Dynamik der Körper einfangen
13.03.2026 Kelleramt, KunstKünstlerin Rosemary Rauber bleibt in turbulenten Zeiten positiv – mit schrägem Horizont
Sie ist gebürtige Amerikanerin, wohnt in Oberlunkhofen und wirkt in ihrem Atelier in Jonen. Mit ihren gesichtslosen, dynamischen Figuren – oft in der ...
Künstlerin Rosemary Rauber bleibt in turbulenten Zeiten positiv – mit schrägem Horizont
Sie ist gebürtige Amerikanerin, wohnt in Oberlunkhofen und wirkt in ihrem Atelier in Jonen. Mit ihren gesichtslosen, dynamischen Figuren – oft in der Grossstadt-Kulisse von New York arrangiert – hat sie ihre eigene Bildsprache entwickelt, die sie stetig weiterentwickelt.
Thomas Stöckli
Es ist ein feiner Unterschied. Und doch markiert er einen Wendepunkt in der Weltanschauung von Rosemary Rauber-Singleton. Ihre Motive haben seither nicht an Strahlkraft verloren, die Farben nicht an Intensität, die Szenen nicht an Dynamik. Doch durch den leicht verschobenen, «schrägen» Horizont zeigt die Künstlerin ganz subtil, wie Pandemie und Kriege die Welt ihrer Ansicht nach aus der Balance gebracht haben. «Diese Balance müssen wir wiederfinden», fordert sie; nicht alarmistisch, sondern an ihrer positiven Weltanschauung festhaltend.
Philosophische Verbindung
Im Atelier von Rosemary Rauber im Zentrum von Jonen läuft dezente Jazzmusik. «Wie immer, wenn ich arbeite», sagt die 67-Jährige, wobei sie nicht bewusst zuhöre, sich durch die Klänge aber unterstützt fühle. Nach sehr intensiven Schaffensjahren, in denen ihr Energielevel kaum mit der künstlerischen Inspiration mitzuhalten vermochte, hat sich die gebürtige US-Amerikanerin, die seit bald 40 Jahren in der Schweiz lebt und längst im Kelleramt heimisch ist, letztes Jahr bewusst zurückgenommen.
In dieser Zeit habe sie nur für sich selbst gemalt. Etwa an ihrem neusten Herzensprojekt. Es ist eine vielfältige Figurenreihe, ohne Hintergrund frei in den Raum gestellt. In einer frühen Version noch durch Überlappungen verbunden, in denen etwas Neues entsteht, sichtbar gemacht durch sich wiederholende Symbole.
In einer Weiterentwicklung beginnen die verbindenden Symbole zwischen den Menschen zu schweben. Und noch später werden sie zu Schriftzeichen. Zu Aussagen des altrömischen Kaisers und Philosophen Marcus Aurelius. Auf ihn sei sie durch die Lektüre einer Mystery-Romanreihe gestossen: «Die Hauptfigur liest immer Marcus Aurelius», sagt sie. Die philosophischen Aussagen über respektvollen Umgang mit sich selbst und mit anderen haben sie angesprochen. Allerdings nicht die maskuline Perspektive der damaligen Zeit. Die hat sie bewusst angepasst. Jeden «Mann» in den Texten schrieb sie zur «Frau» um, aus jedem «er» wurde eine «sie». «Nicht um jemanden zu ärgern», betont die Künstlerin, sondern um aufzuzeigen, wie die weibliche Form im Sprachgebrauch vernachlässigt wurde – und immer noch wird.
Kreativer Prozess wird sichtbar
In der jüngsten Komposition von Rosemary Rauber reichen die abgebildeten Personen einander die in weibliche Form umgeschriebenen Ideen von Mark Aurel weiter. Die Aussagen hängen quasi zwischen ihnen in der Luft: «Wenn etwas für dich selbst schwer zu bewerkstelligen ist, denke nicht, dass es für eine Frau unmöglich ist: Wenn aber etwas für eine Frau möglich ist (…), denke, dass es auch von dir erreicht werden kann.» Am liebsten würde sie ihr Werk lebensgross in einen Raum malen, verrät die Künstlerin, sodass sich die Betrachterin oder der Betrachter inmitten der Figuren wiederfinden.
Die Werke von Rosemary Rauber sprechen für sich. Beim Besuch in ihrem Atelier kommt aber eine Perspektive hinzu, welche die Wahrnehmung bereichert. Hier zeigt sich der kreative Prozess, in dem die Künstlerin ihre pulsierenden Werke komponiert. Als Kulisse dienen vielfach Grossstadt-Ansichten. In New York, wo sie zehn Jahre gelebt hat, war Rosemary Rauber oft mit der Kamera auf den Strassen unterwegs, hat Alltagssituationen eingefangen, die sie dann mit Farbstift festhält und mit Malkreide weiterentwickelt. Diesen Stil des lockeren, schnellen Malens überträgt sie auch in die finale Umsetzung in Acryl auf Leinwand.
Bilder sollen als Ganzes wirken
Die Menschen auf ihren Bildern zeigt Rosemary Rauber, wie sie sie gesehen hat. Allerdings nimmt sie sich die Freiheit, sie anders zu arrangieren. Und die Leute haben auf ihren Bildern kein Gesicht. Einerseits nehme sie damit Rücksicht auf die Privatsphäre der abgebildeten Personen, andererseits wolle sie so erreichen, dass die Betrachter das Bild als Ganzes auf sich wirken lassen können und nicht direkt durch ein Gesicht hineingezogen werden. Trotzdem bleiben die Menschen für ihr Umfeld erkennbar, durch die Dynamik ihrer Körpersprache, welche die Künstlerin einzufangen vermag.
«Ich habe nun wieder mehr Energie», sagt Rosemary Rauber nach einem entschleunigten Jahr, wie sie es offenbar gebraucht hat. An Ideen mangle es ihr immer noch nicht, aber heute gebe sie sich mehr Zeit für die Umsetzung: «Ich habe immer noch meine Termine im Kopf, sehe es aber entspannter, wenn sich die nicht einhalten lassen», sagt die Künstlerin, die von der Python Gallery in Zürich vertreten wird.
So hat sie sich auch die Zeit genommen, die Botschaften von Mark Aurel in ihre eigenen Worte zu übersetzen. «Das dürfte für die Leute zugänglicher sein.» Das ist ihr wichtig. Schliesslich will sie erreichen, dass die Leute ihr Verhalten überdenken und respektvoll miteinander umgehen. Damit sie ihr Weltbild wieder gerade rücken kann.

