Sabrina Salm, Redaktorin.
Kaum sinkt die Sonne, beginnt ihr Einsatz. Während wir uns auf einen gemütlichen Sommerabend freuen, eröffnen Mücken das Buffet – mit uns als Hauptgang. Das hochfrequente Surren direkt am Ohr ...
Sabrina Salm, Redaktorin.
Kaum sinkt die Sonne, beginnt ihr Einsatz. Während wir uns auf einen gemütlichen Sommerabend freuen, eröffnen Mücken das Buffet – mit uns als Hauptgang. Das hochfrequente Surren direkt am Ohr verwandelt selbst die friedfertigsten Buddhisten augenblicklich in wild um sich schlagende Kampfmaschinen. Die Geschichte mit dem unsäglichen Geräusch des Sommers wird im Bett dann vollends zum Drama. Licht an, Auge geschärft, die Wand fixiert. Nichts. Licht aus, Kopf auf das Kissen – bzzz.
Man fragt sich in solchen Momenten unweigerlich: Welchen kosmischen Masterplan verfolgt Mutter Natur hier eigentlich? Welchen Sinn hat ein Lebewesen, dessen einzige Kernkompetenz darin besteht, Juckreiz zu erzeugen und die Menschheit um den Verstand zu bringen? Die ehrliche biologische Antwort schmerzt. Ja, es braucht sie. Leider. Sie dienen als fundamentale Nahrungsgrundlage für Fische, Frösche, Libellen und Vögel. Würde man alle Stechmücken per Knopfdruck ausradieren, gäbe es am Himmel und in den Teichen eine gigantische Hungersnot. Ohne Mücken würde also so manche Nahrungskette ins Wanken geraten.
Und überraschenderweise sind Mücken sogar Bestäuber. Die männlichen Tiere trinken ausschliesslich Nektar, und auch die Weibchen ernähren sich die meiste Zeit von Blüten – Blut brauchen sie lediglich für die Entwicklung ihrer Eier. Wir sind also streng genommen keine Mahlzeit, sondern lediglich eine Geburtenstation.
Trotzdem – jedes Mal, wenn wir nachts mit der zusammengerollten Zeitung bewaffnet im Bett stehen, hilft uns dieses biologische Wissen reichlich wenig. Es ist zwar schön, zu wissen, dass wegen der Plagegeister des Sommers kein Vogel verhungert und die Natur im Gleichgewicht bleibt. Doch muss der Proviant für das nächste Vogelfutter ausgerechnet aus meinem linken Ohrläppchen gezapft werden?
Mücken sind der lebende Beweis dafür, dass die Evolution gelegentlich einen sehr eigenwilligen Sinn für Humor hatte. Am Ende tröstet vielleicht nur ein Gedanke: Wenn uns das nächste Mal eine Mücke den Schlaf raubt, tun wir immerhin etwas für den Artenschutz – wenn auch unfreiwillig und unter lautem Fluchen.