Caroline Doka, freischaffende Journalistin, in Wohlen aufgewachsen, lebt heute in der Nähe von Basel.
Am Bahnhof Basel auf der Passerelle. Ich will mit dem Velo verreisen und begebe mich in eine der Nischen, in denen lange, geschwungene ...
Caroline Doka, freischaffende Journalistin, in Wohlen aufgewachsen, lebt heute in der Nähe von Basel.
Am Bahnhof Basel auf der Passerelle. Ich will mit dem Velo verreisen und begebe mich in eine der Nischen, in denen lange, geschwungene Holzbänke zum Verweilen einladen. Velohelm und Brille lege ich auf die Sitzgelegenheit und beginne mit geübten Handgriffen, mein Rennrad in den Velosack zu verpacken. Ich habe mehr als genug Zeit einkalkuliert.
Derweil schlurft ein älterer Obdachloser heran. Stellt seine Habseligkeiten auf die Bank, äussert mürrisch sein Missfallen über meinen dort abgelegten Helm, macht wegwerfende Gebärden gegen mich und mein Velo – obwohl er mehr als genug Platz hat. Ein leicht abgestandenes Gerüchlein weht zu mir herüber. Umständlich setzt er sich hin, wühlt in seinen Sachen und grummelt weiter in den weissen Bart hinein. Ich spüre jedoch seinen interessiert-beobachtenden Blick auf jedem meiner Handgriffe.
Geflissentlich ignoriere ich den Brummli, verpacke im Handumdrehen mein Rad. Dann schiebe ich den Helm zur Seite, setze mich auf die Bank, hole demonstrativ «Die Zeit» aus dem Rucksack und vertiefe mich gut verschanzt hinter der aufgeschlagenen Doppelseite in die Lektüre. «Kommt Zeit, kommt Rad», grummelt es zu mir herüber. Unvermittelt gluckse ich vor Lachen, meine Mundwinkel heben sich, meine Laune ebenfalls. Genau mein Humor! Ich linse hinter meinem Zeitungsversteck hervor. Unsre Blicke begegnen sich, beide müssen wir herzhaft lachen. Das meterdicke Eis ist gebrochen.
«Wenn ich so fit wäre wie Sie», sagt der Mann, «würde ich auch Velo fahren.» Er sei 72. «Wie machen Sie das?» Ich erzähle von der Leidenschaft für ausgedehnte Touren und vom Intervallfasten, das den Körper biologisch jünger halte. Berichte von einem packenden Artikel in der «Zeit», der mich dazu inspirierte, zwischen Znacht und Zmittag nicht zu essen. Zögernd nickt er, sagt dann: «Wo ich halt Bier so gernhabe», hebt die Dose und prostet mir zu.
Er lese gern, sagt er auch noch. Ich stelle mir vor, wie sein Leben aussehen könnte, würde er nicht auf der Strasse leben. Gar nicht so anders als meins. Was ihm wohl widerfahren ist? Doch ich muss los, gleich fährt mein Zug. Ich verabschiede mich und drücke ihm meine Lektüre in die Hand. «Auf Wiedersehen», sage ich. Und meine es auch so.