Ein halbes Leben im Paradies

  10.04.2026 Muri, Porträt

Zu Besuch in einer besonderen Freiämter Lodge in Costa Rica

Seit 30 Jahren leben sie an der Pazifikküste in Mittelamerika. Die Geschwister Alice und Bernie Iten sind trotzdem Murianer Originale geblieben. Auch, weil das Freiamt stets zu ihnen kommt. Die Menschen, die einmal den Vibe in ihrer Lodge erlebt haben, kommen meist wieder. Was ist ihr Geheimnis?

Stefan Sprenger

Eine Boa Constrictor schlängelt sich ins Restaurant. «Schau, wie süss. Total ungefährlich», meint Alice Iten. Am Abend chillt eine Tarantel am Poolrand. «Wenn es windet, kommen sie aus den Büschen. Total ungefährlich», sagt sie. Ein Skorpion läuft über den Parkplatz. «Ich mag diese Dinger nicht. Der Stich tut weh. Aber sie sind total ungefährlich.» In den letzten 32 Jahren hat sich Alice Iten (57) an das Leben in Costa Rica gewöhnt.

Die Mücken ignorieren ihn

Genauso geht es ihrem Bruder Bernie (64). Denn das Gebrüll der Affen hört er nicht mehr. Die vielen Leguane auf dem Gelände sieht er nicht mehr. Und er meint, dass ihn die Mücken mittlerweile sogar ignorieren. Der Murianer Bernie Iten lebt schon seit über drei Jahrzehnten in Costa Rica. In den Fältchen seines braun gebrannten Gesichts ist die Entspanntheit dieses Landes lesbar. Seine blauen Augen strahlen vor Lebensfreude. Bei Alice Iten ist es ähnlich. Die junggebliebene Frau, die von den Gästen aus Kanada und den USA oft als «Wonderful Woman» begrüsst wird, strahlt einen riesigen inneren Antrieb aus. Und es ist irgendwie nicht verwunderlich.

50 000 Gäste seit 1994
Das Leben spülte sie hier nach Costa Rica. In die Provinz Guanacaste auf der Halbinsel Nicoya. Das Dorf heisst Paraiso. Zu Deutsch: Paradies. Hier erleben die Menschen während der meisten Zeit des Jahres 30 Grad und Sonnenschein. Und zwischendurch, im Herbst, regnet es beinahe ununterbrochen (aber warm). Das Leben findet immer draussen statt. Man ist ausgeglichener, vielleicht auch glücklicher als in unseren Breitengraden. Ganz bestimmt gemächlicher.

Die Iten-Geschwister Alice und Bernie haben hier 1994 gemeinsam die Guacamaya Lodge gebaut und zu einer angesehenen Institution gemacht. In den letzten 32 Jahren kamen hochgerechnet 50 000 Gäste. Die Zahl ist stark abgerundet, da die meisten wiederkommen. Denn wer diesen Ort einmal erlebt und aufgesaugt hat, der will es meist nochmals erleben.

Was ist ihr Geheimnis? Vielleicht das gute Restaurant, vielleicht der Pool, vielleicht die schön gepflegte Umgebung, vielleicht die harmonischen Zimmer – oder vielleicht, weil das Meer knapp 100 Meter weit entfernt ist. Es ist wahrscheinlich ein Mix aus allem.

Business-Frau und das Unikat
Jessica Washek ist die Hotelmanagerin. Die 28-Jährige aus Boston (USA) erlebte 2024 ihre erste Saison in der Guacamaya Lodge. Sie kam wieder. Und sie wird wohl auch in Zukunft für das Wohl der Gäste sorgen. Warum? «Wegen der Menschen. Wegen Alice und Bernie, wegen der Mitarbeiter, wegen der Gäste, die immer wiederkommen. Die Atmosphäre ist einzigartig. Es ist eine Gemeinschaft. Und es fühlt sich nach Familie an.» Sie beschreibt ein «wohliges Gefühl», das sie jeden Tag hat. Auch wenn viele Menschen ihren Teil zu diesem harmonischen Puzzle beitragen, so nennt sie Alice und Bernie Iten als Hauptgründe für die positive Ausstrahlung dieses Ortes. «Alice ist die Business-Frau, hat administrativ alles im Griff und kann jedes Problem lösen. Und Bernie ist einfach Bernie.

Ein Unikat. Der freundliche Handwerker.» Washek beschreibt, dass beide warm, umgänglich und gastfreundlich sind. «Die Menschen wollen mit ihnen reden, ihre Geschichten hören. Alice und Bernie sind berühmt.»

