Ära geht zu Ende

  03.07.2026 Villmergen, Region Unterfreiamt, Gewerbe, Arbeit

Nachfolge gesucht: Ende Jahr schliesst Bättig’s Bäckerei im Zentrum von Villmergen

Seit 1993 führt André Bättig den Familienbetrieb in dritter Generation. Vor zehn Jahren wurde das Geschäft um ein Café erweitert und zog ins Zentrum des Dorfes. Jetzt wird der Bäcker/Konditor pensioniert. Und wünscht sich, dass der Betrieb weiter bestehen kann.

Chregi Hansen

«Es ist kein Geheimnis mehr, viele im Dorf wissen es schon. Ende Jahr ist Schluss», sagt André Bättig. Theoretisch wird er zwar bereits Ende Juni pensioniert. Aber der Pachtvertrag für das Ladenlokal und das Café an der Alten Bahnhofstrasse läuft bis Ende Dezember. Und so lange wird er noch am alten Standort in der Backstube stehen und den neuen Standort jeden Tag mit frischen Waren beliefern.

Das Hin und Her zwischen dem Verkaufslokal im Zentrum und der Bäckerei an der Mitteldorfstrasse hat sich eingependelt. Vor zehn Jahren haben sich André und Pia Bättig zum Umzug entschlossen und den Laden mit seinen Brot- und Konditoreispezialitäten gleich noch um ein Café erweitert. «Der Entscheid war richtig, das Café kommt gut an. Es gibt ja kaum Alternativen im Dorf», schaut Bättig auf diese zehn Jahre zurück. Aber: Die Einrichtung des Lokals musste das Ehepaar damals aus eigenen Mitteln finanzieren. Darum ist der Villmerger Bäcker seit zwei Jahren bemüht, eine Nachfolge für das Lokal zu suchen. «Es ist schwierig, aber ich gebe nicht auf.»

Alles fing 1935 an

Aktuell wird das Lokal von seiner Frau geführt, dazu sind drei Aushilfen beschäftigt. «Sie wissen, dass Ende Jahr Schluss ist. Wir helfen ihnen auch bei der Suche nach etwas Neuem», so Bättig. Noch hofft er aber, dass das Geschäft weitergeführt wird. Primär das Ladenlokal samt Café. Aber auch neue Ideen und Konzepte sind durchaus möglich. «Falls der neue Pächter aber auch selber backen will, könnte ich ihm die alte Backstube zur Verfügung stellen. Allerdings müsste er einiges in eine Modernisierung investieren. Vieles hier stammt noch aus der Zeit meines Vaters und Grossvaters», macht Bättig deutlich. Denn schon diese haben an der Mitteldorfstrasse ihre Spezialitäten produziert.

Den Grundstein für das Familienunternehmen legt Grossvater Roman Bättig senior (Jahrgang 1907). Er pachtete nach seinen Lehr- und Wanderjahren 1932 erst die neu eröffnete Villmerger Bahnhof-Bäckerei samt Café, bevor er 1935 eine bereits bestehende Bäckerei an der Mitteldorfstrasse erwerben konnte. «Damals gab es im Dorf noch sieben Bäcker», weiss André Bättig aus Erzählungen. Als er selber in den 80er-Jahren in den Beruf einstieg, waren es noch drei. Heute gar nur noch zwei. «Für eine Gemeinde mit der Grösse von Villmergen ist das aber viel. Viele Gemeinden haben gar keine mehr. Und immer mehr Bäckereien müssen schliessen.»

Kundschaft verändert sich

1967, im Alter von 60 Jahren, übergab Roman Bättig senior das Geschäft an seinen Sohn Roman Bättig junior. Und der hielt es genau gleich wie sein Vater und machte 1993, ebenfalls mit 60 Jahren, Platz für seinen Sohn André. Seit über 30 Jahren führt dieser zusammen mit seiner Frau Pia das Unternehmen. «Es waren mehrheitlich gute Jahre. Wir hatten und haben viele Stammkunden, konnten auch viele Anlässe beliefern. Viele unserer Confiserie-Spezialitäten werden nach Rezepten hergestellt, die noch von meinem Grossvater stammen», sagt der jetzige Besitzer. Aber auch er selber hat viele neue Ideen eingebracht, schliesslich konnte er in jungen Jahren an verschiedenen Orten Erfahrungen sammeln. So beispielsweise beim berühmten Confiseurmeister Hans Gurini in Lenzburg. «Einmal meinte ein Kunde, unser Zitronentörtchen schmecke wie früher im Café Gurini. Er wusste ja nicht, dass es wirklich genau das gleiche Rezept war.»

