«Gott und den Menschen dienen»
24.03.2026 Region Oberfreiamt, Porträt, Dietwil, KircheAm Donnerstag feiert Josef Stübi, Weihbischof aus Dietwil, den 65. Geburtstag – Pensionierung ist noch kein Thema
Gut drei Jahre ist es her, dass der Freiämter Josef Stübi zum Weihbischof fürs Bistum Basel geweiht wurde. Im Interview spricht er ...
Am Donnerstag feiert Josef Stübi, Weihbischof aus Dietwil, den 65. Geburtstag – Pensionierung ist noch kein Thema
Gut drei Jahre ist es her, dass der Freiämter Josef Stübi zum Weihbischof fürs Bistum Basel geweiht wurde. Im Interview spricht er über diese drei Jahre, aber auch über seine Beziehung zu Gott und über Herausforderungen, die sich der Kirche und der Welt stellen.
Thomas Stöckli
Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten. Dazu die Klimaerwärmung. Ist die schwierige Weltlage eine Chance für die Kirche? Schliesslich heisst es, viele Menschen finden in Krisenzeiten zu Gott.
Josef Stübi: Ich würde es nicht als Chance, sondern als Herausforderung bezeichnen. Die Kirche ist in erster Linie eine religiöse Gemeinschaft. Der Glaube an Gott, mit Jesus Christus und seiner Botschaft der Gottes- und Nächstenliebe im Zentrum, spielt dabei die entscheidende Rolle. Seine Botschaft gilt es weiterzugeben, zu pflegen und zu leben. Wir sprechen von Verkündigung, Liturgie und Diakonie. Dieser Dreiklang bildet seit seinen Anfängen gleichsam die Grundmelodie kirchlichen Lebens.
Wie klingt diese Grundmelodie?
Verkündigung eröffnet und begleitet den Weg des Glaubens. Liturgie ist der Ort des Hörens und Feierns in versammelter Gemeinschaft vor Gott. Ein Ort der Vergewisserung auch der göttlichen Gegenwart in der Welt. Ohne diakonisches Engagement bleiben der Glaube und die christliche Botschaft allerdings auf halbem Weg stehen. Das heisst: Einsatz für Gerechtigkeit, Friede und Solidarität im Kleinen wie im Grossen. Heute stets auch Einsatz für das Wohl und die Bewahrung der Schöpfung.
Wenn Sie von Bewahrung der Schöpfung sprechen, drängt sich der Umgang mit dem Klimawandel auf. Was kann die Kirche als globaler Player da bewirken?
Papst Franziskus war diesbezüglich ein Vordenker. Er sprach in seiner Umwelt-Enzyklika von der «Sorge für das gemeinsame Haus». Gerade in unserer immer fragiler werdenden Weltlage kann die Kirche nicht wegsehen, sondern muss sich einsetzen, ihre Stimme erheben, vor Ort, aber auch auf der grossen Weltbühne. Dies ruft aber gleichzeitig nach einem entsprechend glaubwürdigen Verhalten der Kirche selbst. Dies ist eine Herausforderung – aber doch auch eine Chance, dem Schöpfungsglauben ein erkennbares Gesicht zu geben und dies in der Nachfolge und nach dem Vorbild Jesu. Sein Hauptgebot, «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deine Mitmenschen wie dich selbst!», hat zeitlose Bedeutung. Als Jesus dieses Gebot formulierte, stellten sich ihm Fragen der Umweltzerstörung noch nicht. In der heutigen Zeit würde er hier wohl nicht mehr nur den Mitmenschen erwähnen, sondern auch die Mitwelt einbeziehen.
Wie kamen Sie dazu, Ihr Leben Gott und der Kirche zu widmen?
