Stefan Sprenger, Redaktor.
Mir hauts fast das Fisch-Chnuschperli aus dem Mund. Denn am Nebentisch passiert unscheinbar Hochspannendes. Ein Paar mittleren Alters regt sich grauenhaft auf. Als die Dame ihre Chicken Nuggets kriegt, faucht sie die ...
Stefan Sprenger, Redaktor.
Mir hauts fast das Fisch-Chnuschperli aus dem Mund. Denn am Nebentisch passiert unscheinbar Hochspannendes. Ein Paar mittleren Alters regt sich grauenhaft auf. Als die Dame ihre Chicken Nuggets kriegt, faucht sie die Bedienung an: «Das dauerte jetzt aber lange. Ich hoffe, es ist wenigstens essbar.» Dann jammert sie über den «Senf, der komisch und zum Chotze» schmeckt (es war Currysauce). Als ihr Mann zwei Minuten später auch sein Schweinsgeschnetzeltes serviert bekommt, nörgelt auch dieser los: «Gopfertori namal, das Essen bringt man doch zusammen.» Die junge Serviertochter läuft dunkelrot an und entschuldigt sich höflich.
Wenn dies ein Nobel-Restaurant wäre, dann wäre die Erwartungshaltung ein bisschen nachvollziehbarer gewesen. Der Tonfall ist aber so oder so geschmackloser als jedes Tofu-Würstchen. Denn die Serviertochter ist gar kein Profi – sondern ein Mitglied des Turnvereins Villmergen. Sie packte am letzten Wochenende am Jugendfest in Villmergen an, bei einem wirklich paradiesischen und einzigartigen Fest. Wie ganz viele andere freiwillige Helferinnen und Helfer gab auch die Turnerin in ihrer ungewohnten Rolle als Serviertochter ihr Bestes. Für das Nörgel-Paar war das zu wenig.
Irgendwie leben in unseren Breitengraden etwas mehr Griisgrämler, Tüpflischiisser und Jammeri als anderswo. Obwohl wir hier in der Schweiz wohl die besten Lebensumstände auf diesem Planeten besitzen, ist in unserem Wesenskern die Essenz des Nörgelns verankert. Und es braucht auch gar nicht viel, damit das Jammer-Gewehr losschiesst. Es genügt schon, wenn der Zug ein paar Sekunden zu spät kommt oder jemand seine Rivella-Flasche, ohne die Luft rauszulassen, in die PET-Sammelstelle wirft. Es wird gemault über die Linken, die Rechten und alle zwischendrin – und sowieso über den Tubel, der vor einem im Auto fährt. Für uns gehört das Nörgeln zum Soundtrack des Lebens. Eine lustvolle Opferhaltung. Ein Alltags-Ventil. FWP – First World Problems. Ich bin nicht besser. Ich jammere am liebsten über Jammeri.
Und zum Schluss noch ein Tipp von Albert Einstein, der war ja klug. Der jammerte einst: «Es gibt viele Wege zum Glück. Einer davon ist aufhören zu jammern.»