Für ein Leben in Freiheit
22.03.2024 Region Unterfreiamt, UezwilIm falschen Körper gefangen
Pasquale Elmiger aus Uezwil ist einer der ersten Transmänner der Schweiz
Als Frau geboren, wusste Pasquale Elmiger schon als Kind, dass er ein Mann ist. Er liess eine Geschlechtsangleichung vornehmen – ...
Im falschen Körper gefangen
Pasquale Elmiger aus Uezwil ist einer der ersten Transmänner der Schweiz
Als Frau geboren, wusste Pasquale Elmiger schon als Kind, dass er ein Mann ist. Er liess eine Geschlechtsangleichung vornehmen – und fand damit endlich Freiheit.
Celeste Blanc
Plötzlich war es einfach da: Das Gefühl, dass mit einem etwas nicht stimmt. Dass Körper und Geist nicht harmonieren. Dass man so, wie man ist, «einfach nicht richtig» ist. Schwer sind die Erfahrungen, die Pasquale Elmigers Kindheit und Jugend geprägt haben. Pasquale hatte als Isabel das Licht der Welt erblickt, wusste aber schon in jungen Jahren, dass er tief in seinem Innern eigentlich ein Junge ist. «Sich im falschen Körper zu befinden, fühlt sich an wie eine Gefangenschaft», sagt der heute 35-Jährige. Eine permanente Unruhe, wachsende Selbstzweifel, kein Bezug zur eigenen Identität und Traurigkeit nahmen sein Leben damals ein. Bis er mit 20 Jahren den für sich einzig logischen Schritt machte: Isabel unterzog sich einer Geschlechtsangleichung – und wurde zu Pasquale.
Weg forderte viel Geduld
Seither sind 16 Jahre vergangen. Als eine der ersten Personen der Schweiz liess sich Pasquale zum Mann umoperieren. Ein herausfordernder Weg, der viel Geduld und Durchhaltevermögen forderte. Doch der Transmann weiss: «Auch wenn der Weg schmerzhaft war, würde ich ihn wieder gehen. Nun fühle ich mich endlich frei. Und für diese Freiheit hat es sich gelohnt.»
Heute lebt Pasquale mit seiner Partnerin Francesca Gmür in Uezwil und geniesst das Leben auf dem Land. Im Gespräch erzählt er von pubertären und Wechseljahr-Hormonen, fehlgeschlagenen Behandlungen und dem Wunsch nach mehr Toleranz.
Pasquale Elmiger unterzog sich einer Geschlechtsangleichung – und wurde von einer Frau zum Mann
«Wenn Körper und Geist gegeneinander rebellieren, ist das das schlimmste Gefühl der Welt.» Pasquale Elmiger kam biologisch als Frau zur Welt. Mit 20 liess er sich zum Mann angleichen. Die Lebensgeschichte des 35-Jährigen erzählt von Unsicherheiten, Schmerzen, Höhenflügen und dem Finden der Liebe.
Celeste Blanc
Hündin Asta ist jung, wild und kaum zu bändigen. Beim Versuch, sie zu beruhigen, rutscht Pasquale Elmiger der Ärmel hoch. Und gibt damit ein Geheimnis preis, das so auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Denn die tiefe Narbe am linken Unterarm ist eine von vielen, die den Körper des jungen Mannes zeichnen – und die von einer wesentlichen Veränderung zeugen.
Pasquale ist im falschen Körper zur Welt gekommen. Ursprünglich erblickte er als Mädchen Isabel das Licht der Welt. Doch als solches fühlte er sich nie. «Und das brachte mich emotional an meine äussersten Grenzen», sagt er heute. Deshalb gab es nur eine Möglichkeit: Isabel unterzog sich einer Geschlechtsangleichung – und wurde zu Pasquale.
Drogen halfen, der Realität zu entfliehen
Der junge Mann sitzt am Esstisch in seiner Wohnung in Uezwil. Die dunklen Haare des 35-Jährigen sind angegraut, auch der gepflegte Bart ist leicht grau meliert. Tiefbraune Augen, stylishe Klamotten, dezente Piercings im Gesicht. Hinzu kommen Tätowierungen an Armen, Oberkörper und Händen. Er scheint verwegener Rebell und Schönling in einem zu sein. Durch und durch «en Traummaa», wie es in den Kommentaren zu seinen Bildern auf Social Media heisst. Pasquale geniesst die Komplimente. «Lange Zeit war ich eingesperrt. Nun bin ich ein Mann, ich bin endlich frei.»
