Halbes Leben in der «Grasteeri»
12.01.2024 Merenschwand, Region OberfreiamtNach 36,5 Jahren bei der Grastrocknungsanlage in Merenschwand hört Albert Betschart auf
Er war Betriebsleiter in Muri, später Geschäftsführer. Fast vier Jahrzehnte lang war die Grastrocknungsanlage die berufliche Heimat von Albert Betschart. Ende Monat ...
Nach 36,5 Jahren bei der Grastrocknungsanlage in Merenschwand hört Albert Betschart auf
Er war Betriebsleiter in Muri, später Geschäftsführer. Fast vier Jahrzehnte lang war die Grastrocknungsanlage die berufliche Heimat von Albert Betschart. Ende Monat nun ist Schluss. «In all den Jahren hat sich manches verändert», sagt er. Längst werde nicht mehr nur Gras und Mais getrocknet.
Annemarie Keusch
Albert Betscharts Erinnerungen sind lebhaft, als wäre dieser Tag erst höchstens ein paar Wochen her. Dabei sind über 36 Jahre vergangen seit jenem 1. Oktober 1987. «Alles, was schiefgehen konnte, ging schief», sagt er. Die Würfelpresse ging kaputt, die Mühle war verstopft, die Hauptschleuse machte nicht mit. «Ich war auf Achse, von morgens 7 Uhr bis am anderen Morgen um 2.30 Uhr.» Es war sein erster Arbeitstag in der Grastrocknungsanlage in Muri. «Ich hatte Hunger und meine Beine taten weh. Mein Vorgänger meinte, dass ich hier nicht alt werde und kein Kilo Salz esse.» Heute kann Betschart darüber lachen. Holzschuhe halfen ihm, sich an das viele Stehen zu gewöhnen. Dass er vorsorglich immer etwas zu essen dabei haben muss, weiss er mittlerweile. «Die Arbeit in der Grastrocknungsanlage ist unberechenbar.» Das weiss auch seine Frau. Gewartet mit dem Nachtessen, das hat sie schnell nicht mehr. Betschart betont: «Ohne die Unterstützung und das Verständnis der Familie, vor allem meiner Frau Monika, wäre das so nicht möglich gewesen.»
«Grasteeri». So nennt Albert Betschart den Ort, der über 36 Jahre lang sein Arbeitgeber war. Eigentlich sei er Lastwagenchauffeur gewesen. «Der damalige ‹Strebel›-Wirt meinte zu mir, dass ich nicht in den Lastwagen gehöre, sondern in die ‹Grasteeri›», erinnert er sich. Sie seien einander vertraut gewesen. «Er kannte mich, ahnte, dass die unregelmässigen Arbeitszeiten für mich das Richtige sind. Im Nachhinein bin ich ihm sehr dankbar.»
Mittlerweile ein Ganzjahresbetrieb
Angefangen hat Betschart als Betriebsleiter der Anlage in Muri. «Ich war unglaublich stolz, überhaupt einen solchen Job machen zu können. Schliesslich hatte ich keine Lehre absolviert», blickt Betschart zurück. Sich reinknien, das Angefangene durchziehen, für ihn war das logisch. Ab 1999 wurde er Geschäftsführer der Grastrocknungsanlage Muri. Nachdem die Anlage in Muri 2008 geschlossen wurde, blieb jene in Merenschwand übrig. Noch heute ist er fast täglich da, auch wenn die Geschäftsführertätigkeit ein Pensum von maximal 30 Prozent umfasst. «Es ist mir wichtig, zu wissen, wie es im Tagesgeschäft läuft», sagt Betschart. Zu stark ist er mit der «Grasteeri» verbunden, auch wenn er die Betriebsleitung nicht mehr innehat. Und Betschart hat die enorme Entwicklung in den letzten Jahren miterlebt. «Ganz früher ging es im Winter nur darum, die Maschinen zu revidieren und zu reparieren. Natürlich machen wir das immer noch, aber ab Januar wird der erste Malz angeliefert, der getrocknet werden muss», sagt Betschart. Dass in der Trocknungsanlage nur Gras und Mais getrocknet wird, das sei längst Vergangenheit. «Malz, Sägemehl, teils gar Brot. Die Trocknungsanlage ist längst zum Ganzjahresbetrieb geworden», weiss Betschart.
Brot? Das erstaunt. Betschart formulierts ganz direkt. «Es ist ein Zeichen der Wegwerfgesellschaft. Teils waren es Hunderte Kilogramm Gipfeli.» Dank dem Trocknen können diese Produkte immerhin noch der Verfütterung zugeführt werden.
Über die Hälfte ist Mais
Auch wenn in den letzten Jahren einige Anlagen geschlossen wurden, hat Albert Betschart eine klare Meinung: «Ich finde es sinnvoller, wenn die landwirtschaftlichen Produkte in der Region getrocknet werden. Wenn auch die Energieträger, sprich Heizöl und Strom, einem hohen Preis ausgesetzt sind, macht es Sinn, dass die Veredelung in der Region stattfindet. Der Kreislauf kann vor Ort geschlossen werden und auf die Lastwagen-Transporte aus dem Ausland, die etliche Kilometer zu fahren hätten, kann verzichtet werden.»
4000 bis 4500 Tonnen Material werden jährlich in Merenschwand getrocknet. Rund ein Viertel ist Gras, über die Hälfte Mais. Das Einzugsgebiet werde infolge der Schliessungen anderer Anlagen immer grösser. «Vom Säuliamt über den Kanton Zug bis ins Unterfreiamt», sagt Betschart. Noch 42 Anlagen gebe es in der Schweiz. «Diese Zahl wird noch weiter zurückgehen.» Denn gerade für kleinere Anlagen sei es schwierig, die laufend neuen Anforderungen zu erfüllen und entsprechende Investitionen zu tätigen. Doch Betschart betont: «In Merenschwand läuft es gut, zum Glück.»
Gelernt, das Nichtstun auch mal zu geniessen
Trotzdem, oder gerade weil er dies mit gutem Gewissen tun kann, hat er sich zum Abschied entschieden. Ende Monat ist es offiziell so weit. Bis zur GV im April wird er zwar noch die Jahresrechnung machen und diese dort vorstellen. Nachher ist Schluss. «Ich werde 67-jährig und der Druck wird nicht geringer», sagt er. Geht eine Maschine kaputt, könne er nicht mehr schlafen. «Ich bin dünnhäutiger geworden.» Früher habe es ihm nichts ausgemacht, so unregelmässig zu arbeiten, mal nachts, mal 20 Stunden am Stück. Darum sei es nun höchste Zeit. Auch weil Betschart noch viele andere Ämter innehat. «Und ich bin mittlerweile so weit, dass ich auch freie Minuten geniessen kann.»
Er freue sich, die Verantwortung abzugeben, weniger Druck ausgeliefert zu sein. Der Trocknungsgenossenschaft Muri und der ganzen Belegschaft wünsche er weiterhin gutes Gelingen. Ganz weg vom Metier geht er aber nicht. Betschart bleibt Präsident des nationalen Trocknungsverbandes. «Solang die Gesundheit mitmacht, ist ein kompletter Ruhestand kein Thema.»