Die Arbeit von drei Leuten leisten
26.06.2026 Region Unterfreiamt, PorträtRoswitha Bernath aus Nesselnbach ist für den Prix Merci der Pro Senectute nominiert
Als sie 1996 mit ihrer Familie nach Nesselnbach zog, kannte sie niemanden im Dorf. Heute ist sie bestens integriert und weiss fast jeder, wer Roswitha Bernath ist. Für ihr ...
Roswitha Bernath aus Nesselnbach ist für den Prix Merci der Pro Senectute nominiert
Als sie 1996 mit ihrer Familie nach Nesselnbach zog, kannte sie niemanden im Dorf. Heute ist sie bestens integriert und weiss fast jeder, wer Roswitha Bernath ist. Für ihr grosses Engagement für die ältere Bevölkerung ist sie für den neu geschaffenen Prix Merci nominiert. Ab sofort kann man für sie abstimmen.
Chregi Hansen
Vor wenigen Wochen konnte sie ihre 60. Geburtstagsfeier nachfeiern. Damit gehört Roswitha Bernath ganz offiziell zur Zielgruppe der Pro Senectute. «Ich werde auch ein erstes Angebot nutzen und mir dieses Jahr bei der Steuererklärung helfen lassen», erzählt sie. Aber ansonsten fühlt sie sich noch immer jung. Und hilft lieber anderen, als selber Hilfe anzunehmen.
Seit mittlerweile 28 Jahren geht sie einmal jährlich von Tür zu Tür und sammelt Spenden für die Pro-Senectute-Herbstsammlung – auch mit Twint. Seit 2005 ist sie als Ortsvertreterin erste Ansprechperson für Senioren und Seniorinnen im Dorf, macht Besuche zum 75. Geburtstag mit der Leselupe. Zudem leitet sie eine Radsportgruppe. Engagiert sich ausserhalb der Pro Senectute noch im Seniorenteam Niederwil für die ältere Bevölkerung. «Ich mag den Kontakt mit ihnen. Man kann so viel von ihnen lernen und sie geben einem so viel zurück», sagt Bernath. Für ihr grosses Engagement wurde die Nesselnbacherin für den Prix Merci nominiert. Mit diesem erstmals verliehenen Preis sagt die Pro Senectute ihren 15 800 Freiwilligen symbolisch Danke und würdigt Menschen, die sich besonders für die ältere Bevölkerung engagieren. 22 Frauen und Männer aus der ganzen Schweiz wurden nominiert.
Cremeschnitten und Guetzli
Dabei kam die gebürtige Österreicherin per Zufall zur Pro Senectute. Vor 30 Jahren zog die Familie Bernath nach Nesselnbach. «Wir sind aus dem Zürcher Oberland zugezogen und kannten zu Beginn niemanden. Ein älteres Ehepaar war damals für die Haussammlung in Nesselnbach zuständig. Die beiden meinten, ich solle doch mitkommen, dann lerne ich gleich die Leute im Dorf kennen», erzählt sie. Seither sammelt sie die Spenden im Dorfteil ein – im Gegensatz zu vielen anderen wird hier an der Haussammlung festgehalten. «Ich finde das viel persönlicher, als wenn einfach ein Einzahlungsschein im Briefkasten liegt.»
Mit der Zeit sprach sich das Engagement der gelernten Bäckerin/Konditorin herum. Mehrfach wurde sie angefragt, ob sie nicht die Ortsvertretung in Niederwil übernehmen wolle. «Sie haben nicht lockergelassen. Irgendwann habe ich mich dann breitschlagen lassen», berichtet sie lachend. Parallel dazu leitet sie das Seniorenteam, hilft bei der Organisation von Anlässen wie der Weihnachtsfeier (zuletzt mit 140 Teilnehmern), Grillanlass, Fasnachtsball, Spiel-, Jass- und Tanznachmittagen. Um die Weihnachtszeit bäckt sie mehr als 100 Kilogramm Guetzli und überrascht sozial schwache Familien mit «Cartons du Cœur» im Aargau. Die meisten Guetzli verschenkt sie an Freunde, Nachbarn und Personen, die ihr wichtig sind. Berühmt ist sie für ihre legendären Cremeschnitten. Einst hat sie einer Frau zum 100. Geburtstag 100 kleine Gläser mit selbst gemachter Konfi geschenkt. «Sie hat sich riesig gefreut. Und später sind alle Gläser wieder sauber durch die Spitex zu mir zurückgekommen.» Nach einem Arbeitsunfall begann sie mit dem Radfahren und bekam Lust, für die Pro Senectute eine Velogruppe zu leiten, absolvierte die dafür nötigen Ausbildungen, kann heute auch neue Radsportgruppenleiter einführen und Prüfungen abnehmen. «Unsere Touren sind fast immer ausgebucht. Wir sind meistens mit drei Leitern und 30 Teilnehmern unterwegs», berichtet sie. Bernath nimmt sich viel Zeit, um die Routen zu rekognoszieren, fährt die Strecke mehrfach ab, sucht nach den schönsten Wegen, organisiert Pausen in den Restaurants mit Akkulademöglichkeit.
Eigentlich wollte sie nur kurz in die Schweiz kommen
Sie kombiniert die Touren auch gerne mit Führungen und Besichtigungen. Und nach der Rückkehr postet sie Bilder und Berichte auf Whatsapp. «Ich bekomme oft Rückmeldungen von anderen, dass sie dadurch Lust bekommen, diese Touren auch zu machen», berichtet sie. Wenn sie am dritten Dienstag im Monat frei hat, geht sie mit der Wandergruppe Niederwil-Nesselnbach seit 2005 mitwandern, mit Schoggi und Traubenzucker im Rucksack für alle, am Abend gibt es dann die Fotos davon im Status.
