Ein Paradies im Urwald
03.02.2026 WohlenDer Wohler Herby Wiederkehr betreut in Uganda einen Forstbetrieb und ein Ökotourismusprojekt – ein Besuch
Im goldenen Licht der Abendsonne tuckern wir auf einem holprigen Naturweg über das Gelände der Teco-Berufsschule bei Munteme. Die Kleinstadt liegt unweit ...
Der Wohler Herby Wiederkehr betreut in Uganda einen Forstbetrieb und ein Ökotourismusprojekt – ein Besuch
Im goldenen Licht der Abendsonne tuckern wir auf einem holprigen Naturweg über das Gelände der Teco-Berufsschule bei Munteme. Die Kleinstadt liegt unweit des Albertsees, etwa auf Streckenhälfte zwischen dem weltberühmten Queen Elisabeth und dem
Caroline Doka
Murchison Falls Nationalpark. In verschiedenen Gebäuden sehen wir junge Auszubildende fleissig werkeln: Hier mühen sich angehende Automechaniker mit einem Reifenwechsel ab, dort rattern künftige Schneiderinnen farbenfrohe Stoffe durch ihre Nähmaschinen, da flicht eine fast ausgelernte Coiffeuse am Puppenkopf Zöpfe, drüben hobeln werdende Schreiner rohe Bretter und lassen kräftig die Späne fliegen.
Wir ruckeln in unserem Auto weiter zum Gelände jenseits der Berufsbildungsstätte, auf dem eine Baumschule und ein Forstbetrieb angesiedelt sind und seit vier Jahren ein Ökotourismusprojekt am Entstehen ist. Ein Gruppenhaus, zwei runde Bandas und ein Essenstrakt mit Küche sind lose auf dem weitläufigen sattgrünen Rasen verteilt, vereinzelte Jackfruit- und Mango-Bäume und blühende tropische Büsche sorgen für eine parkähnliche Atmosphäre. Im Hintergrund beginnt der Urwald. Der Itohya-Forest, den der Wohler Herby Wiederkehr so sehr liebt und für den er jedes Jahr in diesen äussersten Westen Ugandas zurückkehrt. Er stellt das Auto ab, wir sind am Ziel.
Welche Ruhe im goldenen Licht, sie geht direkt auf mich über. Ich kann es kaum erwarten, am nächsten Morgen endlich diesen Urwald zu erkunden, von dem Herby mir seit Jahren vorschwärmt und über den er in Wohlen bereits mehrere Vorträge hielt.
Ökotourismusprojekt mit drei Häusern für 13 Personen
Vor Ort kümmert sich seit 45 Jahren Seezi Mugisa zusammen mit anderen Einheimischen um den Schutz und den Erhalt des Waldes, der wie die Schule zur Diözese Hoima gehört. Das Team verbessert etwa den Baumbestand und forstet Buschland auf. Pro Jahr werden 6000 Jungbäume gesetzt, allein Seezi pflanzte seit Beginn des Projekts 60 000 Exemplare. Herby Wiederkehr unterstützt das Team seit seiner Pensionierung vor sechs Jahren zeitweise vor Ort. Jeweils von Dezember bis Februar legt er überall Hand an, wo Hilfe benötigt wird: Der Allrounder pflegt und erweitert beispielsweise das Wegnetz im Wald, verbessert die Infrastruktur für die Ranger und die Belegschaft und baut Gebäude für das Ökotourismusprojekt. Bisher gibt es drei Häuser mit Zimmern für 13 Personen und auf der weitläufigen Rasenfläche viel Platz für die Übernachtung im eigenen Zelt oder im Camper. Das Restaurant mit lokaler Küche sorgt für die Verköstigung. Gäste können auch die Handwerkerschule anschauen, die sich 45 Jahre nachhaltige Berufsbildung auf die Fahne schreiben kann.
Nach der Gründung war sie lange die einzige solche Institution weit und breit und galt als Inbegriff für solide ausgebildete Berufsleute. Die jungen Auszubildenden aus der ländlichen Umgebung lernen hier nicht nur einen handwerklichen Beruf, sondern auch, den Regenwald zu schützen und zur Selbstversorgung ihr eigenes Gemüsegärtchen anzulegen.
