Lange Verborgenes sichtbar machen
30.04.2024 MuriDas Kloster Muri wird im Sinne der Ausstellung «Venus von Muri» bis zum 3. November zum Zentrum der Frau
60 Kunstschaffende aus der ganzen Schweiz haben mit ihren Werken die «Venus von Muri» eingefangen – und damit der Frau einen ...
Das Kloster Muri wird im Sinne der Ausstellung «Venus von Muri» bis zum 3. November zum Zentrum der Frau
60 Kunstschaffende aus der ganzen Schweiz haben mit ihren Werken die «Venus von Muri» eingefangen – und damit der Frau einen Platz in der hiesigen Geschichte und Gegenwart eingeräumt. Kuratiert wird das aussergewöhnliche Kunstprojekt von Brigitt Bürgi und Peter Fischer.
Celeste Blanc
«Wie schön, dass du gekommen bist.» Die Luzerner Künstlerinnen Elda und Pat Treyer strahlen über das ganze Gesicht, als ihnen Maria Strebel vor der Klosterkirche entgegenkommt. Sie schliessen die 83-jährige Buttwilerin liebevoll in den Arm. Sie, welche die beiden Schwestern als junges Mädchen viele Jahre gehütet, getröstet und mit ihnen gelacht hat. Die ihnen das Lied «Ich han im Traum es Schwälbli gseh» beibrachte. Die ihnen in guten und weniger guten Zeiten zur Seite stand. Von dieser Zeit inspiriert, haben die Künstlerinnen ihre ganz persönliche Murianer Venus in verschiedenen Werken und einer Installationen geehrt. So waren bei der Eröffnung der Vernissage über den ganzen Platz scheinbar Hunderte von Schwalben zu hören, deren Gezwitscher an Musik erinnerte.
Es sind unter anderem Geschichten wie jene von Maria Strebel, die im aktuellen Kunstprojekt von Murikultur einen Platz finden und erzählt werden sollen. Es ist den Frauen gewidmet, die im Alltag über so viele Jahre übersehen wurden, deren Leistung nicht anerkannt oder absichtlich verborgen wurde. Nun stehen sie im Zentrum bis Anfang November. «Jeder von uns kennt eine Venus – sei es die Mutter, die Schwester, die Freundin. Ohne Venus geht es nicht», meint Kurator Peter Fischer bei der grossen Eröffnung.
Noch ein langer Weg steht bevor
Die gut besuchte Klosterkirche zeugte davon, dass die Ausstellung auf grosses Interesse stösst. «Die Kunst vom Sockel nehmen und sie allen zugänglich machen», nannte es Brigitt Bürgi im Vorfeld an die Vernissage. «Damit soll eine Brücke geschlagen werden. Denn Kunst ist nichts Elitäres.»
An der Vernissage anwesend war auch Alt-Bundesrätin Doris Leuthard. Für sie ein mutiges Projekt, wie sie erklärt. Denn Frauen seien in Muri, im Freiamt, in der ganzen Schweiz nicht immer glanzvoll und prominent gehalten worden. «Das Wirken und der Einfluss der Frauen wurden oft kleingeredet», so Leuthard. Beispiele aus der Geschichte gebe es dafür zuhauf: Wenn sich Frauen auflehnten, wurden sie unterdrückt, später verfolgte man sie bei den Jahrhunderte anhaltenden Hexenverbrennung. «Doch um die Ungerechtigkeit zu sehen, müssen wir nicht viel weiter zurück. Auch wenn es viele junge Frauen nicht glauben», so Leuthard weiter. Erst 1971 wurde das Frauenstimmrecht beschlossen, bis 1988 das Ehegesetz revidiert wurde, waren Frauen innerhalb der Ehe finanziell und geschäftlich bevormundet. Leuthard ist überzeugt: «Die Geschichte der Frauen, sie ist noch lang nicht fertig. Denn auch der Weg zur definitiven Gleichberechtigung zieht sich noch hin. Vielleicht auch gerade deshalb ist es nun an der Zeit, dass man sich mit der Frau innerhalb der Gesellschaft, aber auch der Klostergeschichte, auseinandersetzt, um ihr den nötigen Platz einzuräumen.»
Bilder und Vorstellungen sollen aufgebrochen werden
Zeit für einen Wandel, hinter dieser Idee steckt auch das Kunstprojekt «Venus von Muri». Seit 25 Jahren spannt das Kuratoren-Team Brigitt Bürgi und Peter Fischer für grosse thematische Kunstausstellungen zusammen, zuletzt 2015 für die viel beachtete Ausstellung «About Trees» im Zentrum Paul Klee in Bern. Dass man nun hier in Muri tätig sein darf, sei eine grosse Ehre, so die beiden.
