«Auch ohne Krawatte»
09.02.2024 Merenschwand, Region Oberfreiamt
Matthias Müller ist der Senkrechtstarter der FDP – aufgewachsen ist er in Merenschwand
Als Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz trat er national in Erscheinung. Quasi aus dem Nichts holte er bei den Nationalratswahlen im Kanton Zürich ein derart ...
Matthias Müller ist der Senkrechtstarter der FDP – aufgewachsen ist er in Merenschwand
Als Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz trat er national in Erscheinung. Quasi aus dem Nichts holte er bei den Nationalratswahlen im Kanton Zürich ein derart gutes Ergebnis, dass er erster Ersatz ist. Und nun, am 3. März, wird an der Urne über «seine» Renteninitiative entschieden. Matthias Müller startet politisch durch.
Annemarie Keusch
Matthias Müller kommt angerannt. Aus der Unterführung des Bahnhofs Hardbrücke in Zürich. Er wohnt in Zürich-Oerlikon und reist mit dem Zug an. Später wird er sagen, dass er es unendlich schätze, einen kurzen Arbeitsweg zu haben. Er arbeitet im Primetower als Rechtsanwalt bei der Wirtschaftskanzlei Homburger AG. Zurzeit ist er politisch viel unterwegs. Daneben findet er aber auch Zeit, im Fitness-Center Sport zu treiben, «ab und zu auch nach wie vor zusammen mit meinem Bruder in Muri».
Sie wurden nach der «Lex Netf lix»-Arena als «Berset-Schreck» bezeichnet. Ein Kompliment?
Matthias Müller: Wieso nicht? (lacht) Es wurde berichtet, ich hätte in dieser Arena mit Eloquenz gepunktet. Aber, ich wurde nicht als rhetorisches Talent geboren. Ich bin grundsätzlich ein einfaches Gemüt. Es gilt wirklich das alte Sprichwort: Übung macht den Meister, auch in der Politik.
In der «Arena» über politische Themen zu streiten, macht das Spass?
Ja. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich erstmals zu Gast war. Es ging um Gesundheitsthemen. Damals war ich noch Vizepräsident der Jungfreisinnigen und vertrat ihre Meinung zu Gesundheitsthemen. Ich war unglaublich nervös. Die vielen Kameras im Studio, die sich rund um mich herum bewegten – ich wusste gar nicht, worauf ich mich konzentrieren soll. Darunter litt vielleicht auch meine Argumentation. Aber mit jedem Auftritt wurde es besser und ich wurde selbstsicherer. Nach mittlerweile vier bis fünf Auftritten und wohl auch weil ich nicht mehr ganz jung bin, fühle ich mich wohl in TV-Studios. Ich freue mich jedes Mal, Gast sein zu dürfen.
Wie bereiten Sie sich auf solche Auftritte vor?
Ich weiss, wie wichtig die «Arena» ist, und entsprechend ernst nehme ich das Ganze und bereite mich akribisch vor. Natürlich, es sind meine politischen Schwerpunktthemen, zu denen ich eingeladen werde. Trotzdem nehme ich mir jeweils viel Zeit, versuche Fragen zu antizipieren und studiere die Argumente des politischen Gegenübers.
Warum interessieren Sie die Argumente der Gegenseite?
Weil meine Prämisse lautet: Alle wollen nur das Beste für unser Land. Wir sitzen alle im gleichen Boot, wenngleich wir in anderen politischen Lagern sind. Als Politiker sind wir dafür da, Lösungen zu finden. Leider ist die Debattenkultur roh geworden. Wahrscheinlich würden viele politische Diskussionen weniger gehässig verlaufen, wenn man dem Gegenüber attestiert, dass er oder sie auch nur das Beste für unsere Schweiz will.
Ihre Meinung ist jeweils vor allem zu Vorsorgethemen gefragt. Warum ist das Ihr politisches Steckenpferd?
Weil der demografische Wandel die erste und zweite Säule auf eine harte Probe stellt und uns als Gesellschaft massiv herausfordern wird. Wir müssen unsere Altersvorsorge zukunftsfest machen, damit auch die junge Generation noch davon profitieren kann. Aufgrund des Fachkräftemangels müssen wir vor allem Anreize schaffen, damit ältere Menschen länger im Arbeitsprozess bleiben. Unsere Senioren sind das Gold unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Diese goldene Reserve müssen wir aktivieren. Etwa mit Steuerbefreiungen. Aber wir müssen auch die Unternehmen in die Pflicht nehmen. Sie sollen endlich anfangen, altersgerechte Arbeitszeitmodelle zu ermöglichen. Zum Beispiel könnte die Wochenarbeitszeit linear zum zunehmenden Alter abnehmen.