Bei Roswitha Bernath muss immer etwas laufen. Sie hat ihr ganzes Leben gearbeitet – als die Kinder noch klein waren, meist in Nachtschicht. Sie kam auch wegen der Arbeit in die Schweiz, 1988 war das. «Eigentlich wollte ich nur kurz bleiben und mich im Bereich der Schokolade weiterbilden und dann noch andere Länder besuchen. Aber dann lernte ich meinen Mann kennen», erzählt sie. Trotz ihrer Arbeit und dem Engagement für die Pro Senectute und das Seniorenteam pflegt sie ein intensives Hobby, den Eistanz. «Als meine Kinder ihre Eislaufkurse in Wohlen machten, wagte ich mich erstmals auf Schlittschuhe. Ich war sofort fasziniert, habe selber auch Kurse gemacht, später den Eistanz entdeckt», erzählt sie. Sowohl im Winter wie im Sommer fährt sie zum Training nach Zürich, organisiert zudem einmal pro Jahr eine Eistanz- und Kunstlaufwoche in Scuol für Erwachsene. «Dieser Sport hält mich jung. Ich bin eben durch und durch ein Bewegungsmensch», sagt sie von sich.
Aber auch vor Schicksalsschlägen bleibt sie nicht verschont. Vor einigen Monaten ist ihr Mann verstorben. Plötzlich muss sie Aufgaben übernehmen, um die er sich zuvor kümmerte. Beispielsweise alles, was mit Computern oder der Homepage zu tun hat. «Da muss ich mir jetzt anderswo Hilfe holen», sagt die frischgebackene Grossmutter. Eine wichtige Stütze in dieser Zeit sind ihre beiden Töchter. Auch das Engagement für die Pro Senectute hilft ihr über den schweren Moment hinweg. Im Wohnzimmer liegen drei Geburtstagsgeschenke bereit, die sie in den nächsten Tagen übergeben wird. «Das sind immer schöne Momente.»
«Unermüdlicher Einsatz»
Über die Nomination freut sie sich. Auch über die Rückmeldungen, die sie erhält. «Viele sagen mir: Wenn es jemand verdient hat, dann du. Denn für das, was du leistest, braucht es an anderen Orten drei Leute.» Vorgeschlagen für den Preis wurde Roswitha Bernath von der Pro Senectute Bezirk Bremgarten. Hier ist man überzeugt, dass sie eine würdige Preisträgerin wäre. «Alle Stellenleitenden im Kanton wurden angefragt, ob wir Persönlichkeiten hätten, welche für den Preis infrage kämen. Roswitha kam mir spontan in den Sinn», erklärt Stellenleiterin Franziska Schuler. Bernath zeichne sich aus durch ihr aussergewöhnliches Engagement, ihre Herzlichkeit und ihre grosse Menschenliebe. «Seit über 20 Jahren setzt sie sich mit viel Kreativität, Organisationstalent und authentischer Überzeugung für das Wohl älterer Menschen ein. Ihr unermüdlicher Einsatz bei der Pro Senectute – von Geburtstagsbesuchen als Ortsvertretung über das persönliche Sammeln von Spenden bis hin zu Radtouren und dem direkten Kontakt – macht sie zu einer ausgesprochen geschätzten und wertvollen Mitarbeiterin», sagt Schuler.
Kontakte, die ihr Herz erwärmen
Aktuell läuft das Voting für die 22 Kandidaten, aufgrund der privaten Situation hatte die Nominierte selber noch gar nicht die Gelegenheit, gross Werbung für sich zu machen. Aber so oder so: «Ich bin sicher, alle Nominierten hätten den Sieg verdient», sagt sie. Viel lieber sind ihr sowieso die Kontakte zu und die Besuche bei den älteren Menschen. Aufhören ist für sie noch kein Thema, daran ändert auch der 60. Geburtstag nichts. «Der Kontakt zu den älteren Menschen, er wärmt mein Herz», sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht.
Was ist der Prix Merci?
Der Prix Merci ist eine symbolische Auszeichnung für Freiwillige, die sich bei Pro Senectute für das Wohl von Seniorinnen und Senioren einsetzen. Der Preis soll zeigen: Freiwilliges Engagement ist vielfältig und von grosser Bedeutung für ältere Menschen und für die Organisationen von Pro Senectute. Die Auszeichnung versteht sich nicht als Leistungsbewertung, sondern als Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung stellvertretend für alle 15 800 Freiwilligen von Pro Senectute.
Jede der 24 kantonalen und interkantonalen Pro-Senectute-Organisationen konnte eine Nomination stellvertretend für all ihre Freiwilligen einreichen. Für den Prix Merci 2026 sind 21 Nominationen mit insgesamt 22 Personen eingegangen. Diese stammen aus allen vier Sprachregionen der Schweiz. Aktuell läuft die Abstimmung, diese ist öffentlich. Die Abstimmung läuft noch bis zum 31. August.
Die fünf Nominierten mit den meisten Stimmen qualifizieren sich für das Finale an der Preisverleihung am 3. Dezember in Olten. Dort entscheidet das Los, wer die Trophäe in Empfang nehmen darf.
Abstimmen unter www.prixmerci.ch.

