Kindern Wurzeln geben

Fr, 19. Nov. 2021
«Wir haben uns gegenseitig vertraut, keinen Druck gemacht und waren immer überzeugt, das kommt gut»: Journalist Stefan Sprenger und Karikaturistin Esther Sorg haben anderthalb Jahre am «Chnorrlimorrli» gearbeitet. Bilder: Alex Wagner / zg

Chnorrlimorrli: Modernes Märchen aus dem Freiamt und für das Freiamt

Esther «Etschgi» Sorg und Stefan Sprenger haben gemeinsam ein Kinderbuch kreiert. Am 1. Dezember erfolgt die Taufe.

Chregi Hansen

Aufmerksamen Lesern werden die beiden Namen bekannt vorkommen. Esther Sorg kommentiert unter ihrem Pseudonym Etschgi mit spitzer Feder und feinen Karikaturen das Geschehen. Stefan Sprenger arbeitet schon seit vielen Jahren als Journalist bei dieser Zeitung und berichtet hauptsächlich und kompetent von den Sportplätzen der Region.

Und es gibt weitere Gemeinsamkeiten. Die Sarmenstorferin Sorg ist auf dem Villmerger Bullenberg aufgewachsen. Da also, wo der Wohler Sprenger heute mit seiner Familie lebt. Und beide haben ein Herz für Kinder. Er ist Vater einer Tochter, sie Mutter von zwei Kindern. Beide lieben sie das Freiamt. Und schenken der Region jetzt etwas ganz Besonderes: den Chnorrlimorrli.

Das Halb-Monster mit Füssen so gross wie Skateboards ist der Held des gleichnamigen Kinderbuchs, das die beiden kreiert haben. Ihr Held ist «ein wenig chnorrlig und ein wenig morrlig», so wie Freiämter eben sind. Und im Freiamt spielen auch seine Abenteuer. «Wir wollen den Kindern die Schönheiten und Besonderheiten der Region näherbringen», erklärt der Autor. Dazu gehören Orte wie das Strohmuseum, die Bremgarter Welle, der Hasenberg oder das Kloster Muri. Aber auch Traditionen wie das Schwingen oder alte Ausdrücke wie «spienzle» oder «Dügeli». Damit sollen die Kinder Wurzeln erhalten in der Gegend, in der sie leben. Gleichzeitig soll ihnen Chnorrlimorrlis Geschichte Flügel wachsen lassen, um selber Abenteuer zu erleben.


Weil das Schöne liegt so nah

Esther «Etschgi» Sorg und Stefan Sprenger veröffentlichen zusammen ein Kinderbuch

Ein Sportjournalist und eine Karikaturistin haben sich zusammengetan, um den Kindern aus dem Freiamt ihre Heimat und ihre Sprache näherzubringen. Und haben dabei mit «Chnorrlimorrli» einen Helden erschaffen, den man einfach lieben muss.

Chregi Hansen

Sie erinnert sich noch genau. An einem Sonntagnachmittag erhielt sie eine Nachricht: «Hoi Etschgi. Komm, wir machen ein Kinderbuch!» Die Nummer war ihr nicht bekannt. «Aber ich ahnte schon, wer dahinter steckt», lacht Esther Sorg, Karikaturistin bei dieser Zeitung. Sie sei dann erst einmal losgelaufen durch den Wald und habe nachgedacht. «Die Idee hat mir aber sofort gefallen», sagt die Sarmenstorferin.

Absender der Nachricht war Stefan Sprenger, Sportjournalist auf der Redaktion dieser Zeitung. Und Vater einer Tochter. «Seit der Geburt von Lila habe ich vermehrt Kinderbücher angeschaut. Und ganz ehrlich: Ich bin enttäuscht von dem, was angeboten wird.» Und so entstand der Wunsch, einen eigenen Versuch zu wagen. «Als ich zufällig durch Sarmenstorf fuhr, kam mir spontan Etschgi in den Sinn. Und ich wusste sofort: Mit ihr zusammen klappt das», schaut Sprenger zurück, der in Wohlen aufwuchs und heute in Villmergen wohnt.

