Die Kräfte bündeln
31.10.2024 MuriAn 13 «Gmeinden» ist der Gemeindeverband für eine Regionale Integrationsfachstelle im Oberen Freiamt ein Thema
Das Konzept steht, die Statuten ebenso. Die Regionale Integrationsfachstelle (RIF) im Bezirk Muri steht kurz vor der Gründung. 13 ...
An 13 «Gmeinden» ist der Gemeindeverband für eine Regionale Integrationsfachstelle im Oberen Freiamt ein Thema
Das Konzept steht, die Statuten ebenso. Die Regionale Integrationsfachstelle (RIF) im Bezirk Muri steht kurz vor der Gründung. 13 Gemeinderäte beantragen an der Winter-«Gmeind» den Beitritt, eine weitere folgt später. Repla, Kanton und Experten sind überzeugt, dass gemeinsam bessere Resultate erzielt werden als alleine.
Annemarie Keusch
Daniel Räber kennt die Herausforderungen. Als Murianer Gemeinderat mit dem Ressort Gesellschaft und Soziales weiss er um die komplexen Fragestellungen. Wer hat in welchem Aufenthaltsstatus welche Ansprüche in Sachen Sprachangebote? Es ist ein kleines Beispiel. Zig weitere könnten folgen. «Sprache ist beim Thema Integration natürlich besonders wichtig, aber nicht der einzige Aspekt.» Soziale Integration, Anschluss finden, etwa in Gemeinden. Sich im System zurechtfinden, beispielsweise im schulischen. Oder ganz einfach: wissen, wo man sich die Informationen beschaffen kann. Es ist einer der grossen Vorteile einer Regionalen Integrationsfachstelle (RIF). «Die Fäden laufen hier zusammen», sagt Räber.
Informationen zum Thema Integration in seiner ganzen Vielfalt sollen hier aber nicht nur Migrantinnen und Migranten erhalten. «Eine RIF ist genauso eine Anlaufstelle für Gemeinden, für Institutionen, für freiwillig Engagierte.» Natalie Ammann nennt es Themenhüterschaft. Sie ist Integrations-Expertin, in der operativen Leitung der RIF aargauSüd und hat in Zusammenarbeit mit Gemeinden und Kanton das Konzept für die RIF Oberes Freiamt erarbeitet. «Es geht um Koordination, um Vernetzung», betont sie. Auch im Prozess der Gründung einer RIF im Oberen Freiamt haben die Vertreter von Gemeinden, Kirchen, Vereinen, Institutionen, Schule schnell einen gemeinsamen Nenner gefunden: «Es macht Sinn, im Bereich der Integration die Kräfte zu bündeln.»
Weil nichts machen nicht geht
Kräfte bündeln, weil die Thematik immer komplexer, die Anfragen immer mehr werden. Denn gerade mit der Einführung des Schutzstatus S für Geflüchtete aus der Ukraine ist die Anzahl der Ausländerinnen und Ausländer auch im Bezirk Muri angestiegen. «Diese Situation hat viele Fragen an die Oberfläche geschwemmt. Fragen, die auf jeder Gemeindeverwaltung thematisiert werden», weiss Räber. Und er weiss auch, dass dafür nicht nur in kleinen Gemeinden die Kapazität, das Wissen und die Routine fehlen, um immer zeitig und professionell zu agieren. Räber meints nicht negativ. Die Komplexität nehme stetig zu. «Da ist es schlicht nicht möglich, dass eine Gemeinde dafür gewappnet ist.» Aber für alle ist klar: Nichts machen geht nicht.
Diese Einsicht teilt auch Wenzel Roth, Fachspezialist Integration beim Amt für Migration und Integration des Kantons Aargau. Roth betreut die sieben RIFs im Kanton und begleitet auch den Prozess im Oberen Freiamt. Er ist überzeugt davon, dass ein wichtiger Aspekt zum Erfolg das für die Region massgeschneiderte Projekt ist. «Das Obere Freiamt ist weitläufig. Hier muss die RIF auch unterwegs sein, vor Ort bei den Gemeinden und weiteren Zielgruppen», nennt er ein Beispiel. Dieses Individuelle sei wohl auch der Grund, weshalb sich eine grosse Mehrheit der Gemeinden abgeholt fühlte und den Beitritt zur RIF nun traktandiert. «14 von 19, das ist eine sehr hohe Quote für den Start.» Andere Beispiele zeigen, dass später noch mehr Gemeinden hinzukommen. «Wenn erste Erfolge vorzuweisen sind.» Auch den fünf Gemeinden im Bezirk, bei denen bisher die Skepsis überwog, stehe die Tür weiterhin offen.
