Fenster in vergangene Zeiten
08.07.2025 Kelleramt, NaturKaum sichtbar und doch wertvoll: Vielfalt an bedrohten wasserlebenden Wirbellosen im Reusstal
In der Reussebene finden seltene Wasserschnecken, -wanzen und -käfer noch Lebensraum. Ein Mosaik an Feuchtbiotopen ermöglicht eine Artenvielfalt, wie es sie andernorts ...
Kaum sichtbar und doch wertvoll: Vielfalt an bedrohten wasserlebenden Wirbellosen im Reusstal
In der Reussebene finden seltene Wasserschnecken, -wanzen und -käfer noch Lebensraum. Ein Mosaik an Feuchtbiotopen ermöglicht eine Artenvielfalt, wie es sie andernorts kaum noch gibt.
Thomas Stöckli
Es ist Pionierarbeit, die in den letzten Jahren im Reusstal geleistet wurde – und immer noch wird. In Fliessgewässern seien die wasserlebenden Wirbellosen zwar schon ziemlich gut erforscht, in stehenden Kleingewässern und Feuchtbiotopen hingegen kaum. «Wir wurden vom Kanton angefragt, die Arten in Stillgewässern des Aargauer Reusstals zu inventarisieren», sagt Emil Birnstiel. Mit «wir» meint er die Gutwasser GmbH, ein Kompetenzzentrum für angewandte Themen der Gewässerökologie, das er gemeinsam mit Remo Wüthrich führt. In manchen Gebieten stehen diese Schnecken, Wanzen und Käfer sowie Eintags- und Köcherfliegenlarven, die während mindestens einer ihrer Entwicklungsstufen auf Feuchtlebensräume angewiesen sind, erstmals überhaupt im Fokus, andernorts liegen bereits Vergleichswerte vor, anhand deren sich die Entwicklung messen lässt.
Biologische Vielfalt erhalten
Früher mäandrierte die Reuss frei durchs Tal, lagerte hier Sedimente ab und fand dort einen neuen Weg mit weniger Widerstand. Es bildeten sich folglich immer wieder neue Flussläufe, während andere verlandeten. Die Stille Reuss gehört als einer dieser Reuss-Altläufe zu den biologisch vielfältigsten Stillgewässern der Schweiz. Ausser dem grossen, stellenweise zwei Meter tiefen Altwasser umfasst die Naturschutzzone weitere Stillgewässer wie flache, zeitweise austrocknende Tümpel und dauernd nasse Geländemulden.
Durch die Begradigung des Flusses ist die natürliche Entstehung solcher Altläufe heute verhindert. Um eine Verlandung der bestehenden Gewässer zu verhindern und so den Lebensraum zu erhalten, sind entsprechend Massnahmen nötig. Aus dem nördlichen Teil der Stillen Reuss wurden vor dreieinhalb Jahren die Sedimente ausgebaggert. Auch wenn das die Fauna beeinträchtig. Um aufzeigen zu können, wie stark diese Beeinträchtigung ist, wurden die Arten davor und danach erhoben. «In den Monaten nach Fertigstellung dieser Arbeiten stellten wir im Nordteil eine deutlich geringere Besiedlungsdichte fest», heisst es im Fachbericht zur Saugbaggerung. Die Artenvielfalt sei hingegen vergleichbar und bei den Arten mit einem Gefährdungsstatus gemäss der Roten Liste kein bestandsgefährdender Rückgang feststellbar gewesen. Hat die hohe Biodiversität im sanierten Nordteil Bestand und erholt sich die Besiedlungsdichte bald wieder? «Das hängt stark vom Fortpflanzungserfolg der Tiere ab», heisst es dazu im Bericht.
Verschiedene Lebensräume
In einem weiteren Auftrag wurden die Arten nicht nur im Altlaufweiher selbst, sondern auch in über 30 unterschiedlich ausgeprägten Stillgewässern in der Umgebung Reusstal inventarisiert. Schliesslich ist das Vorkommen von verschiedenen Gewässertypen ein entscheidender Faktor für eine hohe Artenvielfalt: «Die Biodiversität ist am grössten, wenn auf relativ engem Raum verschiedene Lebensräume vorhanden sind.» Wobei sich die flach auslaufenden Uferzonen mit klarem Wasser, dichtem Pflanzenbewuchs und hoher Sauerstoffkonzentration als besonders gut besiedelter Lebensraum erwiesen. Nicht zuletzt auch, weil gewisse Wirbellose untrennbar an bestimmte Wasserpflanzen gebunden sind und im seichten Wasser der Energieaufwand, um gegen den Auftrieb anzukämpfen, weniger hoch ist.
Untersucht wurde nur eine Selektion aus allen Gruppen der wasserlebenden Wirbellosen. «Es gäbe noch viele weitere», so Birnstiel, «zum Beispiel Libellen, Egel, Strudelwürmer, Borstenwürmer und Zweiflügler», zählt er auf. «Wir haben uns hauptsächlich auf die Gruppen der Eintagsfliegen, Köcherfliegen, Wasserwanzen und -käfer sowie Wasserschnecken fokussiert.»
Und von diesen konnten im Untersuchungsperimeter 163 Arten nachgewiesen werden, die während mindestens einer ihrer Entwicklungsstufen auf Gewässerlebensräume angewiesen sind. Fast die Hälfte davon, nämlich 74 Arten – sind Wasserkäfer. «Wir haben unter anderem den Rüsselkäfer Bagous longitarsis gefunden», sagt Emil Birnstiel. «Der wurde zuvor in der Schweiz 50 Jahre nicht mehr nachgewiesen.» Weiter haben die Spezialisten von Gutwasser 37 Arten von Köcherfliegen identifiziert. Bei den Köcherfliegen wie den Wasserschnecken weisen gleich mehrere Arten gemäss der Roten Liste einen Gefährdungsstatus auf. Zu diesen gehört die Zierliche Tellerschnecke (Anisus vorticulus). Eine weitere schweizweit seltene Art, die in der Stillen Reuss noch Lebensraum findet – und zwar «in einer schönen Population», wie Birnstiel festhält.
Lückenhafte Datengrundlage
«Bei den Wasserwanzen und Wasserkäfern gestaltet sich die Einordnung etwas schwieriger», halten die Gutwasser-Forschenden fest. Hier fehle es an aktuellen Roten Listen und die Datengrundlage zur Verbreitung in der Schweiz sei lückenhaft. «Anhand der grossen Artenvielfalt kann aber vermutet werden, dass das aargauische Reusstal auch für Wasserkäfer und -wanzen von grossem Wert ist», ziehen sie Bilanz.
Dieses Jahr gehen die Ist-Bestandsaufnahmen an der Kleinen Reuss weiter, einem ehemaligen Seitenarm der Reuss aus der Zeit, als diese noch mäandrieren durfte, und den die Stiftung Reusstal aufwendig renaturiert hat. In regnerischen Sommerhalbjahren versteckt sich die Kleine Reuss im üppig wachsenden Gras und Schilf in den Riedwiesen oder schlängelt sich kaum sichtbar durch das Unterholz des Auenwalds. Beidseits schliessen sich Weiher an, einige immerfeucht, andere zeitweise auch trocken. «Landschaften wie das Reusstal sind selten geworden», betont Birnstiel: «Sie sind Refugien für Arten, die kaum noch Lebensraum finden.» Und damit auch Fenster in vergangene Zeiten.