Ein paradiesisches Waldkonzert aus Vogelstimmen, Grillengezirpe und Affengebrüll weckt mich bei Tagesanbruch. Im Essensraum gibt es heissen Maisbrei für unsere hungrigen Mägen und African Tea, Schwarztee mit Milch und viel Ingwer. Dann geht es an der Baumschule vorbei zum Forsthaus, wo Ranger David schon auf uns wartet. Er ist Chef des Forest-Teams und lebt mit seiner Frau und dem gemeinsamen Söhnchen auf dem Areal. Wir schlüpfen in die obligaten Gummistiefel, die hierzulande zum Wandern im Gelände unabdingbar sind, bewehren uns mit einem Stock und folgen David in den dichten Urwald.
25 Kilometer Waldpfad
Wir wollen den Wald erkunden und die Schimpansen entdecken, die hier zu Hause sind. Die Pfade sind hübsch und gepflegt, finde ich – fast wie am Wohler Vita-Parcours. Herby lacht: «Der Wald ist tatsächlich fast so gross wie der Bremgartenwald. Und wir sind ständig bemüht, ihn in Ordnung zu halten, Wege zu säubern und neu anzulegen.» Von der 3,4 km2 umfassenden Waldfläche sind 50 ha aufzuforstendes Buschland. Das Netz aus Grenzwegen und inneren Waldpfaden umfasst rund 25 Kilometer.
Vorbei an haushohen Inseln aus Bambusrohren tauchen wir in den dichten Urwald ein. Nur wenige Sonnenstrahlen dringen bis zum Waldboden. Schweigend stapfen wir hinter David her, balancieren auf Baumstämmen über kleine Wasserläufe, übersteigen Wurzeln und können uns nicht sattsehen an den Tausenden Nuancen von Grün. Plötzlich hektisches Brüllen und Kreischen in den Baumkronen hoch über unseren Köpfen, dann aufgeregtes Geraschel im Blätterdach, als fege ein Sturm durch die Wipfel. «Schimpansen», raunt David über seine Schulter, doch wir sehen keines der Tiere. Der Ranger lacht. «Sie sind sehr scheu. Sie beobachten uns und fragen sich: Was machen die in unserem Haus? Später kommen sie von den Wipfeln herunter und jagen durch das Unterholz. Gerne nutzen sie auch unsere Pfade.» Möglichst leise versuchen wir, den Affen zu folgen.
Eine Insel von grosser Biodiversität
Rund 70 Schimpansen leben heute im Itohya-Forest. Ihre Anzahl ist gewachsen, weil andere Waldstücke in der Umgebung nach und nach für landwirtschaftliche Nutzung und steigenden Holzbedarf gerodet wurden. Immer mehr Primaten finden hier einen wertvollen Zufluchtsort. Er ist mit seinen Bäumen, Büschen, Primaten, Vögeln und Insekten eine Insel grosser Biodiversität. Bäche, Flüsse und Sümpfe machen ihn zu einem wichtigen Wasserreservoir und Grundwasserspeicher für die Region. «Dank unserem Wald regnet es hier öfter und es ist kühler als anderswo», sagt Herby Wiederkehr. «Die Gegend ist darum fruchtbarer.»
Laut wissenschaftlichen Studien der Universität Makerere in Kampala sind Qualität, Vielschichtigkeit und Biodiversität des Itohya-Forests mit jenen der grössten Wälder im Westen Ugandas vergleichbar und werden darum als besonders bedeutend und schützenswert eingestuft. Seit Jahren setzt sich auch der ugandische Chimpanzee Trust für den Schutz des Itohya-Waldes und der Primaten ein.
Plötzlich lautes Geschrei im Dickicht. Wir entdecken eine Bäuerin, die mit einem Stock in Richtung Baumkronen fuchtelt und gegen einen Baum schlägt. «Sie vertreibt die Affen, damit sie nicht die Ernte auf den Feldern am Waldrand plündern», erklärt Herby Wiederkehr. Das ist tatsächlich ein Problem. Wie in anderen Naturreservaten, wo Anwohner im Wald Feuerholz holen und Tiere bekämpfen, setzt man auch hier auf Synergien zwischen den Anliegen der Anrainer und jenen des Waldes. So dürfen benachbarte Bauern das Buschland, auf dem Jungbäume zu einem neuen Waldstück heranwachsen, etwa mit Erdnüssen oder Reis bepflanzen. «Uns ist wichtig, dass die Leute erkennen, warum der Wald geschützt werden muss, und dass sie mithelfen, die gesetzten Bäumchen zu hegen und zu pflegen.»
