Lieber Schafe als Menschen
20.02.2026 Auw, Region Oberfreiamt, TraditionenZu Besuch bei Schäfer Marcel Frei und seiner Herde – aktuell in Auw
Er ist Berufsschäfer, züchtet Schafe und Herdenschutzhunde, bildet solche Hunde auch aus. Marcel Frei bestreitet seinen Alltag mit ganz viel Herzblut und Liebe zu den Tieren. Aktuell ...
Zu Besuch bei Schäfer Marcel Frei und seiner Herde – aktuell in Auw
Er ist Berufsschäfer, züchtet Schafe und Herdenschutzhunde, bildet solche Hunde auch aus. Marcel Frei bestreitet seinen Alltag mit ganz viel Herzblut und Liebe zu den Tieren. Aktuell weidet er seine rund 240 Schafe in Auw. Die Lamm-Saison hat soeben begonnen. «Eine strenge, aber schöne Zeit», sagt er.
Annemarie Keusch
Zweimal täglich die Hosen und die Schuhe wechseln. Das ist in den letzten Tagen keine Seltenheit. «Nein, Spass macht das nicht. Und das ist sanft ausgedrückt», sagt Marcel Frei. Der Dauerregen macht die Weiden tief. Geht er zu seinen Tieren, ist es ein Waten durch das durchnässte Gelände. Was dem Schäfer an die Nieren geht, stört die Schafe weniger. Sie könnten unter Anhängern Schutz vor dem Regen suchen. «Das tun sie aber nicht. Selbst als es vor ein paar Tagen nachts wirklich schüttete, lagen sie gemütlich im Freien beieinander.» Dass sie die Temperaturen nicht stören, das weiss Frei. «Es ist ihnen eigentlich zu warm.» Die Wolle wurde im September zuletzt geschoren, gibt entsprechend warm. «Sie hecheln, weil sie heiss haben», sagt Marcel Frei. Auch wenn er immer wieder darauf angesprochen wird, die Tiere doch bei diesem kalten und nassen Wetter in den warmen Stall zu holen. Für Frei ist klar: «Ich tue das nicht, weil ich kein Tierquäler bin.»
Ein paar Tiere holt er an diesem Tag trotzdem in den Stall. Es sind die hoch trächtigen Auen. Vor knapp einer Woche hat die Lamm-Saison begonnen. «Leider nicht gut», sagt Marcel Frei. Zwei Lämmer starben kurz nach der Geburt, ebenfalls deren Mutter, trotz tierärztlich enger Betreung. Natürlich sei das traurig. «Aber die Hoffnung ist gross, dass in den nächsten vier bis sechs Wochen 200 gesunde Lämmer folgen.»
Ergänzend im Neophyten-Bereich tätig
Dass Marcel Frei Schäfer wurde, nahm vor zehn Jahren seinen Anfang. Die Ausbildung zum Landwirt hatte er absolviert. Als Hobby kaufte er fünf Spiegelschafe. Ein damaliger Freund brachte ihn auf die Idee, diesen Weg intensiver zu verfolgen. «Probieren wirs», sagte sich Frei damals. Und bereut hat er das nie. Auch wenn die Motivation inmitten einer regnerischen Phase bisweilen nachlässt. «Ich liebe meine Tiere. Geht es ihnen gut, geht es auch mir gut.» Zwischen 300 und 500 Schafe gehören zu Freis Herde, aktuell ist er in Auw mit rund 240 Tieren unterwegs. Alles sind Spiegelschafe, wenn auch nicht reinrassige. «Das wäre zu wenig wirtschaftlich», weiss Marcel Frei. Bei der Zucht werden Suffolk-Schafe eingekreuzt, die für die Fleischund Wolleproduktion geeigneter sind. Ganz viel davon verkaufen die Freis direkt, das restliche Fleisch wird in der Gastronomie verwertet.
Seine fünfköpfige Familie rein mit der Arbeit als Schäfer zu ernähren, das geht aber nicht. Marcel Frei ist im Bereich Neophyten selbstständig, nimmt Aufträge von Bund, Kantone und Gemeinden an. «Das passt ganz gut. Wenn die Ablamm-Saison fertig ist, startet die Neophyten-Zeit», sagt er. Mit mehr Herzblut ist er natürlich bei den Tieren dabei. «Sonst würde ich es nicht machen. Der Aufwand wäre schlicht zu gross, wenn ich nicht für dafür leben würde.»