Aber auch andere Themen haben Sie auf Ihrem Tisch.
Natürlich. Ich bin grundsätzlich ein neugieriger Mensch. Das Gesundheitswesen etwa ist auch hoch spannend. Und auch wenn es typisch FDP ist, lege auch ich einen politischen Fokus auf die Wirtschaft. Dies umfasst ganz viele Themen: Wie schaffen wir nachhaltig Wertschöpfung? Wie gestalten wir die Teilzeitarbeit? Wie bringen wir die Gleichberechtigung voran? In Bezug auf Letzteres gilt es negative Anreize zu beseitigen, die es typischerweise bei Frauen gibt. Ich sehe es bei meiner Partnerin. Wir sind seit acht Jahren ein Paar. Wenn wir heiraten, würde uns die Heiratsstrafe finanziell massiv treffen. Damit hängen ganz viele Fragen zusammen, beispielsweise ab wann es sich für eine Familie nicht mehr lohnt, wenn beide arbeiten. Solche Missstände gilt es zu korrigieren. Darum engagiere ich mich im Komitee für die Individualbesteuerung.
Das grosse Thema ist aber aktuell nicht diese Initiative, sondern die von Ihnen lancierte Renteninitiative.
Es ist schön, einen solchen Prozess von A bis Z mitzuerleben. Wir haben die Renteninitiative im November 2019 lanciert. Damals wurde ich frisch als Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz gewählt. Seither habe ich den ganzen Prozess begleitet, Unterschriften gesammelt, Diskussionen geführt in den Medien und im Parlament. Jetzt läuft der Abstimmungskampf. Es ist toll, unser Baby über die Ziellinie zu bringen.
Wagen Sie eine Prognose?
Es wird wohl nicht einfach, eine Mehrheit zu erreichen. Aus meiner Sicht ist der Fall klar. Es geht um die Sicherung des wichtigsten Sozialwerkes unseres Landes. Bis 2050 fehlen in der AHV-Kasse ganze 130 Milliarden Franken, das ist Fakt. Und das sind ungedeckte Leistungsversprechen. Irgendjemand wird dieses Loch stopfen müssen. Lange operierte die Politik nach dem Motto «Nach uns die Sintf lut». Das funktioniert nicht mehr. Es braucht eine nachhaltige Lösung statt hie und da kleine kosmetische Eingriffe. Das Ziel ist klar: null Defizit. Wir erreichen das, wenn wir ein wenig länger arbeiten, bis 66 Jahre. Die Alternativen – die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Erhöhung der Lohnprozente oder die Senkung der Rente – sind bekannt und für mich keine gangbaren Wege. Also bleibt das, was viele andere Länder auch als Lösung sehen: das Rentenalter leicht erhöhen, um die AHV nachhaltig zu sanieren. Eigentlich ein logischer Schritt. Wir leben nachweislich länger als noch 1948 bei der Einführung der AHV und beziehen länger entsprechende Gelder.
Als Sie angefangen haben, sich politisch zu betätigen: Hätten Sie je gedacht, dass die Bevölkerung über eine Initiative von Ihnen abstimmt und Sie mit 31 Jahren erster Ersatz für die Zürcher FDP im Nationalrat, Parteivorstand der FDP Schweiz und langjähriger Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz sind?
Nein, nie. Ich ging auch nie mit solchen Zielen in die Politik. Lange hielt sich mein parteipolitisches Interesse in engen Grenzen. Ich interessierte mich schon immer sehr für Geschichte und Geografie, verbrachte zig Stunden täglich damit, in Games mit solchen Welten abzutauchen. Natürlich streiften diese auch die Politik. Und in unserem Elternhaus war ein Grundinteresse an der Politik da, parteipolitisch aktiv wurde ich aber erst mit 18 Jahren.
Wie kamen Sie damals zur FDP?
Das ist ganz simpel. Ich beantwortete die Smartvote-Fragen und hatte bei den Freisinnigen am meisten Übereinstimmungen. Dies fühlte sich für mich intuitiv richtig an, weil ich damals schon ein Mensch mit hohem Freiheitsanspruch war, und das hat sich auch bis heute nicht verändert.
Was hat Sie damals politisiert?
Nichts Konkretes. Mich faszinierte die Politik einfach, ich wuchs hinein. Und nachdem ich als Vorstandsmitglied der kantonalen Jungpartei 2014 an der Jugendsession teilnehmen konnte, wusste ich, dass mich die Politik weiter begleiten würde. Mir war klar, dass das wirklich etwas für mich ist. Hier präsentierte ich erste Voten. Kurz darauf durfte ich beim Jugendsender Joiz auftreten, Vermögensungleichheit war das Thema. Das weiss ich noch genau. Und wiederum war ich unendlich nervös, schaute nur auf den Boden anstatt in die Augen des Gegenübers. Das passiert mir zum Glück nicht mehr.