Bereits im Kindergarten merkte die damalige Isabel, dass «sich einfach alles falsch anfühlte». Der Gang auf die Toilette. Der Sportunterricht mit den Mädchen. Das Mädchen-Sein selbst. Statt ausgelassen mit anderen zu spielen, fing ihr Geist an, gegen den Körper zu rebellieren. Scham, Selbstzweifel und grosse Einsamkeit führten schliesslich dazu, dass das junge Mädchen bereits mit 12 Jahren zu Alkohol, Haschisch und Drogen griff. «Um der undurchsichtigen Realität zu entfliehen», weiss Pasquale heute. Als Teenager folgten schwere Depressionen, die suizidalen Gedanken wurden immer lauter. «Ich war oftmals an dem Punkt, an dem ich einfach nur sterben wollte.»
Fragwürdige Methoden und demütigende Momente
Pasquale streichelt noch immer Astas Kopf, die nun ruhig an seiner Seite sitzt. Schmerzen und Ungewissheit gehören in diesem Moment zu einem anderen Leben. Nun herrscht Harmonie im neuen Zuhause im Freiamt, in das der junge Mann vor einem Jahr mit seiner Partnerin Francesca Gmür gezogen ist. Seit fünfeinhalb Jahren sind die beiden ein Paar. Da Francesca aus der Stadt Zürich und Pasquale aus Ermensee in der Nähe von Hitzkirch kommt, sollte das neue Zuhause auf halbem Weg liegen. Die Suche nach Ruhe und der Wunsch nach ländlicher Idylle verschlugen sie schliesslich nach Uezwil, wo sie die perfekte Wohnung für sich gefunden haben.
Liebevoll ist diese eingerichtet, die vielen Bilder an den Wänden sind Momentaufnahmen gemeinsamer Abenteuer. Pasquale sieht sich um: «Manchmal kann ich es fast nicht glauben. Ich habe meine Ziele erreicht: Ich bin clean und geniesse eine stabile Beziehung. Dafür bin ich unendlich dankbar.» Nicht immer war es für den Transmann leicht gewesen, das Vertrauen in das Leben zu bewahren. Denn der Weg ins Hier und Jetzt war und ist eine Leidens-Odyssee, die nicht nur körperlich, sondern auch seelisch Narben hinterlassen hat.
Bevor eine Geschlechtsangleichung für die damals 18-jährige Isabel überhaupt möglich war, musste sie sich einem psychiatrischen Prüfungsprozess unterziehen – mit teils fragwürdigen Methoden. So wurde mit dem «Alltagstest» von ihr verlangt, für ein Jahr als Mann zu leben. «Um die Ernsthaftigkeit meines Anliegens zu beweisen», meint er zynisch. Dafür musste sie etwa die Männertoilette aufsuchen – und das im Körper einer Frau. «Das war einfach nur demütigend.»
Hinzu kamen die Vorurteile von Fremden, das Mobbing von Schulkameraden, der bis heute anhaltende Kampf mit den Versicherungen sowie der Gang vors Gericht, vor dem Pasquale beweisen musste, dass seine Reproduktion als Frau unterbunden wurde. «Richtig geschlissen» in dieser Zeit haben ihn aber insbesondere die ungeregelten Hormone und damit einhergehend das ständige Wechselbad der Gefühle. Durch die Hormontherapie und die Entfernung der Eierstöcke durchlief Pasquale innert weniger Jahre die männliche Pubertät und die weiblichen Wechseljahre. «Von jugendlich spitz bis hin zur Menopause machte ich alles durch. Die Auswirkung der Hormone habe ich wirklich total unterschätzt», so der junge Mann.
16 Jahre und 24 Operationen
Der erste grosse Lichtblick im Umwandlungsprozess erfolgte für Pasquale erst Anfang 20, als sich ein Ärzteteam am Universitätsspital Basel bereit erklärte, die geschlechtsangleichenden Operationen durchzuführen. Sie zählen zu den kompliziertesten Eingriffen in der plastischen Chirurgie und waren bis dato grösstenteils Neuland in Schweizer OPs. Dementsprechend experimentell gestalteten sich gewisse Eingriffe sowie die anschliessenden Behandlungen, wegen denen diverse Korrektureingriffe folgten.
Mittlerweile sind 16 Jahre vergangen. Pasquale unterzog sich 23 Operationen, 18 davon dienten allein dem Penisaufbau, der unter anderem aus Hauttransplantationen aus dem Oberschenkel oder Unterarm erfolgte. Aktuell sieht er sich mit Operation 24 konfrontiert: Es gibt Komplikationen mit der Harnröhre.
