Sabrina Salm, Redaktorin.
Nichts klappt so, wie es sollte. Man ist genervt, gestresst, gekränkt, richtig hässig. Und dann kann es schnell passieren, dass das Gehirn einen motorischen Blitzbefehl direkt in die Hand schickt. Vier Finger ...
Sabrina Salm, Redaktorin.
Nichts klappt so, wie es sollte. Man ist genervt, gestresst, gekränkt, richtig hässig. Und dann kann es schnell passieren, dass das Gehirn einen motorischen Blitzbefehl direkt in die Hand schickt. Vier Finger klappen ein, einer schiesst einsam nach oben. Er ist der unangefochtene Popstar unter den nonverbalen Beleidigungen: der Mittelfinger.
Nüchtern betrachtet ist es ja nur ein Finger. Doch während der Daumen in vielen Teilen der Welt für Zustimmung und Optimismus steht, trägt der Mittelfinger eine moralische Last. Er ist der Sündenbock der Anatomie, das dauerhaft missverstandene schwarze Schaf der Hand. Ob in Aarau, Bangkok oder Rio de Janeiro – dieser Finger benötigt weder Übersetzung noch Untertitel. Er ist die internationale Sprache des Ärgers. Wer sich aufregt, kann damit seinem Frust Luft machen. Zumindest aus Sicht des Absenders. Beim Empfänger löst die Geste dagegen selten Dankbarkeit aus. Eher steigt der Puls.
Dabei ist der Mittelfinger alles andere als eine moderne Erfindung. Er gehört zu den ältesten Kommunikationsmitteln der Menschheit. Bereits die alten Griechen sollen die Geste gekannt haben. Die Römer bezeichneten ihn als digitus impudicus, den «schamlosen Finger». Historiker vermuten, dass der ausgestreckte Mittelfinger das männliche Glied symbolisieren sollte, während die eingeklappten Kollegen die Hoden darstellen. Im Mittelalter versuchte man dem Finger dann ein etwas respektableres Image zu verpassen. Plötzlich hiess er digitus medicinalis und wurde genutzt, um Salben in Wunden einzureiben. Er mutierte vom Symbol der Verachtung zum Werkzeug der Heilung. Lange gehalten hat diese Darstellung allerdings nicht.
Es besitzt auch heute noch kaum ein anderer Körperteil eine derart lautlose Sprengkraft. Juristisch gilt die Geste als Beschimpfung und kann mit einer Geldstrafe geahndet werden. Sogar Blitzer-Kameras verstehen beim Stinkefinger keinen Spass. Wer das Gerät beleidigt, meint rechtlich gesehen die dahinterstehenden Beamten – und zahlt doppelt.
Wir lassen den Mittelfinger am besten einfach eingeklappt bei seinen Kumpanen – das spart Ärger, schont das Sparkonto und so kann der arme Kerl einfach nur ein Finger sein.