Die FDP kämpft mit Klischees der über 50-jährigen Männer mit Krawatte. Was macht diese Partei für einen jungen Mann attraktiv?
(Lacht.) Schauen Sie mich an. Ich bin die real existierende Antithese zu diesem Klischee, jung und ohne Krawatte. Natürlich erfolgte der Einstieg via Jungpartei, ich war deren Vizepräsident, bin noch bis zur nächsten Delegiertenversammlung im März deren Präsident. Mittlerweile bin ich auch Vizepräsident der FDP Kanton Zürich. Der Wechsel zur Mutterpartei ist also geglückt. Und ja, ich fühle mich auch als junger Mann ohne Krawatte dort gut aufgehoben. Eigenverantwortung, Gemeinsinn, Freiheit und gleichzeitig Offenheit – die FDP ist eine wichtige Partei in unserem Land. Sie ist notabene die Gründerpartei unseres Staates.
Wie wichtig ist Ihnen Politik?
Es ist eine grosse Passion. Eigentlich ist es wie ein Hobby. Politik bereitet mir Freude und macht Spass.
Immer?
Nein. Wie überall gibt es auch hier Schattenseiten. Hasserfüllte Nachrichten gehören leider dazu.
Wie gehen Sie damit um?
Mittlerweile habe ich mir eine dicke Haut zugelegt, ignoriere solche Nachrichten. Grundsätzlich antworte ich allen, die mit mir Kontakt aufnehmen, auch jenen, die kritisch sind. Das gehört schliesslich dazu. Wenn eine Nachricht aber unter die Gürtellinie zielt, dann landet sie sofort im Eimer. Gross beschäftigen mich solche Vorkommnisse aber nicht mehr.
Sie sind in Merenschwand aufgewachsen. Wie stark ist die Verbindung nach wie vor?
Meine Eltern, meine Geschwister leben immer noch dort. Ich versuche sie regelmässig zu sehen, immer wieder bin ich darum auch im Freiamt. Vereinzelte Freundschaften von früher sind geblieben, aber zu einem gewissen Teil hat sich der Fokus verlagert, schon während der WMS, später während des Studiums und jetzt noch mehr. Aber ich komme immer gerne in die Region, trage schöne Erinnerungen in mir. Diese kommen beispielsweise hoch, wenn ich in Merenschwand an Weihnachten in der Kirche bin. Schliesslich war ich hier lange Ministrant. Zudem habe ich das Amt des Bezirksschulrates erst vor wenigen Jahren aufgegeben. Verschwunden von meinem Radar ist das Freiamt sicher nicht.
Auch politisch?
Natürlich, es interessiert mich weiterhin, was politisch läuft im Freiamt. Schliesslich waren hier meine Anfänge, auch wenn ich politisch hier nicht wirklich viele Spuren hinterliess.
Sie sind ein Senkrechtstarter in Sachen Politik. Einer, den die FDP Bezirk Muri wohl mit Handkuss nehmen würde.
Vielleicht. Ich war eine Zeit lang im Vorstand, kandidierte für den Grossrat, aber ohne ernst zu nehmende Ambitionen. Natürlich wünsche ich der Bezirkspartei für die kommenden Grossratswahlen nur das Beste. Sie ist bestens aufgestellt
Sie sind Ersatz für einen FDP-Nationalratssitz. In der grossen Kammer sitzen immer mehr Berufspolitiker. Ist das auch für Sie ein möglicher Weg?
Nein. Berufspolitiker zu werden, wäre für mich ein Graus. Ich werde mich nach dem Rücktritt als Präsident der Jungpartei noch mehr auf den Beruf fokussieren. Mir ist es wichtig, nicht nur eine Zehe, sondern ein ganzes Bein in der Privatwirtschaft zu haben. Die Entwicklung, dass Politiker ganz von der Politik leben, also abhängiger sind, passt nicht zu unserer Schweizer Tradition.
Persönlich
Matthias Müller wuchs als ältestes von drei Geschwistern in Merenschwand auf. Nach der Primarund der Bezirksschule verpasste er den Eintritt in die Kantonsschule knapp. Stattdessen absolvierte er die Wirtschaftsmittelschule, holte die Matura nach, absolvierte ein Studium an der HSG in St. Gallen. Müller ist mittlerweile 31-jährig, lebt in Zürich Oerlikon, ist Doktorand und arbeitet als Rechtsanwalt. Er verbringt gerne Zeit mit seiner Freundin und seiner Familie. Zu seinen Hobbys zählt er das Lesen und den Sport, «vor allem Fussball und Kraftsport».