Einfach mal losgelegt

Anderthalb Jahre ist es her seit der ersten Kontaktaufnahme. Nun nähern sich die beiden mit grossen Schritten ihrem Ziel. Am 1. Dezember erscheint ihr Erstlingswerk «Chnorrlimorrli». Ein Buch mit vielen spannenden Geschichten und vielen farbigen Illustrationen. Zum Vorlesen für kleine und zum Selberlesen für grössere Kinder. «Es ist ein komisches Gefühl, jetzt das fertige Buch in den Händen zu halten. Eigentlich sind wir ganz ohne Konzept gestartet und wussten nicht genau, worauf es hinausläuft. Rückblickend eigentlich ein Blödsinn», grinst Sorg. «Es gab auch schwierige Momente in dieser Zeit», gibt Sprenger zu. Und: «Ich habe es mir zu Beginn sicher viel einfacher vorgestellt.»

Am Anfang war da nur eine Idee. «Ich wollte eine Geschichte, die hier im Freiamt spielt. An Orten, die es wirklich gibt. Mit Dingen, die zum Freiamt gehören, wie zum Beispiel der Mohrenkopf oder die Ringer und Schwinger», erklärt Sprenger. Ein Kinderbuch aus dem Freiamt für Kinder im Freiamt. Eine Erzählung, die den Lesern und Zuhörern die Orte näherbringt und alte Wörter und Werte vermittelt. Denn die Region biete so viel Wunderbares. «Gerade in Zeiten der Pandemie haben viele die Schönheiten der eigenen Umgebung neu entdeckt. Statt in die Ferien zu fahren, haben sie die freien Tage hier verbracht», führt der Autor weiter aus. Dank der Arbeit hat er selber auch Neues entdeckt, etwa den Heidenhübelstein in Sarmenstorf – ein Tipp, den er von Kollegin Sorg erhalten hat. «Für mich einer der schönsten Orte. Fast schon magisch. Ich bin sehr gern und sehr oft hier», sagt sie dazu.

Geburt im Kerzenlicht

Sie war es, welche die Hauptfigur erfand. In einer einsamen Berghütte und bei Kerzenschein entwarf sie das erste Bild. Den Chnorrlimorrli. Ein herziges kleines Halb-Monster, das kaum je das eigene Dorf verlassen hat und nun in sein grosses Abenteuer startet. Nicht besonders schön, nicht besonders intelligent, dafür sehr ängstlich. Und dennoch ein sympathischer Held. «So, wie die Freiämter eben sind. Etwas mürrisch und abweisend auf den ersten Blick, aber dennoch herzensgute Menschen», schmunzelt die Illustratorin. Die Figur war zuerst da. Sie entstand, als noch gar nicht klar war, wie die Geschichte aussehen wird. Sorg und Sprenger, sie liessen einander viele Freiheiten im Projekt. «Ich wollte ihr nicht vorschreiben, was sie zeichnen muss», berichtet der Autor. Man habe sich nie unter Druck gesetzt, dafür kreativ beeinflusst. «Wir hatten immer das Vertrauen: Das kommt schon gut», ergänzt die Illustratorin.

Der Villmerger Bullenberg ist Heimat

Wo dieser Chnorrlimorli leben soll, das war schnell klar. Auf dem Bullenberg in Villmergen. Hier ist Esther Sorg aufgewachsen, bevor sie nach Sarmenstorf gezogen ist. Hier lebt Stefan Sprenger heute, nachdem er von Wohlen weggezogen ist. «Der Bullenberg ist für uns beide Heimat», sagt Sorg. Und von hier aus entdeckt das kleine Halb-Monster mit der zotteligen Frisur und den riesigen Füssen das Freiamt. Den Hasenberg. Das Strohmuseum. Das Kloster in Muri oder die Welle in Bremgarten. Vor dem Schreiben hat Sprenger all diese Orte mit seiner Tochter besucht. «Mir wurde einmal mehr bewusst, in welch schöner Gegend wir leben.» Und auch Sorg hat sich auf den Weg gemacht. Und von überall Skizzen mit nach Hause gebracht für ihre Bilder.

«Zuerst hatten wir also die Figur, dann die Orte. Jetzt musste ich diese beiden Dinge nur noch mit meinem Text zusammenbringen», erzählt Sprenger. Und wird nachdenklich. Denn ganz so einfach war es nicht – das Schreiben entwickelte sich zur harten Arbeit. «Als Journalist bin ich mir gewohnt zu schreiben. Aber meine Texte für die Zeitung basieren auf Fakten und Erlebnisse. Jetzt musste ich auf einmal frei erfinden, das war neu für mich», gesteht er.

