Ein Held und viel Trauer
26.04.2019 FussballFussball, Aargauer Cup, Halbfinal: Sarmenstorf verliert gegen Mutschellen nach Verlängerung 0:2
Es war ein magischer Fussballabend auf dem Bühlmoos. 650 Zuschauer, bissige Sarmenstorfer und herrliche Cup-Stimmung im Freiämter Halbfinal-Duell. ...
Fussball, Aargauer Cup, Halbfinal: Sarmenstorf verliert gegen Mutschellen nach Verlängerung 0:2
Es war ein magischer Fussballabend auf dem Bühlmoos. 650 Zuschauer, bissige Sarmenstorfer und herrliche Cup-Stimmung im Freiämter Halbfinal-Duell. Doch weil die Sarmenstorfer das Tor nicht treffen, platzen die Finalträume. Der FC Mutschellen jubelt dank Doppeltorschütze Kevin Kempter.
Stefan Sprenger
Eine Stunde ist rum. Sarmenstorf drückt. Marco Steiner schlenzt den Ball an die Latte. Ein lang gezogenes «Neeeeiii» hallt über das Bühlmoos. Es wird aber gleich wieder still. Alle Köpfe sind Richtung Strafraum gerichtet. Der Ball springt zu Stürmer Raniero Schmidli. Mit dem Kopf drückt er den Ball an die Latte. Und wieder sind Hunderte Stimmen zu hören. «Neeeeiii». Der Ball will nicht rein an diesem Abend. Nach dem Lattenstreichler von Marco Stutz in der ersten Halbzeit ist dies der dritte Aluminiumtreffer der Sarmenstorfer.
Die Dubler-Brüder sind für einmal schlecht drauf
Nach den 120 Minuten stehen Markus und Denis Dubler auf dem Bühlmoos-Rasen. Für einmal haben die beiden Berufsoptimisten aus Wohlen nichts zu lachen. Sie lassen die Köpfe hängen. Die Enttäuschung bei den Brüdern ist riesig. «Wir hatten die Chancen, wir hätten nur ein Tor machen müssen, dann sähe es anders aus und wir wären jetzt am Feiern», sagt der 23-jährige Denis Dubler. Er blickt sehnsüchtig zum FC Mutschellen, wo der Champagner spritzt und der Finaleinzug bejubelt wird. Markus Dubler meint: «Wer die Tore vorne nicht macht, kriegt sie hinten. So ist Fussball. Wir haben aber unser Bestes gegeben und dürfen stolz sein. Wir haben gezeigt, dass der FC Sarmenstorf kein normales 3.-Liga-Team ist.»
Der Unterklassige ist im Duell gegen den 2.-Liga-Verein Mutschellen tonangebend. Von einem Klassenunterschied ist nichts zu sehen. Mit dem hochaggressiven Stil des Heimteams – das mit neun Eigengewächsen ins Spiel startet – kommen die Mutscheller nicht zurecht. Ihre Rolle ist passiv. Mutschellen spielt zwar diszipliniert und geduldig – doch geht keinerlei Risiko ein. Der Oberklassige hat keine gefährliche Aktion.
Und zwar genau 98 Minuten lang. Dann zieht der eingewechselte Kevin Kempter herrlich von der Strafraumgrenze ab. Mutschellens erste Chance im Spiel bringt die Führung. Kempter versenkt gnadenlos. Sarmenstorf rennt danach weiter an. Vergebens. In der 118. Minute ist es wieder Kempter, der nach einem Konter zum entscheidenden 2:0 trifft. Der Held des Spiels ist geboren.
Kempter: von der 4. Liga zum Cup-Helden
Wer ist dieser Kevin Kempter eigentlich? Er ist 23 Jahre jung und kommt aus Rudolfstetten. Er spielte im Nachwuchs des FC Mutschellen und wechselte dann in eine Zürcher Fussball-Academy. Später kickte er für Zürcher Fussballvereine wie Red Star oder Schwamendingen. Nach einer Pause spielte er 2016 plötzlich in der dritten (!) Mannschaft des FC Mutschellen in der 4. Liga. Dort fiel er mit seinen Fähigkeiten natürlich auf. Mutschellen-Trainer Sergio Colacino überzeugte ihn dann im letzten Sommer, in die erste Mannschaft zu wechseln. Und jetzt ist er im Cup-Derby der Edeljoker, der den FC Sarmenstorf im Alleingang abschiesst. Denn ausser Kempter war die Offensive der Mutscheller harmlos.
