Der «Gotthard» steht im Weg
13.03.2026 Wohlen, BaugewerbeProjekt Überbauung «Pilatusstrasse Ost» erfährt Widerstand: Soll der alte Restaurantbau erhalten bleiben?
Bauabsichten an der Pilatusstrasse gibt es schon lange. Aber die Sache zieht sich hin. Der Gestaltungsplan ist längst überarbeitet. Nun ...
Projekt Überbauung «Pilatusstrasse Ost» erfährt Widerstand: Soll der alte Restaurantbau erhalten bleiben?
Bauabsichten an der Pilatusstrasse gibt es schon lange. Aber die Sache zieht sich hin. Der Gestaltungsplan ist längst überarbeitet. Nun sollte noch die Liegenschaft Restaurant «Gotthard» weichen. Aber eine Einsprache sorgt für Verzögerungen.
Daniel Marti
Geplant sind vier Mehrfamilienhäuser sowie ein Wohn- und Gewerbebau mit Verkaufsfläche. Insgesamt 57 Wohnungen sollten an der Pilatusstrasse Ost – zwischen Waltenschwilerstrasse und Unterer Haldenstrasse – entstehen. Das Richtprojekt sei das «überzeugende Resultat einer begleiteten Entwicklung mit Variantenstudium und einer städtebaulichen Analyse des Ortes», so das Urteil eines Fachgutachtens.
Bereits der Prozess bis zu diesem Punkt dauerte recht lange. Erst das Mitwirkungsverfahren im Herbst 2022, dann folgten der Gestaltungsplan und seine Überarbeitung. Im Juni 2024 lag der überarbeitete Gestaltungsplan «Pilatusstrasse Ost» öffentlich auf. Damals ging man bei der Koch AG in Büttikon von einem Baustart ungefähr Anfang 2027 aus. Die Bauherrschaft ist die Immofort AG, ein Unternehmen der Koch-Gruppe.
«Gotthard»-Rückbau noch dieses Jahr geplant
Diese Zielsetzung ist schon länger überholt. Denn auch beim nächsten Schritt stockt es. Im vergangenen Februar ist das Abbruchgesuch für die Liegenschaft Restaurant Gotthard aufgelegen. Bald erfolgte die Information von der Gemeinde Wohlen, «dass gegen den Abbruch eine Einwendung eingegangen ist», sagt Stefan Köchli, Leiter Immobilien der Koch AG, auf Anfrage.
«Von unserer Seite wäre geplant, das ehemalige Restaurant Gotthard samt Anbau im Jahr 2026 zurückzubauen. Ob dies aufgrund der Einwendung möglich sein wird, können wir momentan noch nicht beurteilen», so Köchli weiter. Im Richtprojekt wird ausgerechnet der Wohn- und Gewerbebau separat beurteilt. Das Gebäude mit grosser Verkaufsfläche im Erdgeschoss und zwölf Wohnungen ist viergeschossig und wird als Ersatz für die Liegenschaft Restaurant Gotthard gehandelt. Also ein wesentlicher Teil des Richtprojekts.
«Schöner Wohlen» verlangt Prüfung des historischen Wertes
Der Restaurantbetrieb im «Gotthard» wurde bereits im vergangenen Mai eingestellt. Und von aussen macht das Haus nicht unbedingt einen frischen Eindruck. Die Einsprachepartei «Schöner Wohlen» denkt jedoch nicht nur an das Alter der Liegenschaft. Und verlangt weitere Abklärungen: Beurteilung des historischen Wertes, Beurteilung der grauen Energie, Beurteilung der aktuellen Bausubstanz. Dies sind die Eckpfeiler der Einsprache (siehe auch Artikel unten).
Auf dieser Grundlage soll über Abbruch oder Fortbestand entschieden werden. Der Verein «Schöner Wohlen» ist übrigens legitimiert, eine Einspache einzureichen. Präsident Philipp Simka wohnt mit seiner Familie innerhalb des relevanten Perimeters des Bauplatzes.
Bahnbauten führten zum Namen «Gotthard»
Ganz so viel ist vom «Gotthard»-Haus nicht bekannt. Laut Lokalhistoriker Daniel Güntert wurde es 1898 erbaut, das Wohnhaus allerdings bereits im Jahr 1819. «Es war lange eine richtige Dorfbeiz.» Und im Inneren sei ein grosses Wandbild mit der Gotthardpost von Rudolf Koller gehangen, «natürlich nicht das Original». Eine Besonderheit: Das Haus steht direkt an der Grundstücklinie. Daniel Güntert weiss zudem, wie das Haus zum Namen «Gotthard» gekommen ist. Ein Hauptgrund sei der Bau der BDB-Bahn in den 1870er-Jahren, die Eröffnung wurde 1876 gefeiert. Wohlen–Bremgarten war eine Zweigstrecke der Aargauer Südbahn.