Herdenschutzhunde sorgen für Kritik
Das hat auch damit zu tun, dass Marcel Frei durchaus perfektionistisch veranlagt ist. Der Hag rund um die Weide muss schön sein. Wenn ein Schaf hinkt, will er sofort eingreifen. Weil ihm die Tiere wichtig sind. Aber auch weil er weiss, dass er unter Beobachtung steht. Wer in der heutigen Zeit mit Schafen unterwegs ist, fällt auf. Wer Herdenschutzhunde dabei hat, sowieso. «Auf der Alp im Sommer braucht es sie zwingend. Was soll ich mit ihnen die restlichen neun Monate tun? Sie im Stall einzusperren, das geht doch nicht», sagt Marcel Frei zum Thema Schutzhunde. Obwohl er sie längst so lieb hat wie seine Schafe, fügt er an: «Würde ich nicht als Herdenschutzhunde mit ihnen arbeiten, hätte ich wohl keine Hunde.»
Herden gelten als geschützt, wenn Schutzhunde dabei sind. Vor allem in den Alpen, wo beispielsweise Wölfe Tiere reissen. Die Präsenz der Hunde stösst aber speziell im Flachland auf Kritik. «Es geht einfach nicht anders», sagt Marcel Frei erneut. Die Hunde sind wie seine Mitarbeiter, halten die Herde beisammen. Der Schäfer macht aber weitere Herausforderungen aus. «Der Strassenverkehr.»
Kürzlich Tage der offenen Winterweiden
Denn sind seine Schafe nicht auf der Alp, wo sich ein Hirtenpaar um sie sorgt, ist Marcel Frei mit ihnen unterwegs. Im Herbst startet er in Bonstetten, im Frühling sind sie in Uezwil. «Das Laufen tut den Schafen gut. Ihrer Gesundheit, vor allem ihrer Klauengesundheit», weiss der dreifache Familienvater. Dass auf dieser Wanderung auch hie und da Strassen zu queren sind, ist normal. «Die Automobilisten haben immer weniger Verständnis, das ist schade. Einen Alpaufzug finden alle schön, eine Schafherde im Flachland weniger.»
Beklagen aber will sich Marcel Frei nicht. Denn mit den Tieren draussen unterwegs zu sein, hat auch ganz viele schöne Seiten. «Eine Tradition, die es sich zu erhalten lohnt», ist er überzeugt. Während er anfänglich Weiden suchen musste, melden sich längst Landwirte bei ihm, die ihre Wiesen abgegrast haben wollen. «Die Winterweide mit Schafen wirkt sich insgesamt positiv auf den Boden aus, weil sie ihn auch in der kalten Jahreszeit biologisch aktiv halten.» Die Trittbewegung der Tiere helfe dabei, Pflanzenreste einzuarbeiten und die Humusbildung zu unterstützen, was langfristig die Bodenstruktur sowie die Wasser- und Nährstoffspeicherung verbessere. Und seine Tiere bekämpfen Schädlinge. Schafe zertreten Mausgänge im Boden, Hunde fressen die Mäuse. Und Frei erlebt in seinem Alltag auch viel Zuspruch von der Bevölkerung. Viel Interesse. Viele Fragen. «Das mag ich. Weil im Gespräch ganz oft Brücken gebaut werden können und Verständnis wächst.» So war es auch am letzten Wochenende. Schweizweit war die Bevölkerung zu den Tagen der offenen Winterweiden eingeladen. Das Wetter hätte besser sein können, auch das im Freiamt dichte Fasnachtsprogramm kam erschwerend hinzu. «Aber die Leute, die kamen, hatten grosses Interesse. Es waren spannende Begegnungen.»
Angeblichen Wolf gesichtet
Noch rund zehn Tage bleibt der Abtwiler mit seinen Tieren in Auw. Im Dorf also, wo auch der Stall für seine Tiere ist. Nachher geht die Reise weiter. Im Frühling wird er in Uezwil ankommen. Was auf ihn zukommt, kann Marcel Frei zwar absehen, aber nicht genau planen. «Da gehören viele Faktoren dazu. Nicht zuletzt das Wetter.» Aber auch die Vorkommnis von Wölfen. Immer wieder streifen einzelne Tiere das Mittelland, auch das Freiamt. «Erst Anfang Woche kam eine Meldung einer Sichtung in Weissenbach.» Nach genauer Prüfung stellte sich der gemeinte Wolf als Hund heraus. «Umso besser. So können meine Tiere auf der Weide bleiben.» Dann sind sie glücklich. Und dann ist es der Schäfer auch.
Mehr Informationen finden Interessierte unter: www.vomfrei.ch.