Sarmenstorf war besser, von einem Klassenunterschied war nichts zu sehen, aber dennoch fliegt das 3.-Liga-Team raus. Nico Stadelmann vom FC Mutschellen, der vor wenigen Jahren einige Saisons in Sarmenstorf spielte, hatte fast Mitleid mit seinen früheren Teamkollegen. «Für uns ist dieses Spiel sehr glücklich verlaufen. Sarmenstorf machte mehr für die Partie. Wenn wir verlieren, dürfen wir nicht reklamieren.» Die Mutscheller gewinnen aber und ziehen erstmals in der Vereinsgeschichte in einen Cup-Final ein. Der FC Mutschellen spielt (gegen Lenzburg oder Othmarsingen) den Final am 30. Mai um den Aargauer-Cup-Sieg 2019. Sie haben sich den Erfolg mit Geduld und Disziplin verdient. Es war – wie man so unschön sagt – resultatorientierter Fussball. Im Cup zählt schliesslich nur das Weiterkommen.
Markus Wyss: «Wir waren besser als Mutschellen»
Während die Mutscheller euphorisch und lachend über den Bühlmoos-Rasen hüpfen, ziehen die Sarmenstorfer klatschend zur Ehrenrunde zu den Fans. Die Unterstützung des ganzen Dorfes war riesig. «Wir waren besser als Mutschellen. Doch irgendwie können wir uns trotzdem nichts vorwerfen. Wir hätten halt einfach ein Tor schiessen sollen», sagt Sarmenstorf-Verteidiger Markus Wyss. Ein Tor gelingt aber nicht. So bleibt die Erkenntnis, dass «so einen Match zu spielen schon riesig geil ist», wie Wyss sagt.
Die Sarmenstorfer wollen mehr solcher Spiele vor grosser Kulisse. Sie träumen in der 3.-Liga-Meisterschaft von den Barragespielen. Zwei Punkte Rückstand hat man auf den 2. Rang. Und wenn man so spielt wie gegen den FC Mutschellen, so sind die Bühlmoos-Kicker heisse Anwärter.
«Am Ende fehlte das Glück»
Die beiden Trainer zum Cup-Spiel
Am Ende sind beide Sieger: Sergio Colacino feiert mit seinem FC Mutschellen den Finaleinzug und Sarmenstorfs Christoph Illi weiss nun noch mehr, wozu sein Team fähig ist.
Für beide Teams war der Halbfinal im Aargauer Cup eine neue Erfahrung. Dementsprechend war zu Beginn auch Anspannung zu spüren. «In der Offensive haben wir deshalb wohl nicht viel kreiert», sagt Mutschellen-Trainer Sergio Colacino. Doch man sei in der Abwehr sehr sicher gestanden und habe konzentriert und geduldig gespielt. «Das hat sich ausbezahlt», sagt Colacino. Der Wohler, der früher in der Super League kickte, spricht dem Gegner höchsten Respekt aus: «Sarmenstorf war geladen, wenn sie ein Tor machen, dann wird es für uns ganz schwierig. Sie hätten den Sieg ebenfalls verdient.» Doch sein Team gewinnt 2:0. Auch durch das glückliche Händchen von Trainer Colacino. Denn er wechselt Kevin Kempter in der Verlängerung ein, der dann mit zwei Toren die Partie entscheidet. «Hauptsache, weiter», so Colacino.
«Tolle Erfahrung»
Sein Gegenüber Christoph Illi kann seinem Team keinen Vorwurf machen. Den Matchplan habe man umgesetzt. «Auch wenn wir etwas überrascht waren von der Passivität des Gegners», so Illi. «Am Ende fehlte das Quäntchen Glück. Aber das braucht es eben um solche Spiele zu gewinnen.» Sarmenstorf trifft dreimal die Latte, Mutschellen mit der ersten Chance gleich das Tor. «Danach fehlte uns auch ein wenig die Energie», so Illi. «Kopf hoch, weiter gehts. Diese Pleite müssen wir akzeptieren.» Der Fokus gilt wieder voll der Meisterschaft.
«Diese besondere Partie war eine tolle Erfahrung. Wir wissen jetzt noch besser, was möglich ist. Wir wissen, wie begeisterungsfähig die Sarmenstorfer und alle Anhänger sind. Dies wird uns in Zukunft helfen. Die Mannschaft ist jung und wird an solchen Abenden wachsen.» --spr