Die Idee, Pfarrer zu werden, hat mich schon früh begleitet. Jahre nach meiner Priesterweihe erzählte mir meine Mutter eine Episode: Als ich in Luzern das Theologiestudium begann, habe unser Pfarrer ihr gegenüber erwähnt, nun werde vielleicht wahr, was ich ihm als kleiner Bub gesagt habe: «Du Pfaarer, ech wott de au emou wärde, was du besch.» Ich selbst erinnere mich nicht daran, aber der Pfarrer hat es offenbar nie vergessen. Trotz aller Fragen und Herausforderungen habe ich immer an diesem Ziel festgehalten. Geprägt haben mich dabei auch das Pfarreileben und die religiösen Traditionen in Dietwil sowie die innere Auseinandersetzung damit während der Gymnasialzeit in Immensee. Es war für mich auch ein Weg des Glaubens. Eine wichtige Rolle auf dem Weg der endgültigen Entscheidung nach dem Studienabschluss spielte auch ein Besuch der Krypta in der Kirche des heiligen Burkard von Beinwil. Dieser dauerte eine Stunde. Seither suche ich diesen Ort immer mal wieder auf.
Beim Pfarrer ist es nicht geblieben: Seit gut drei Jahren sind Sie Weihbischof – wie hat sich das Bistum in dieser Zeit entwickelt?
Als Priester bin ich seit bald 40 Jahren mit unserem Bistum auf dem Weg. Durch all diese Jahre hat es sich kontinuierlich verändert. Diese Entwicklungen habe ich miterlebt und da und dort auch mitgestaltet. Das war spannend, hie und da auch spannungsvoll. Seit nunmehr gut drei Jahren erfahre ich das kirchliche Leben in unserem Bistum aus einer etwas anderen Perspektive. Trotz Rückgang in manchen Bereichen, auch bei der Mitgliederzahl, sehe ich eine grosse Lebendigkeit. Ich treffe auf viele Seelsorgende, welche sich mit Engagement und auch mit Freude einsetzen für die Weitergabe des Glaubens, für das Leben der kirchlichen Gemeinschaft, die da sind für die Menschen. Im Unterschied zu früher finden sich im Bistum zahlreiche Frauen in Leitungspositionen. Da hat sich wirklich was geändert. Andererseits sehe ich auch Seelsorgerinnen und Seelsorger, die müde, ausgelaugt, manchmal auch etwas frustriert sind.
Woran liegt das?
Das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965 hat viele Hoffnungen geweckt. Viele dieser Hoffnungen wurden erfüllt – aber halt nicht alle. Das führte auch zu Enttäuschungen. Manche sind gegangen. Manche haben sich arrangiert, obwohl sie dies oder jenes gerne anders hätten. Zudem können die Anforderungen im seelsorgerlichen Alltag anstrengend, fordernd und aufreibend sein.
In den vergangenen drei Jahren stand auch Ihr Bistum Basel vor grossen Herausforderungen, bezüglich Erkennen und Aufarbeiten von Missbräuchen. Wo hapert es da noch und was macht die Kirche gut?
Wir sind dran. Der Abschluss der von den Bischöfen diesbezüglich in Auftrag gegebenen Studie wird mit deren Veröffentlichung im nächsten Frühjahr nochmals einiges auslösen. Aber das Zeugnis, das uns der forensische Psychologe Jérôme Endrass für die Bearbeitung in den letzten drei Jahren ausgestellt hat, ist sehr gut. Wir werden alle regelmässig auf Weiterbildungen sensibilisiert und müssen Strafregister- und Sonderprivatauszug (in Letzterem werden allfällige Berufs-, Tätigkeits- oder Kontakt- und Rayonverbote verzeichnet, sofern sie zum Schutz von Minderjährigen oder anderen besonders schutzbedürftigen Personen erlassen wurden, Anm. d. Red.) einreichen. Wer in den Seelsorgedienst eintreten möchte, durchläuft neu ein entsprechendes Prüfungsverfahren, ein Assessment. In diesem Bereich sind die Verantwortlichen sehr sensibel geworden. Und ich meine, wir sind diesbezüglich auf gutem Weg.
Wie erleben Sie Gott in Ihrem Alltag?
Ich erlebe ihn als ein Gott, der mit mir geht. Daran glaube ich. Dafür bete ich. Danach richte ich mich aus. Diese begleitende Kraft der Liebe Gottes meine ich immer wieder erfahren zu dürfen.
Was macht Ihnen Hoffnung?