Viel gelernt dabei

Manchmal sei er in einen Flow geraten, da konnte er die halbe Nacht durchschreiben. Dann wieder war es ein zähes Ringen um jeden Satz. Kommt dazu, dass der Chnorrlimorrli als Ur-Freiämter wie ein Ur-Freiämter reden soll. «Wir möchten mit der Geschichte den Kindern auch die alten Ausdrücke mitgeben», so Sprenger. Etwa Schasse für Fensterladen. Oder görpse, böögge und föhne für Rülpsen, In-der-Nase-Bohren und Furzen. «Auch wenn man sonst nichts mitnimmt aus der Geschichte, so lernt man wenigstens, auf anständige Art zu fluchen», grinst Sorg.

Aber auch für die Illustratorin war die Arbeit etwas ganz Neues. «Bisher hatte ich immer von Hand gezeichnet, Für dieses Projekt musste ich erst einmal technisch aufrüsten», erzählt sie. Heute staunt sie, was digital alles möglich ist. «Ich möchte das nicht mehr missen.» Und sie ist stolz auf die vielen versteckten Details in ihren Bildern. Etwa den Muni in den Schwingerhosen. Normalerweise ist der Muni der Preis für den Sieger. Hier tritt er selber an. «Selbst für Erwachsene ist das Buch spannend», ist sie überzeugt.

Das letzte halbe Jahr war für die beiden Kreativköpfe besonders intensiv. «Mit der Geschichte und den Bildern allein ist es ja nicht gemacht. Wir mussten uns auch um den Druck, die Veröffentlichung und den späteren Verkauf kümmern», erklären sie, die dafür extra einen Verein gegründet haben. Umso glücklicher sind sie über die grosse Unterstützung, welche sie erfahren haben. «Egal, wo wir unsere Idee vorgestellt haben, wir haben überall offene Türen eingerannt», sagt Sorg gerührt. Speziell zu erwähnen sind dabei Myrta Lüthi (Korrektorat) Melanie Kottler (Layout) und die Frau von Stefan Sprenger, Manuela Frabetti (Administration).

Geschichten sollen zu Ausflügen anregen

Ein Kinderbuch aus dem Freiamt und für das Freiamt, die Idee hat die Menschen im Freiamt begeistert. Von Sarmenstorf bis zum Mutschellen. Von Wohlen bis Sins. «Ich denke, wir sind zu richtigen Zeit mit der richtigen Idee unterwegs», so Sprengers Eindruck. «In diesen nicht ganz einfachen Zeiten tut etwas Herzlichkeit gut. Die Menschen suchen vermehrt nach Wurzeln. Beides finden sie in unserem Buch.» Sie hoffen, dass viele Eltern und Grosseltern mit den Kleinen die Geschichte erleben und danach die Schauplätze der Abenteuer besuchen. «Das Buch soll dazu anregen, die eigene Region zu entdecken», fasst Sprenger die Idee zusammen. Die ersten Testleser, Kinder in ganz verschiedenen Altersgruppen, waren jedenfalls begeistert. «Der Enkel unserer Korrektorin fand, es sei das beste Buch, das er je gelesen habe», berichtet Sprenger mit grossem Stolz.

Ideales Weihnachtsgeschenk

Autor und Illustratorin sprechen von einer intensiven und lehrreichen Zeit. Sie sind stolz auf ihr Werk. Und gespannt auf die Reaktionen. «Ich bin extrem nervös, aber auf eine positive Art», gibt Esther Sorg zu. Und: Eine Fortsetzung ist nicht ausgeschlossen. «Es gibt noch viele schöne Orte zu entdecken. Und wer weiss, vielleicht traut sich der Chnorrlimorrli auch mal aus dem Freiamt heraus», meint der Autor mit vielsagendem Blick. Vorerst geht es für den kleinen Helden aber ins Strohmuseum – dort findet die Buchvernissage statt. Und dann in ganz viele Läden in der Region, die sich bereit erklärt haben, das Werk zu verkaufen. Natürlich seien sie nicht neutral, geben die beiden zu. «Aber das Buch ist ein hervorragendes Weihnachtsgeschenk», erklären sie zum Schluss.

«Chnorrlimorrli», eine Geschichte von Stefan Sprenger mit Illustrationen von Esther «Etschgi» Sorg. Erhältlich am Christchindli-Märt in Bremgarten am Stand der Bijouterie am Bogen und in ausgewählten Läden der Region. Infos: www.chnorrlimorrli.ch.

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