Einsparungen schwer zu beziffern
Mit 2.84 bis 2.99 Franken pro Einwohnerin und Einwohner sind die Kosten für die Gemeinden berechnet. Je mehr Gemeinden mitmachen, desto tiefer sind die Kosten pro Kopf. Der Kanton finanziert 60 Prozent der Personalkosten, zudem übernimmt er die Kosten im Bereich Koordination der Freiwilligenarbeit vollständig. Natalie Ammann gibt zu bedenken: «Es ist halt schwierig zu belegen, dass diese Kosten stattdessen anderswo eingespart werden können.» Möglichkeiten sieht sie bei den Sozialen Diensten der Gemeinden, die dank der RIF entlastet werden. Mehr Kapazitäten, die für andere Themen bleiben. Auch Wenzel Roth sieht Potenzial bei den Sozialhilfekosten. «Integration kann helfen, solche zu vermeiden.» Er betont aber, dass die RIF-Angebote eben nicht nur Menschen ansprechen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind. «Sondern alle, die neu in der Schweiz sind. Die gesamte Bevölkerung.» Aber auch er sagt: «Die RIF fördern unter anderem auch das gute Zusammenleben. Dies ist wichtig, aber natürlich enorm schwierig zu beziffern.»
Treffpunkte, Integrationsprojekte, Kurse – vor allem Sprachkurse –, künftig soll die RIF dies für alle dem Gemeindeverband zugehörigen Gemeinden koordinieren. Hinzu kommen das Netzwerk und die Freiwilligenarbeit. «Erfahrungsgemäss lässt sich durch ein koordiniertes Zusammenarbeiten viel mehr bewirken, als wenn dies engagierte Personen alleine tun», weiss Natalie Ammann. Vor allem aber geht es auch darum, Hemmungen abzubauen, zu verhindern, dass Migrantinnen und Migranten sich nicht getrauen, vorhandene Angebote anzunehmen. «Andere RIF arbeiten mit sogenannten Schlüsselpersonen. Menschen, die selber migriert sind und genau solche Brücken bauen können», sagt Ammann.
Noch einiges an Arbeit steht an
Denn mit dem Ja an der jeweiligen «Gmeind» würden die Gemeinden dem Verband beitreten, dessen Satzungen genehmigen. Im Januar folgt die Unterschrift der Satzungen, später die Konstitution des Vorstandes. Dann muss die richtige Person für die Geschäftsstellenleitung gefunden werden. Und ein Standort – laut Konzept in Muri. «Wir haben einen im Auge, spruchreif ist noch nichts», sagt Daniel Räber, der das Projekt als Murianer Gemeinderat, aber auch als Geschäftsstellenleiter der Repla Oberes Freiamt intensiv begleitet hat. Klar sei, dass das nicht heisse, dass die RIF nur im Bezirkshauptort präsent ist. «Auch da gibt es Ideen.» Bis die RIF dann tatsächlich ihre Arbeit aufnimmt, braucht es also auch mit 13 Ja-Entscheiden an den «Gmeinden» noch einiges an Vorarbeit.
Die Herausforderungen der Integration gemeinsam anzugehen, darin sehen Räber, Ammann und Roth ganz viele Vorteile und Chancen. Damit jungen Migrantinnen und Migranten der Einstieg in die Schule einfacher fällt, damit gesellschaftliche Spannungen im Keim erstickt werden, damit bessere Voraussetzungen für den Einstieg in die Arbeitswelt geschafft werden. «Durch den Zusammenschluss in einer RIF können die Gemeinden Synergien schaffen und das in der Region vorhandene Fachwissen besser nutzen», sagt Wenzel Roth. Und Räber sagt: «Das Thema Integration nur den sonst schon stark geforderten, oft kleinen Gemeindeverwaltungen und wenigen Freiwilligen alleine zu überlassen, das geht schlicht nicht mehr.»