Im Rahmen der Firmungen begegne ich vielen Jugendlichen und junge Erwachsenen, welche sich nicht scheuen, hinzustehen und zu sagen: Ich glaube an Gott, der Glaube ist mir wichtig und ich will zu dieser Gemeinschaft gehören. Heute sind die zu Firmenden älter als zu meiner Zeit und damit fällt die Entscheidung dafür wohl auch bewusster. Als ich mich vor drei Jahren zur Einführungswoche für die neuen Bischöfe von rund um den Erdball in Rom traf – wir waren 230 – kam ich mit einem US-Amerikaner ins Gespräch. Er erzählte mir, wie in seinem Bistum junge Leute beginnen aktiv bei der Glaubensweitergabe mitzuwirken, indem sie gleichsam als «Influencer» mit ihren Altersgenossinnen und -genossen bewusst das Gespräch suchen und sie einladen, sich mit ihnen auf den Glaubensweg zu machen. In Frankreich erleben wir zurzeit einen Taufboom bei jungen Erwachsenen. Auf einem Städtetrip nach Lyon habe ich dort mit Freunden den Sonntagsgottesdienst besucht. Die Kirche war recht voll. Dabei waren jene mit ebenso grauen Haaren wie ich für einmal nicht die überwiegende Mehrheit. Kürzlich war ich in Zug zu einem speziellen Sonntagsgottesdienst im Kapuzinerkloster eingeladen, gestaltet von der dort lebenden Gemeinschaft der Seligpreisungen. Die Klosterkirche war voll. Viele Familien mit Kindern. Das sind doch Zeichen der Hoffnung, die man nicht übersehen soll.
Welche Vision haben Sie für die weitere Entwicklung der Kirche?
Das tönt jetzt vielleicht ein bisschen abgenützt. Trotzdem lebt meine Vision von einer Kirche, die Gott und den Menschen dient. Wenn das praktiziert und gelebt wird, ist die Kirche immer auf gutem Weg. Das erwähnte Hauptgebot Jesu gilt es zu leben, nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für die Kirche als Organisation und riesige weltweite Gemeinschaft mit zurzeit rund 1,4 Milliarden Mitgliedern. Grosse Hoffnung setze ich auch auf den noch von Papst Franziskus initiierten synodalen Prozess, das heisst, das synodale Vorwärtsgehen als ein gemeinsames Vorwärtsgehen im gegenseitigen Hören aufeinander – auch in den nach wie vor spannungsgeladenen Fragen der Zulassung zu den Weiheämtern, Diakonat und Priesterweihe. Es gibt zudem noch weitere Themenkomplexe der Kirche, zum Beispiel die Dezentralisierung, die Frage der Machtverteilung und damit stets verbunden die Übertragung von Kompetenzen auf allen Ebenen, auch in den Pfarreien.
Was macht diesen synodalen Prozess aus?
Im synodalen Prozess heisst es, im gegenseitigen Aufeinanderhören, Austauschen und Wegesuchen zu erahnen, zu erspüren und zu erkennen, wohin Gottes Geist uns führen will. Das ist eine neue, für viele noch ungewohnte Form der Entscheidungsfindung. Die «Weltsynode in Rom» im Herbst 2023 aber hat eindrücklich gezeigt, was dadurch möglich wird. Ein Grund dafür ist sicher auch, dass neben Bischöfen auch nicht-geweihte Frauen und Männer mitreden, mitberaten und schliesslich mitentscheiden konnten. Das war neu. Viele Bischöfe und Laien haben diese neue Form positiv erfahren.
Das hört sich nach Demokratisierung an.
Es geht um eine neue Form der Entscheidungsfindung und damit auch der Leitung. Mit unserem schweizerisch-demokratischen System allerdings ist dies trotzdem nicht eins zu eins vergleichbar.
Ganz konkret: Werden wir in 50 Jahren Priesterinnen haben?
Ich hoffe es – und zwar nicht erst in 50 Jahren. Mit dieser Hoffnung bin ich nicht alleine, bei uns im Bistum nicht und auch in der Weltkirche nicht. Die grosse synodale Versammlung in Rom hat auch diesbezüglich einiges in Bewegung gesetzt.