In den letzten Jahren sei die Situation schwieriger geworden, stellt der Villmerger fest. Es werde heute deutlich weniger Brot gegessen. Die Jungen kaufen sich ein Gipfeli oder ein Sandwich, aber kein Pfünderli mehr. Immerhin, die süssen Leckereien sind noch immer sehr gefragt. André Bättig war stets der Meister in der Backstube, während Ehefrau Pia im Laden bediente. Die Aufteilung funktioniert super. Und weil die Bättigs oberhalb der Bäckerei wohnen, konnte immer jemand auf die Kinder aufpassen. Von denen möchte niemand das Familienunternehmen weiterführen. «Sie machen alle etwas anders, und das ist auch okay so», sagt der Vater ohne jeglichen Wehmut.

Dem US-Präsidenten ein Dessert serviert

Er selber hätte sich auch einen anderen Beruf vorstellen können. Goldschmied etwa hätte ihm gefallen. Letztlich aber zog es ihn ebenfalls in die Backstube. Wobei er in seinen jungen Jahren an etlichen Orten vielfältige Erfahrungen sammelte. So hatte er beispielsweise Saisonstellen im Skigebiet, arbeitete als Patissier in einem Nobelrestaurant oder war auch ein Jahr auf einem Kreuzfahrtschiff angestellt. «Es war das grösste Schiff, das es damals gab. Einmal fuhr der damalige US-Präsident Jimmy Carter mit. Ich kann also behaupten, dass ich dem amerikanischen Präsidenten ein Dessert serviert habe», erzählt Bättig. Auch wenn er ihn nicht persönlich getroffen hat.

Gewerbe soll zusammenstehen

Zudem engagierte er sich nicht nur in seinem Geschäft, sondern auch im Gewerbeverein. Seit vielen Jahren ist er im Vorstand für den Detailhandel verantwortlich, unter anderem auch für die Weihnachtsmärkli-Aktion, als es diese noch gab. «Wir sollten doch alle zusammenhalten», begründet er seine Motivation. Doch der Zusammenhalt beginnt zu bröckeln, stellt er fest. So wollte Bättig letztes Jahr eine Tischmesse organisieren. Erst waren alle begeistert, dann gab es aber kaum Anmeldungen, musste der Event gar abgesagt werden. «Das hat mich wirklich enttäuscht», gibt er zu. Das Gewerbe sollte sich doch der Öffentlichkeit präsentieren, wenn die Gelegenheit besteht. Und auf einer Tischmesse wäre dies unkompliziert möglich gewesen.

In Zukunft etwas länger liegen bleiben

Er selber freut sich auf die Zeit nach seiner beruflichen Tätigkeit. «Ich habe in all den Jahren 150 Prozent gegeben. Stehe fast jeden Tag um 3 Uhr auf. Einfach etwas länger im Bett bleiben, diese Aussicht ist verlockend», schmunzelt er. Und auch seine Hobbys will er vermehrt pflegen. In einer Garage steht ein alter Triumph Spitfire, der momentan nicht fahrtüchtig ist. Bättigs Ziel ist es, diesen mithilfe von Freunden wieder selber auf Vordermann zu bringen. Auch dem Modellfliegen will er sich vermehrt widmen. Vieles kam in den vergangenen Jahren zu kurz. Immerhin: Vorerst bleibt er noch im Vorstand des Gewerbevereins. Und das Desserbuffet für dessen GV wird er weiterhin zubereiten.

Sowieso: Auf besonderen Wunsch wird er seine Spezialitäten auch nach seiner Pensionierung zubereiten. «Aber nur in Ausnahmefällen», wie er betont. Vorerst aber gilt die ganze Energie der Suche nach einer Nachfolge für das Ladenlokal und das Café. «Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben», sagt er. «Wer interessiert ist, darf sich gerne melden», fügt er an.


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