«Ökologischer Wahnsinn»
03.03.2026 WohlenMartin Killias, Präsident des Schweizer Heimatschutzes, zu Gast beim Verein «Schöner Wohlen»
Was vor über zehn Jahren ein Erfolg für den Umweltschutz war, drängte den Heimatschutz auf die Verliererstrasse. Ab 2014 wurde mit dem ...
Martin Killias, Präsident des Schweizer Heimatschutzes, zu Gast beim Verein «Schöner Wohlen»
Was vor über zehn Jahren ein Erfolg für den Umweltschutz war, drängte den Heimatschutz auf die Verliererstrasse. Ab 2014 wurde mit dem Raumplanungsgesetz das verdichtete Bauen forciert. Was gut klingt, erschwert die Arbeit rund um schützenswerte Bauten.
Daniel Marti
Grundsätzlich habe ganz vieles einen Erinnerungswert. Ob es alte Häuser sind oder Gegenstände, die lange im Keller lagerten. Dies sagte Martin Killias, Präsident des Schweizer Heimatschutzes, im Schlössli. Und die Mitglieder des Vereins «Schöner Wohlen» hörten ihm interessiert zu. «Selbst wenn man ein Haus aufräumt, fallen einem alte Erinnerungsstücke in die Hände.» Ihm ging es jedoch in seinem Referat vor allem um die Häuser. Und so wurde er auch dem Titel seines Auftritts gerecht: «Bald nur noch Betonkisten? Bedrohte Ortsbilder in Aargauer Dörfern.»
Wahrer Horror für schützenswerte Bauten
Die Gründungszeit für den Heimatschutz geht auf die Jahre 1820 bis 1860 und auf Frankreich zurück. Damals sei vieles einfacher gewesen. Heute, mit allen Verordnungen und Gesetzen, sei der Schutz für Gebäulichkeiten viel komplizierter. Manchmal laut Killias ein «wahrer Horror. Die Aufgabe des Heimatschutzes ist viel schwieriger geworden.» Und er nennt den hauptsächlichen Grund: das revidierte Raumplanungsgesetz, das im Jahr 2014 in Kraft getreten ist. «Das war ein grosser Erfolg des Umweltschutzes», betonte Killias, «und inzwischen zählt der Heimatschutz zu den Verlierern.» Vor allem in den Zentren wird laut Killias das verdichtete Bauen intensiv betrieben. «Und genau dort stehen die schützenswerten Häuser.» Die Folge davon: Der Heimatschutz befindet sich in einem permanenten Kampf. Und er erinnert daran, dass das Raumplanungsgesetz ein «qualitätsvolles Verdichten» verlangt. Davon sei man jedoch oft weit entfernt.
Und das verdichtete Bauen hat eine weitere Kehrseite. Ganz viele Gebäude werden eben abgerissen, um Platz zu schaffen: «Wir leben in einer Zeit mit grosser Zerstörung. Noch nie wurden in der Schweiz so viele Gebäude abgerissen wie jetzt.» Das sei ein neues Phänomen, «und dies ist eine ökologische Katastrophe».
Denn rund 80 Prozent des Abbruchmaterials von Häusern endet in den Deponien. Und die Deponien werden voll, und letztlich hat es zu wenig Platz in den Deponien. «Das ist ein ökologischer Wahnsinn», so Killias, «und letztlich braucht das Unmengen von Energie.»
Kompakten Siedlungsraum zu schaffen, so wie es das Raumplanungsgesetz vorsieht, werde oft nur mit Neubauten angestrebt, anstatt mit «sanften Renovationen». Zu rasch werde zum Abbruchhammer gegriffen.
Dies sei bautechnisch, oder was den Energieverbrauch angeht, oft ein Blödsinn. «Es geht eben oft nur um die Rendite eines Objekts, und das ist keine gute Entwicklung.»
Es wird zu viel kaputtgemacht
Schützenswerte Häuser haben laut Martin Killias oft nur durch zwei Systeme eine «Überlebenschance». Über die Bau- und Nutzungsordnung (BNO), «das ist eine schlechte Methode», oder über die Inventar-Variante, «das ist die bessere Lösung». Listen über potenziell schützenswerte Häuser sind laut dem Präsidenten des Schweizer Heimatschutzes unentbehrlich.
«Aber», räumte er gleich ein, «praktisch alle schützenswerten Absichten stören die Verdichtungsabsichten.» Und letztlich bestimme der Liegenschaftsmarkt so ziemlich alles, «das Angebot stimuliert die Nachfrage». Und damit war er beim Problem namens Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungswachstum angelangt.
Da gebe es die richtige Antwort eben noch nicht. «Aber die Fragen sollen erlaubt sein: Wie weit soll das Wachstum gehen und wie leben wir damit?»
Eine Antwort sei jedoch klar: «Wir können ganz viel bauen – und erhöhen damit die Zuwanderung.» Und zur aktuellen Wohnungsnot hat der Präsident des Heimatschutzes auch eine Meinung: «Leute mit einem Monatslohn ab 15 000 Franken und mehr kennen keine Wohnungsnot. Und wie sieht es bei 5000 Franken aus?» Aber der Heimatschutz betreibe halt keinen Mieterschutz.
Kein idealer Weg in den Städten
Zurück zu den schützenswerten Bauten. Da werde in den Aargauer Städten nicht der ideale Weg gewählt, betont Killias. Oft werden solche Häuser dann einfach nur ausgehöhlt, was nicht seiner Haltung entspricht. Killias machte ein Beispiel aus seinem Wohnort Lenzburg.
«Da sind in den letzten 30 Jahren rund 70 Prozent der schützenwerten Bauten auf diese Art kaputtgemacht worden.» Die schöne Fassade werde zwar bewahrt, mehr aber nicht. Und als Heimatschützer Nummer eins im Land benötige er oft einen breiten Rücken, und ab und zu müsse er in den Keller und einen guten Tropfen raufholen, damit er Fehlentscheidungen besser verkraften könne.
Das Schloss Habsburg war mal fürchterlich
Abschliessend blickte Martin Killias noch tief in die Vergangenheit. Das Schloss Habsburg habe einst wie ein «Steinhaufen und fürchterlich ausgesehen», und heute komme es prächtig daher.
Bei schützenswerten Bauten habe er halt oft mit «viel Verständnislosigkeit zu kämpfen», sagte er noch und gab zu bedenken, dass es bei historischen Bauten für ihn eine besondere persönliche Ansicht gibt: «Die Schönheit eines solchen Hauses gehört doch allen, nur schon deshalb, weil wir alle sie bewundern.»
Und wie sieht es mit dem Lüthi-Tschiemer-Haus aus?
Und bei einer solchen Wahrnehmung konnten es die anwesenden Mitglieder des Vereins Schöner Wohlen nicht belassen.
Sie mussten förmlich nach dem Lüthi-Tschiemer-Haus fragen, das einem neuen Kulturhaus der Raiffeisenbank weichen sollte. Da sei die Situation nach wie vor nicht hoffnungslos, so Martin Killias.
Er sei nicht pessimistisch. «Das ist ein grosses, würdiges Haus, das doch erhalten werden könnte.» Aber die historische Abklärung sei eben Pflicht und eine Basis für weitere Entscheide.

