Den Quellen auf der Spur
27.05.2025 Kelleramt, Natur, OberlunkhofenKartierungsprojekt natürlicher Quellen im Aargau: viele Funde im Hangried Oberlunkhofen
Natürliche Quellen gibt es immer weniger, auch im Aargau. Marianne Rutishauser von Pro Natura Aargau nahm sich ihrer an. Viele der verbliebenen natürlichen Quellen ...
Kartierungsprojekt natürlicher Quellen im Aargau: viele Funde im Hangried Oberlunkhofen
Natürliche Quellen gibt es immer weniger, auch im Aargau. Marianne Rutishauser von Pro Natura Aargau nahm sich ihrer an. Viele der verbliebenen natürlichen Quellen befinden sich im Wald. Aber es gibt sie auch im Offenland – etwa in Oberlunkhofen.
Annemarie Keusch
Wer sich jetzt eine sprudelnde Quelle vorstellt, der irrt. Vielmehr müssen auch die Experten genau hinschauen, um sie zu sehen. Aber hier im Hangried in Oberlunkhofen gibt es gleich mehrere. «Untere Hanglagen sind typische Standorte für Quellaustritte», sagt Marianne Ruthishauser. Auf Initiative von Pro Natura Aargau und im Auftrag des Kantons Aargau hat sie in den letzten vier Jahren die Kartierung natürlicher Quellen im Aargau betreut. Sie weiss, dass hier vor noch nicht allzu langer Zeit eine Wasserfassung für ein kleines Ferienhaus stand. Seit die Stiftung Reusstal das Land, direkt angrenzend an ihr Naturschutzgebiet, gekauft hat, ist beides verschwunden. «Die Brunnstube und die Leitungen im letzten Jahr», sagt Niklaus Peyer. Er leitet die Gruppe Information und Aufsicht Reusstal, kennt das Gebiet seit vielen Jahren.
Mit Blick auf die verschiedenen nassen Stellen im Hang, sagt Marianne Rutishauser: «Hier gibt es besonders schöne und geschützte Hangriede. Die Quellaustritte sehen aber nicht wirklich spektakulär aus. Das ist allerdings typisch für austretende Sumpfquellen.» Zumal erst eine Kartierung wirklich Grundlagen schaffen könne, um Quellen künftig besser zu schützen. Genau diese Kartierung hat sie an die Hand genommen. «Es war ein etwas vergessenes Thema», sagt sie. Eines, das sie genau darum reizte. Und Rutishauser weiss: «Der Quelllebensraum ist enorm wichtig.» Beim Kanton habe sie damit offene Türen eingerannt. Ein Pilotprojekt fand im unteren Reusstal und der ersten Jurakette statt, in den letzten vier Jahren hat sich das Gebiet unter Einbezug von vielen Freiwilligen über den ganzen Kanton Aargau erstreckt. «Vorher fehlte der Überblick, nun hat man die Chance, die verbleibenden natürlichen Quellen zu schützen, bekannt zu machen und aufzuwerten», sagt sie. Rund 150 Freiwillige seien über die vier Jahre hinweg im Einsatz gewesen. «Ein riesiges Engagement für unsere Natur», fasst Marianne Rutishauser zusammen.
Seltener Lebensraum, speziell für Insektenlarven
Als Grundlage dienten etwa historische Daten wie der Aargauische Mühlberg-Altas von 1901, der Geologische Atlas und Bachanfänge. Die Freiwilligen steuerten diese historischen Datenpunkte im Feld an und dokumentierten, was sie dort vorfanden. «Eine deutliche Mehrheit ist mittlerweile zerstört und gefasst, der Lebensraum im Quellgebiet ist weg. Das Frustpotenzial war also durchaus da», weiss Marianne Rutishauser. Der Rest der Quellen sei je zur Hälfte beeinträchtigt und natürlich. Niklaus Peyer betont: «Quellraum ist Lebensraum. Diesen gilt es wiederherzustellen, weil viele Tiere darauf angewiesen sind.» Das permanent kühle Wasser, der wenige Sauerstoff, die wenigen Nährstoffe – die Bedingungen rund um Quellen sind speziell, nur daran angepasste Tierarten überleben.
Aber diese Tierarten überleben eben nur dort. «Oft sind es Larven von verschiedenen Köcherfliegen- und Steinfliegen-Arten oder der Gestreiften Quelljungfer-Libelle», sagt Marianne Rutishauser.
Sie betont, dass es nicht darum gehe, gefasste Quellen zu verteufeln. «Auch uns ist klar, dass es Trinkwasser braucht und dass Quellen auch dafür enorm wichtig sind.» Dennoch sei diese Kartierung wichtig, um eben die letzten verbliebenen natürlichen Quellen im Kanton zu schützen. «Weil diese auch nicht so viel Wasser fördern, dass es für eine Fassung attraktiv wäre», betont Marianne Rutishauser. Zehn dieser Quellen liegen allein im Hangried in Oberlunkhofen. «Austritt am Hangfuss ist je nach geologischen Verhältnissen typisch», versucht sie diese Häufung zu erklären. Mit dem Kauf des Landes durch die Stiftung Reusstal sei ein grosser Schritt zum Schutz dieser Quellen und des entsprechenden Lebensraumes gemacht worden.
Bewussterer Umgang mit Wasser
Doch Potenzial gebe es, das betonen Rutishauser und Peyer. «Wenn Leute feuchte Stellen am Boden sehen, denken sie oft nicht an Quellen.» Entsprechend sei Aufklärungsarbeit nötig, um das Bewusstsein für diesen seltenen Lebensraum zu fördern. «Wissen verbreiten», fasst es Marianne Rutishauser zusammen. Nur schon die Arbeit mit 150 Freiwilligen sei dabei enorm wertvoll. Weil alle 150 Personen in ihrem Umfeld davon erzählen.
«Es ist ganz einfach. Man schützt nur, was man kennt. Um die Quellen zu schützen, müssen wir sie zuerst bekannt machen», sagt Niklaus Peyer. Was er sich dabei auch erhofft: «Einen noch bewussteren Umfang mit Wasser. Weil auch anhand der Quellen deutlich wird, dass Wasser nicht unendlich fliesst.» Quellen sollen nicht vergessen gehen – wegen ihres Lebensraums, aber auch wegen ihrer Funktion.