In dieser «Blue Zone» werden die Menschen sehr alt

Das Geschwisterpaar aus Muri wirkt nicht nur zufrieden, man sieht es ihnen auch an. «Es ist ein Privileg, dass wir im Paradies leben dürfen. Jeden Tag», sagt Alice Iten. Und das wird wohl auch noch eine Zeit lang so bleiben. Denn einerseits werden sie wohl noch einige Jahre die Lodge weiterführen. Und andererseits befindet sich der Ort in einer von fünf sogenannten «Blue Zones» dieser Welt. In jenen Regionen werden die Menschen überdurchschnittlich alt – oft über 100 Jahre. Hübsche Aussichten.

Eine hübsche Aussicht hatten sie auf diesem Stück Land in der kleinen Ortschaft an der Pazifikküste auch 1994. Einst war hier ein Ort ohne Bäume, für die Viehzucht war alles gerodet. Direkte Meersicht. Damals kauften sie sich hier Land, rund sechs Dollar kostete der Quadratmeter. Auf einer Fläche von rund zwei Fussballfeldern errichteten Alice und Bernie Iten die Guacamaya Lodge, die Platz für rund 30 Menschen bietet.

Züri-Geschnetzeltes und Bernie-Toast

Sechs Cabinas, vier Studio Apartments, mehrere Häuser, dazu Pool und das Herzstück: das Restaurant. Auf der Speisekarte: einheimische Spezialitäten, selbst gemachte Glace – aber auch Züri-Geschnetzeltes, Cordon bleu und der berühmte Bernie-Toast (Brot, Ei, Speck, Tomatenpüree).

Die direkte Meersicht ist mittlerweile weg. Die Umgebung ist mit Bäumen und Sträuchern aufgeforstet. Der naturbelassene weisse Sandstrand mit den ungestümen Wellen und Strömungen, die Playa Junquillal, ist einen Steinwurf entfernt. Es heisst, jener Strandabschnitt – der vom Staat für sein sauberes Wasser ausgezeichnet wurde – hat eine heilsame Wirkung auf Geist und Körper. Wer hier Zeit verbringt, wird vitaler, lebendiger – und die Wehwehchen lösen sich im feinkörnigen Sand auf. Die Sonnenuntergänge, der Sternenhimmel in der Nacht, die Spaziergänge barfuss am Stand, der Wellengang des Meeres. Es sind vermeintlich kleine Dinge, die für Menschen hier besondere Highlights sind.

Die 90er-Jahre: Wild und chaotisch

Alice und Bernie sitzen am hölzernen Tisch in ihrem Restaurant, beide trinken ein «Imperial», das Bier aus Costa Rica. Sie blicken auf viele entspannte, intensive und wunderbare Jahre zurück. Sie haben im kleinen Ort Paraiso geholfen, ein Abfallkonzept zu entwickeln. Alice Iten stand am Ursprung, dass Paraiso eine eigene Schule erhält. Es heisst, sie seien die berühmtesten Einwohner, und man kennt sie weit und breit. Sie werden von den Einheimischen geschätzt und respektiert. Sie sind längst keine «Gringos» mehr.

1994, als alles begann, war Alice Iten, die gelernte Krankenschwester, zarte 25 Jahre alt, Bernhard Iten, gelernter Bäcker-Konditor, 32. Beide sind – mit vier weiteren Geschwistern – auf einem Bauernhof am Lindenberg aufgewachsen. Als junge Menschen bereisen sie – unabhängig voneinander – die Welt. Mit Rucksack, mit Abenteuerlust, mit wenig Budget. «Das waren unglaublich tolle Zeiten», erinnert sich Bernie. Das Fernweh hat sie gepackt.

Mithilfe des Zufalls – und wohl auch des Schicksals – landen sie hier an der Playa Junquillal. Am Anfang ist Alice die treibende Kraft, die ihrem älteren Bruder von der Idee erzählt, hier sesshaft zu werden. Er ist dabei. Aber: «Wir hatten keinen Plan», wie Alice Iten lachend sagt. Doch der Plan ging trotzdem auf.

Beide haben heute ihre Familien in Costa Rica

Sie bauen ihre Lodge auf. Vieles in Eigenregie. Die 90er-Jahre sind intensiv, wild, mit einer Prise Chaos und einer grossen Kelle Lebensfreude. «Wir sind blauäugig rein. Wir hatten nicht viel Ahnung», sagen beide. Heute sagen die Geschwister: «Wir haben keinen einzigen Tag hier bereut.»