Durch all die Jahre und die schweren Zeiten getragen hat Pasquale die grosse Unterstützung seiner Familie. «Meine Eltern halfen mir. Dank ihnen bin ich der, der ich bin.» Und so weiss der Transmann auch nach den schmerzhaften Erfahrungen genau: «Es gibt keinen Moment, an dem ich zurückwill. Ich würde den Weg genau wieder so machen.» Deshalb auch der Name Pasquale, der auf Latein «der an Ostern Geborene» und damit die «Auferstehung» oder der «Sieg des Lebens über den Tod» bedeutet. Und damit sinnbildlich für seine Verwandlung steht.
Strategien helfen in der Beziehung
Auf dem Esstisch stehen drei rote Rosen. Eine von vielen Aufmerksamkeiten, die Pasquale seiner Freundin Francesca immer wieder macht. «Dass er noch ‹alte Schule› ist, schätze ich sehr», meint die 25-Jährige. Kennengelernt haben sich die beiden wegen einer Projektarbeit, die Francesca zum Thema Transmenschen verfasste. Sie schrieb Pasquale für ein Interview an, nachdem sie ihn zuvor im Fernsehen im «Club» und bei «Happy Day» gesehen hatte. Beim ersten Treffen dann schlug sofort der Blitz ein. «Ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Sein Charakter und seine offene Art haben mich berührt.» Und auch Francesca hat bei Pasquale einen bleibenden Eindruck hinterlassen. «Sie ist eine bodenständige, solide und tolle Frau», meint er und lacht: «Dass wir zusammengekommen sind, ist fast schon ein Wunder – schliesslich war ich ausnahmslos der Letzte, der gecheckt hat, was zwischen uns abgeht.» Es ist eine Beziehung, die beide bereichert. Mit Hochs und Tiefs, wie sie jedes Paar kennt. Nur dass die Tiefs bei Pasquale durch die Hormone teilweise heftig sein können. «Ich weiss, dass seine Situation speziell ist. So habe ich ihn kennengelernt. Und so habe ich ihn auch angenommen», erzählt Francesca. Wichtig in schwierigen Phasen sei der bewusste Ausgleich, den die junge Frau in ihrem Beruf als Pflegefachfrau findet. «Da komme ich auf andere Gedanken. Und das brauche ich auch, um wieder Energie tanken zu können.»
Gleichzeitig schaffen sich die beiden immer wieder gemeinsame Inseln, um aus der Routine auszubrechen. Gehen in die Berge wandern, kochen gemeinsam, planen abenteuerliche Ausflüge, unter anderem ihre Teilnahme beim SRF-Format «Abenteuer Wildnis». «An einer Beziehung muss gearbeitet werden. Es braucht Strategien. Und solange wir an einem Strang ziehen, sind wir glücklich», so Francesca. Sie und Pasquale sind sich einig: Das zwischen ihnen ist eine ganz tiefgreifende Liebe.
Angleichung fordert ihren Tribut
Intimität und Sexualität, das seelische Leiden im falschen Körper, Drogenexzesse, die Eingriffe für die Geschlechtsumwandlung – offen und unverblümt spricht Pasquale über das Erlebte. «Weil es wichtig ist, Verständnis zu schaffen, mit Betroffenen Erfahrungen zu teilen, aber auch als authentisches Beispiel voranzugehen», ist er überzeugt. Denn die Geschlechtsangleichung fordert ihren Tribut, wie Pasquale nur zu gut weiss. Durch die zahlreichen Eingriffe und die Hormontherapien haben sich bei ihm eine dissoziative Störung sowie eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. «Man muss sich solcher Konsequenzen bewusst sein, wenn man diesen Weg geht. Verharmlosen bringt nichts.»
Dass heutzutage der Prozess einer Geschlechtsangleichung verglichen mit Pasquales Werdegang relativ schnell vonstattengeht, sieht er mit gemischten Gefühlen. «Es ist gut, dass unnötige Bürokratien abgeschafft wurden und sich adäquate psychiatrische Begleittherapien entwickelt haben», meint er. Doch Erfahrungen zeigen mittlerweile auch, dass die Gefahr bestehe, dass es sich um Phasen handle, nach denen man sich sein ursprüngliches Geschlecht zurückwünsche. «Und das hat noch schwerwiegendere Folgen für Körper und Seele», ist er überzeugt.
Mehr Toleranz, das wünscht sich Pasquale Elmiger. Von der Gesellschaft für Transmenschen – aber auch von der LGBTQ-Community für die Gesellschaft. Dafür setzt sich Pasquale ein. «Die Mehrheit der Bevölkerung kann diese Themen nicht direkt nachempfinden. Deshalb sollte auch die soziale Bewegung, die sich für die Rechte von Homosexuellen, Trans- und queeren Menschen einsetzt, ein Verständnis dafür aufbringen, wenn sich Denkkategorien nicht von einem Tag auf den anderen aufbrechen lassen.»