Auf Gummistiefelspitzen schleichen wir durch den Wald. David zeigt uns flüsternd schmale, bretterähnliche Wurzeln, an denen wir frische Kerben erkennen. «Schimpansen trommeln mit Ästen darauf herum und machen Musik.» Plötzlich verstummt er und deutet nach vorn. Dort sitzen gross und schwarz zwei Schimpansen direkt auf unserem Weg und linsen uns frech an. Doch als wir uns vorsichtig nähern, verschwinden sie zwischen den Bäumen.
Unsere Augen suchen die Baumkronen nach Schimpansen ab. Doch wir können nur ihre Nester ausmachen, die sie jeden Abend neu bauen, um darin die Nacht zu verbringen. David deutet mit dem Stock auf Schimpansen im Blätterdach. Im Gegensatz zu Herby kann ich sie nicht erkennen. «Beeindruckend schöne Tiere. Sie sind uns sehr nah», sinniert er und erklärt: «Die Schimpansen in diesem Wald sind nicht habituiert, also nicht an Menschen gewöhnt. Es ist ganz gut, dass wir sie aus der Distanz sehen. So haben sie ihre Ruhe.»
Loyalität, Zuverlässigkeit, Wertschätzung
Wir verabschieden uns von den Schimpansen und ziehen weiter. Herby kennt zwar die Namen der Bäume und Blumen nicht, doch er hat einen aufmerksamen Blick für die Schönheit des Dschungels. Sichtlich berührt deutet er auf eine leuchtend rote Blüte im Grün, entdeckt geheimnisvolle Pilze an morschen Ästen und Schmetterlinge, die blau schillernd durch den Urwald schaukeln.
Auf dem Rückweg führt der Pfad über ein Stück offenes Buschland mit Reis- und Erdnussfeldern, auf denen ausgepflanzte Jungbäume stehen. Sie sollen dereinst einen ausgewachsenen Wald bilden. Schon verschluckt uns wieder der Urwald, der mit so viel Engagement und Erfolg gepflegt, gehegt und aufgeforstet wird.
Dies alles sei nur dank dem engagierten lokalen Team möglich, erzählt der Wohler, während wir auf das parkähnliche Ökotourismusgelände hinaustreten und in Richtung Forsthaus schlendern. «Wir fühlen uns sehr für unsere Angestellten verantwortlich und wollen ihnen ein guter und sozialer Arbeitgeber sein.» Dazu gehören faire, fristgerechte Lohnzahlung, Unterstützung mit zinslosem Darlehen, Verpflegung und Logis. «Unsere Mitarbeiter danken es uns mit Loyalität, Zuverlässigkeit, Wertschätzung und einem langjährigen Engagement. Und das Schönste: All dies kommt auch dem Wald zugute.»
Noch reichten die Einkünfte aus dem Ökotourismus nicht aus, um die jährlichen rund 12 000 Franken Kosten für Löhne und Verpflegung der Arbeiter und für die Aufforstung des Waldes zu decken – rund 3.50 Franken kosten die fünfjährige Aufzucht und Pflege pro Baum. «Unser Ökotourismusangebot ist noch jung. Es braucht Zeit zum Wachsen», sagt Herby Wiederkehr, «genau wie die neu gesetzten Bäume im Wald.»
Spenden sind willkommen
Um die Kosten zu decken, bemühen sich die «Friends of Teco» darum, Spenden von privaten Geldgebern zu generieren. «Wir sind dankbar für jede finanzielle Unterstützung», sagt Herby Wiederkehr.
Informationen zu Teco Munteme: www.teco-munteme.ch. Kontakt für Spenden: Friends of Teco, Weingartstrasse 19, 3014 Bern, Schweiz. IBAN: CH37 0079 0042 9253 8891 2, Bank: Berner Kantonalbank AG, 3001 Bern