Sie haben tolle Geschichten zu erzählen, von den ereignisreichen Anfangszeiten, von durchzechten Fiestas. Die meisten davon sind nicht für die Zeitung bestimmt. Die wilden Rodeo-Partys in Santa Cruz sind ein Highlight – und müssen erwähnt sein, denn dort lernte Bernie 1994 seine Frau Lilly kennen. Mit ihr hat er eine gemeinsame Tochter: Gilian. Sie schenkte ihm zwei Enkelkinder: Gael und Theo. Die ganze Familie lebt in einem Haus auf dem Gelände der Guacamaya Lodge. Und auch Bernies Sohn Florian, der aus einer früheren Beziehung in der Schweiz stammt, ist jedes Jahr mehrere Monate in der Lodge.

Auch Alice hat hier eine Familie gegründet. Ihre Tochter heisst Marian. Geboren Ende der 90er-Jahre, als Alice mit einem Costa Ricaner liiert war. Marian ist – wie so viele Einheimische – eine begnadete Surferin. Sie arbeitet als Immobilienmaklerin – vor rund zehn Jahren war sie während ihres Studiums für eine Zeit im Restaurant Huwyler im Freiamt tätig. Mittlerweile ist Alice mit Joe (einem US-Amerikaner) liiert, der mit ihr in einem Haus auf dem Lodge-Gelände lebt. Auch dabei ist Hund Canela (zu Deutsch: Zimt).

Die Freiämter Freunde kommen jedes Jahr

Die Arbeitsteilung im Lodge-Alltag ist bei ihnen geregelt, denn sie haben unterschiedliche Stärken. Alice organisiert, ist administrativ stark. Bernie ist der Handwerker, Pool-Boss und Gärtner. Dennoch haben sie viele Ähnlichkeiten. Beide spielen gerne Tennis auf dem eigenen Platz in der Guacamaya Lodge. Sie sind beide Menschenfreunde und zuvorkommende Gastgeber. Und sie lieben es, zu golfen.

Und was sie auch verbindet, ist ihre Liebe zur Heimat. Alle zwei bis drei Jahre reisen sie in die Schweiz, nach Muri. «Doch meist kommen unsere Freunde aus dem Freiamt zu uns», sagt Bernie Iten. Über die Weihnachtszeit ist die Lodge voll mit lauter Schweizern. Ein Paar aus Muri, ein Unternehmer aus Sins, eine Familie aus Merenschwand. Die Gäste aus dem Freiamt sind Freunde oder wurden im Laufe der Jahre zu Freunden, kehren immer und immer wieder zurück. Und auch bei den Mitarbeitern hat dies Spuren hinterlassen. Eine langjährige Angestellte der Guacamaya Lodge wird befragt. «Hermann? Un poquito loco», meint sie und spricht von Hermann Baggenstos, der Freiämter Ringerlegende vom Holzerhof in Aristau. «Leonz? Un grande corazón», beschreibt die Costa Ricanerin den Förster, Ringer und Schwinger Leonz Küng. «Dani es un hombre divertido», sagt sie zu Daniel Weiss, dem einstigen Flügelflitzer des FC Muri. Ein bisschen verrückt, mit grossem Herz und lustig: Das passt nicht nur zu diesen drei bekannten Freiämtern, sondern zu ganz vielen Menschen, die in der Lodge zu Besuch sind und so der kalten Jahreszeit in der Heimat entfliehen.

Der Rekordgast

Es ist ein Januarabend 2026. In der Schweiz herrschen Minusgrade. Alice und Bernie Iten sitzen bei 25 Grad an der Bar. Ein letztes «Imperial» vor der Nachtruhe. Sie plaudern mit ihren Gästen. Und man sieht, es macht ihnen Spass. Auch Manuel Rongen bestellt noch einen Schlummertrunk. Er hält den Rekord in der Guacamaya Lodge. Er ist 55 Jahre alt, kommt aus Tübingen in Deutschland und tanzte nach eigenen Angaben auch schon auf den Festbänken während der Fasnacht in Muri. Dies, weil er die Murianer Guacamaya-Gäste mittlerweile sehr gut kennt und auch in der Schweiz besucht. In den letzten drei Jahrzehnten war er fast jedes Jahr hier, meist mehrere Monate pro Jahr. Der Naturstein-Händler sagt: «Dieser Ort ist magisch, entspannt, positiv aufgeladen. Einfach Harmonie pur. Vor allem wegen Alice und Bernie.»


Stefan Sprenger, Redaktor dieser Zeitung und Autor dieses Artikels, war Anfang 2026 mit seiner Familie einen Monat zu Gast in der Guacamaya Lodge.


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