Lernen oder einfach weitermachen?
06.02.2026 Bremgarten, LeserbriefeManchmal zeigt sich politische Haltung nicht in dem, was gesagt wird, sondern auch in dem, was unterlassen wird. Die Antwort des Aargauer Regierungsrats auf die Erkrankungen bei Polizeiübungen in der Reuss ist ein solches Beispiel. Sie ist sachlich korrekt – und zugleich ein ...
Manchmal zeigt sich politische Haltung nicht in dem, was gesagt wird, sondern auch in dem, was unterlassen wird. Die Antwort des Aargauer Regierungsrats auf die Erkrankungen bei Polizeiübungen in der Reuss ist ein solches Beispiel. Sie ist sachlich korrekt – und zugleich ein Dokument des politischen Stillstands.
Der Kern der Botschaft lautet: Risiken gehören halt zu Fliessgewässern dazu. Damit wird ein konkreter Vorfall zu einer Art Naturgegebenheit erklärt, mit der man leben müsse. Doch genau hier liegt das Problem. Wer akzeptiert, dass Menschen im Auftrag des Staates oder im Rahmen von Ausbildung und Freizeit Risiken ausgesetzt sind, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen, verwechselt Verwaltung mit Verantwortung.
Natürlich sind Flüsse keine kontrollierten Schwimmbecken. Aber gerade weil Wasserqualität, Abfluss und Wetter schwanken, braucht es klare Entscheidungsgrundlagen: Wann ist eine Nutzung verantwortbar? Wann nicht? Wer entscheidet – und auf welcher Basis? Diese Fragen sind keine akademischen Details, sondern entscheiden über Gesundheit und Sicherheit. Wer sie offen lässt, überlässt den Schutz dem Zufall. Das ist keine Vorsorge, das ist Wegschauen.
Statt solche Fragen ernsthaft anzugehen, lehnt der Aargauer Regierungsrat neue Standards, verbindliche Empfehlungen oder ein Warn- und Informationssystem als «nicht zweckmässig» ab. Begründet wird ausführlich, warum zusätzliche Massnahmen schwierig seien. Doch seit wann ist Schwierigkeit ein Argument gegen Schutz?
Es geht hier nicht nur um Polizeiübungen. Es geht um alle, die die Reuss nutzen: Einsatzkräfte, Auszubildende, Sportlerinnen und Sportler, Familien. Wer diese Nutzung zulässt oder anordnet, trägt Verantwortung. Und Verantwortung bedeutet, bekannte Risiken zu reduzieren – nicht, sie als unvermeidlich zu deklarieren.
Es wäre gut vorstellbar, Vorsorge stärker und systematischer zu organisieren, etwa mit transparenteren Empfehlungen, klareren Zuständigkeiten oder zeitlich begrenzten Einschränkungen bei erhöhtem Risiko. Das wäre keine Panikmache, sondern nüchterne Prävention. Der Schutz von Gesundheit und Leben ist kein Luxus, sondern eine staatliche Kernaufgabe.
Ich schreibe das als Bürger aus Bremgarten, als Vater und als Lehrperson. Ich erwarte vom Kanton nicht Perfektion, aber Lernfähigkeit. Wer aus konkreten Vorfällen nichts ableitet, entscheidet sich ganz bewusst für den bequemsten Weg: weitermachen wie bisher. Wer Risiken kennt und trotzdem nichts ändert, nimmt Schäden in Kauf. Das darf nicht der Massstab für verantwortungsvolle Politik im Aargau sein.
Stefan Dietrich, Grossrat, SP, Bremgarten