Das Projekt ging ursprünglich aus dem Schaffen von Brigitt Bürgi hervor. Die Venus, sie sei ein Prinzip, das für das Frau-Sein in all ihren Facetten steht, vielseitig ist, als grossräumiger Interpretationsspielraum dient, der durch gesellschaftliche Normen oftmals auch übergangen wird. Deshalb soll das Projekt einen unvoreingenommenen Blick auf die «Venus» ermöglichen, sie in neue Ideen aufbrechen, sie personalisieren, aber auch dekonstruieren. So wie die Künstlerin Pearlie Fischer, die in der vermeintlichen Schönheit der Venus auch etwas Monströses findet. Sie stellt die Geburt der Venus aus dem Ei filmisch dar, in Sequenzen, die an einem grauen und nassen Februarmorgen in der Badi Muri aufgenommen wurden und in Dauerschleife im Kabinett des Singisenforums laufen.
Doch nicht nur die Venus als Kunstobjekt, sie ist auch Gegenstand der Geschichtsschreibung, oftmals unbekannte Präsenz in der Geschichte. «Auch deshalb steht das 997. Bestehensjahr des Klosters Muri im Zeichen der Frau, die in der Geschichtsschreibung so wenig Platz erhalten hat», so Heidi Holdener von Muri Kultur.
Das Unverhältnis in der Geschichtsschreibung wird eindrücklich im Äbtekeller verdeutlicht: Ein Raum, der bisher ausschliesslich den grossen Errungenschaften der Murianer Äbte gewidmet war, verdeutlicht nun mit einer aussagestarken Installationen diesen Missstand: Die Murianerin Michaela Allemann richtet den Blick auf das Leben und Wirken der weiblichen Nonnen, die seit 1082 im Kloster Muri lebten und 100 Jahre später nach Hermetschwil gingen. 49 aufgetürmte pinke Bücher symbolisieren dabei die Fülle des Lebens und Wirkens der 49 Meisterinnen und Äbtissinen des Klosters Hermetschwil von 1200 bis heute.
Wichtiger Teil des Ganzen
Dem Grundgedanken des Projekts gleich greift die aktuelle Ausstellung somit weit über den Singisenflügel hinaus. Die Werke sind im ganzen Kloster verteilt. Sie sind im Museum medizinhistorischer Bücher sowie im Museum Caspar Wolf zu sehen, schliessen die Klosterwiese in eine öffentliche Installation ein und greifen über in den geistlichen Teil des Klosters, wo sie im Äbtekeller und im Kreuzgang zu sehen sind. «Die Frau, sie war und ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Damit wird dies verdeutlicht», meint Robert Häfner, Präsident des Stiftungsrates.
Und ebenfalls im Sinne der Gleichberechtigung sind es nicht nur Künstlerinnen, sondern auch Künstler, die ihre Werke zur Frau präsentieren. «Die Ausstellung ist ein Plädoyer dafür, dass Grosses bewirkt werden kann, wenn nicht gegeneinander, sondern gemeinsam an etwas arbeitet wird», meint Brigitt Bürgi. Und auch die Bevölkerung ist zur Teilnahme eingeladen: So kann man bei «Ich, Venus / Du, Venus» mit einem Schnappschuss eines der vielen Gesichter der «Venus von Muri» werden. Der Fotokasten ist im Foyer des 1. Obergeschosses zu finden.
Veranstaltungen zur Ausstellung
Die Ausstellung «Venus von Muri» gliedert sich in zwei Teile. Die erste Staffel der Kunstobjekte wird noch bis zum 28. Juli zu sehen sein. Die Staffel zwei feiert am Samstag, 10. August, Vernissage und ist bis 3. November zu sehen.
Rund um die Ausstellung ist ein vielfältiges Rahmenprogramm geplant. Jeweils am Sonntag von 14 bis 15.30 Uhr sind Begegnungen mit den Kunstschaffenden möglich, die durch die Ausstellung führen. Zudem gibt es am ersten Mittwoch des Monats von 12.15 bis 13.30 Uhr einen Kunst-Lunch.
Am Sonntag, 26. Mai, wird am internationalen Museumstag eine kombinierte Fokusführung durch das Museum für medizinhistorische Bücher, das Museum Kloster Muri und das Museum Caspar Wolf durch Beatrice Green, Michaela Allemann und Peter Fischer gehalten. Am Samstag, 15. Juni, gibt es eine Klosterführung «mal anders». Dann nämlich zeigt Künstlerin Michaela Allemann auf, wie die Frau in der Geschichte des Klosters gewirkt hat.
Damit verbunden findet am Sonntag, 23. Juni, ab 14 Uhr der «Venus-Frauentag» statt, der im Klosterhof gefeiert wird. An diesem Tag wird die Geburt der Venus von Pearlie Fischer und Tänzerin Elisa Bruder live aufgeführt, zudem ist es ab 15.30 Uhr möglich, seine eigene Venusfigur zu modellieren mit Keramikerin Veronika Müller. Zudem wird – im ganzen Ausstellungszeitraum – Kunst vor Ort gemacht. Dabei fotografiert Modedesignerin Karola Keusch die Kleider von Besuchenden für die «Garderobe der Venus». Im Anschluss findet ein ökumenischer Gottesdienst in der Klosterkirche statt. Mit Jessica Zemp, katholische Pfarreiseelsorgerin, und Brigitta Josef, reformierte Pfarrerin, wird dieser im Zeichen der «Venus» stattfinden.