Zurück zu Ihnen: Am 26. März feiern Sie den 65. Geburtstag. Was ist da geplant?
Alle Mitarbeitenden im bischöflichen Ordinariat bringen an ihrem Geburtstag etwas für die Kaffeepause am Vormittag mit. Das werde ich auch tun – und vielleicht abends im kleinen Kreis noch ein wenig feiern. Zwei Tage später trifft sich meine Familie – das heisst jene meiner Schwester und jene meines Bruders – im Bischofshaus. Dann wird der seit ein paar Wochen zur Familie gehörende kleine Levi erstmals seinen Grossonkel treffen. Er ist der erste der übernächsten Generation. Ich habe acht Nichten und Neffen.
Mit 65 verabschiedet man sich üblicherweise in den Ruhestand. Weshalb ist das für Sie noch kein Thema?
Die Bischöfe bleiben im Dienst bis 75. Auf den 75. Geburtstag hin müssen sie dann allerdings dem Papst ihr Amt zur Verfügung stellen. Dass für mich als Bischof aus der Pensionierung mit 65 nichts wird, war mir klar. Das heisst aber nicht, wenn es die Umstände erfordern, dass eine Freistellung vom aktiven Dienst nicht auch früher stattfinden kann. Ich tue meine Arbeit gern und mache deshalb auch gerne weiter.
Aufgewachsen sind Sie ja in Dietwil. In einem Interview habe ich gelesen, dass die dortige Kirche für Sie immer noch ein Kraftort ist. Woran liegt es?
Ja, Dietwil war als Kind und auch als Jugendlicher «meine Welt». Dazu gehörte auch die wunderbare Barockkirche. Sie war schon als Kind für mich ein «heiliger Ort». Ich erinnere mich an einem Besuch mit unserer Mutter – wohl an einem Sonntagnachmittag. Mein Bruder und ich waren noch klein. Ich erinnere mich an Gottesdienstbesuche mit meiner Tante. Sie ging jeweils auf die obere Empore. Dort musste ich mich am Eckgitter hinaufziehen, um über die Balustrade hinaus etwas von dem zu sehen, was unten vor sich ging. Ich erinnere mich auch, dass ich in der Primarschulzeit hie und da nach der Schule in die Kirche ging, auf die obere Empore schlich und dort verweilte. Das hatte wohl jeweils einen Grund, an den ich mich allerdings nicht mehr erinnere. Ich war in dieser Kirche Ministrant. Alle kirchlichen Feiern (Taufe, Beichte, Kommunion, Firmung und Primiz) haben für mich in der Dietwiler Kirche stattgefunden. Immer wieder auch Beerdigungen. Noch heute – wenn ich in Dietwil bin – führt mein Weg auf den dortigen Friedhof und in die Kirche. Noch heute ist sie für mich ein heiliger Ort.
Was verbindet Sie sonst noch mit der Region?
Obwohl ich Bürger des Kantons Luzern bin, Rothenburg, ist und bleibt das Freiamt meine erste Heimat und Dietwil «mein Dorf». Obwohl ich beruflich bedingt mehrmals den Wohnort gewechselt habe, blieb und bleibe ich verbunden. Verwurzelt bin ich im Freiamt, in Dietwil. Ich kenne hier nach wie vor viele Leute. – Und abgesehen davon: Das Freiamt ist schön.
Ist eine Heimkehr ins Oberfreiamt irgendwann ein Thema?
Diese Frage stellt sich mir aktuell nicht. Aber ganz abwegig wäre das sicherlich nicht.
Weihbischof
Ein Weihbischof ist dem Weihegrad nach ein Bischof. Er leitet jedoch keine Diözese, sondern ist einem Diözesanbischof als Helfer bei den bischöflichen Funktionen zugeordnet. Weihbischöfe gibt es demnach in Diözesen, in denen wegen ihrer personellen oder geografischen Grösse die bischöflichen Aufgaben nicht vom Diözesanbischof allein erfüllt werden können.

