hochheben.» Wieder lache ich. Technik und ich – wirklich dicke Freunde sind wir nicht. Ich schaue auf die Fernbedienung. Wirklich viele Knöpfe sind es nicht. «Selbsterklärend», meint Stefan Stutz. Der Druck steigt also. Ich drücke ganz langsam den Knopf, auf dem der Pfeil nach oben zeigt. «Schneller», sagt Stutz und lächelt. Dass der Mäher dann wirklich nur zwei Meter ab Boden gehoben werden muss, damit er nicht in den Weg kommt, enttäuscht mich dann schon fast etwas. Die Freude an technischen Geräten, die sich für mich dann viel eher wie technische Spielzeuge anfühlen, ist schliesslich schnell geweckt.
Das scheint auch Stefan Stutz festzustellen – und sich zu merken. «Heuen steht als Nächstes an», meint er. Der Schritt ist immer schnell. Stillstehen, das tut er nie. Ist er sich auch schlicht nicht gewohnt. Zwei Rechen und zwei Gabeln liegen bereit. Aufgewachsen auf einem Bauernhof ist mir das alles andere als fremd. Ein dumpfes Bauchgefühl beschleicht mich auch nicht, als Stutz den grossen John Deere 6110 M holt. Schliesslich sind wir damit vorher zum Sportplatz und zurück gefahren. Und schliesslich haben wir damit die zwei Hinweistafeln auf die Igel im kleinen Depot in der Gemeindescheune versorgt. Ich sass auf dem Kindersitz, wie es sich auch für Erwachsene gehört, die des Fahrens dieser riesigen Gefährte nicht mächtig sind. Auch als Stutz mich anweist, Gabel und Rechen in die Frontschaufel zu legen, bleibe ich gelassen. Dann steigt er aber trotzdem vom Traktor.
Hase und Schildkröte
Dabei fühlt sich Stefan Stutz nirgends so wohl wie auf dem Traktor. «Ich wäre gerne Landwirt geworden.» Etwas Wehmut schwingt noch immer mit, auch wenn er von seinem Berufsalltag schwärmt. Die grossen Gefährte, sie faszinieren ihn. Das Vorgängermodell des jetzigen Traktors kaufte er für sich, als dieses ausrangiert wurde. «Dieser Traktor ist immer wieder im Einsatz, manchmal auch für die Gemeinde», erzählt er. Überhaupt, hie und da verschwimmen für Aussenstehende die Besitztümer. Der grosse Mulcher gehört ihm. Das meiste aber sei schon im Besitz der Gemeinde. Hauptsache, er und die Verantwortlichen seitens der Gemeinde haben den Durchblick. Gleichzeitig ist es manchmal nicht ganz einfach zu trennen, ob Stefan Stutz am Arbeiten ist oder nicht. «Das ist der Fluch, weil ich im Dorf lebe.» Er ist immer erreichbar.
Nun steht Stutz neben dem Traktor und deutet mit der Hand zur Fahrertür. «Du fährst.» Ich lache, gehe von einem Witz aus. Ich hätte nicht sagen sollen, dass ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin. Zu spät. Der Puls schlägt höher, als ich mich auf dem Fahrersitz wiederfinde. Hase steht für langsam, Schildkröte für schneller – daran erinnere ich mich. «Wie Autofahren», sagt Stefan Stutz. Nur dass die Perspektive eine ganz andere ist und mit einem solchen Gefährt ein viel grösserer Schaden verursacht werden könnte. So weit kommt es aber nicht. Mit Stutz’ Unterstützung und langsamem Tempo gehts, auch querfeldein. Dorthin, wo die Disziplin folgt, die mir besser liegt: Heuen. Mit dem Rechen das getrocknete Gras den Hang hinunterziehen, mit der Gabel aufladen. Es sind schöne Kindheitserinnerungen, die an diesem Nachmittag beim Bauamt Arni lebendig werden.
«Redaktoren schnuppern»
In dieser Sommerserie blicken Redaktorinnen und Redaktoren hinter die Kulissen von anderen Berufen. Sie begleiten jemanden mindestens einen halben Tag lang, packen mit an und berichten darüber.
Bereits erschienen: Stefan Sprenger als Kosmetiker, Ausgabe vom 14. Juli. Thomas Stöckli als ARA-Hilfsarbeiter, Ausgabe vom 21. Juli. Monica Rast als Hundefriseurin, Ausgabe vom 24. Juli. Sabrina Salm als Tofurei-Mitarbeiterin, Ausgabe vom 28. Juli.