Im Jahr 1880 fand zudem der Durchstich beim Gotthardtunnel statt, mit 15 Kilometern fortan der längste Tunnel. «Die Bahnbauten waren in Wohlen Gesprächsthema. Als dann ein Name gesucht wurde für das Restaurant, war klar: Gotthard», blickt Güntert zurück. «Man sprach auch ironischerweise von der Obermatte als Airolo und dem Gebiet diesseits des BDB-Tunnels von Göschenen.»
Die Geschichte prägte das «Gotthard»-Haus, aber unter Schutz steht es nicht. Es ist auch nicht im Inventar der schützenswerten Bauten aufgeführt. Auch darum fordert der Verein «Schöner Wohlen» ein unabhängiges historisches Fachgutachten. Erst nach einer seriösen Prüfung könne festgestellt werden, ob das Haus allenfalls doch schutzwürdig sei.
Baustart wohl erst Ende 2028
Gespannt wartet man nun auch bei der Bauherrschaft in Büttikon auf den Entscheid aus dem Wohler Gemeindehaus. «Unsere aktuelle Planung sieht vor, dass wir gegen Ende 2026 ein Baugesuch eingeben möchten. Am überarbeiteten Gestaltungsplan hat sich in der Zwischenzeit nicht sehr viel geändert», sagt Stefan Köchli. «Die entsprechenden Vorgaben des Gestaltungsplans werden wir in unser Baugesuch einfliessen lassen.»
Der Leiter Koch Immobilien AG denkt langfristig. «Aufgrund anderer laufender Projekte, wäre aus unserer Sicht ein Baustart gegen Ende 2028 vorgesehen.» Die Bauherrschaft rechnet mit einer Bauzeit von zweieinhalb Jahren. «Somit ist ein Bezug ungefähr im Frühling 2031 denkbar.» Selbstverständlich sei dieser Zeitplan abhängig vom Bewilligungsverfahren und von eventuellen Einsprachen gegen das Bauprojekt als solches. Zuerst muss nun aber die Zukunft des «Gotthard»- Hauses geklärt werden.
«Gelebte Dorfgeschichte»
«Schöner Wohlen» zur Einsprache
Der Verein «Schöner Wohlen» wehrt sich gegen den geplanten Abbruch des Restaurants Gotthard. Das Gebäude sei «ein Stück gelebte Dorfgeschichte». Und es droht, dass diese Geschichte unwiederbringlich verschwinden werde. «Das ‹Gotthard› ist kein beliebiges Haus. Es ist ein Stück Wohlen», heisst es in der Pressemitteilung.
Bereits bei der öffentlichen Mitwirkung im Herbst 2022 haben Vertreter des Vereins angeregt, das Restaurant Gotthard in die neue Überbauung zu integrieren. «Doch im Abbruchgesuch fehlt jede erkennbare Auseinandersetzung mit dieser Anregung», so der Verein. Dies sei ein Signal, «dass hier eine historische Chance vertan wird».
Zusammen mit dem geschützten Otto-Steinmann-Fabrikgebäude und den benachbarten Wohnhäusern bildet das «Gotthard»-Haus ein Ensemble. Und dieses Ensemble macht die «Geschichte der Industrialisierung und des dörflichen Lebens sichtbar».
Entwicklung mit Gedächtnis
«Schöner Wohlen» verweist auf das im Dezember verabschiedete «Räumliche Entwicklungsleitbild». Darin steht, dass die «historisch gewachsene Substanz behutsam weiterentwickelt» werden soll. Für den Verein ist darum klar: «Weiterentwickeln bedeutet nicht abbrechen und ersetzen. Es bedeutet, Bestehendes zu respektieren und intelligent zu integrieren.» Niemand stelle das gesamte Arealprojekt infrage, so der Verein weiter. «Doch bei einer Fläche von rund 8800 Quadratmetern erscheint der Erhalt eines Gebäudes mit rund 200 Quadratmetern Grundfläche allerdings durchaus zumutbar.»
Die Einwendung sei ein Appell an die Verantwortung. «Sollte ein unabhängiges Gutachten klar zeigen, dass weder historische Bedeutung noch bauliche Zumutbarkeit für einen Erhalt sprechen, wird der Verein seine Haltung überprüfen.» Erst wolle man nun Antworten. Denn der «Gotthard» sei ein «sozial-historischer Leuchtturm». --dm



