Der lange Weg der Rückkehr
27.08.2021 FussballKolumne des Wohlers Marco Thaler, Proofussballer beim FC Aarau
Erwartungen und Ziele scheinen im Leben eng miteinander verbunden zu sein, sind jedoch separat gesehen in meinen Augen zwei völlig verschiedene Grundhaltungen. Ich liebe es, mir Ziele zu setzen und sie aktiv zu erreichen. ...
Kolumne des Wohlers Marco Thaler, Proofussballer beim FC Aarau
Erwartungen und Ziele scheinen im Leben eng miteinander verbunden zu sein, sind jedoch separat gesehen in meinen Augen zwei völlig verschiedene Grundhaltungen. Ich liebe es, mir Ziele zu setzen und sie aktiv zu erreichen. Ich fühle mich dadurch gut und es erfüllt mich mit Stolz, ein neues Ziel erfolgreich abgeschlossen zu haben. Erwartungen hingegen empfinde ich als gefährlich. Die Erwartung ist gemäss Duden ein Zustand des Wartens, eine Spannung. Eine passive Haltung, welche bei zu hoher Erwartung ein negatives Gefühl, eine Enttäuschung, in einem auslösen kann. Ich kann Enttäuschungen nicht leiden, ich bin ein ganz schlechter Verlierer und es belastet meinen Gemütszustand. Gerade in der aktuellen Pandemiezeit, wo zum Beispiel viele Hobbys durch die Restriktionen nicht ausführbar waren, wissen wir alle, wie wichtig die Psyche (psychische Gesundheit) ist.
Ich blicke zurück auf den 28. Februar 2020. Einige Stunden vor Anpfiff wurde das Spiel egen en rasshopper Club Zürich abgesagt. Anfangs hielten wir Spieler es für einen schlechten Scherz, hatten wir von diesem Virus doch viel zu wenig gehört. Zwei Wochen später geht die Schweiz in den Lockdown, wir Fussballspieler werden schliesslich für mehr als zwei Monate allein trainieren müssen. Was andere Mitspieler nur als ätzend empfanden, sah ich als einmalige Chance. Von dieser Periode erwartete ich, dass ich meine Fitness nochmals steigern kann, damit ich die ausstehenden 13 Partien als Teamleader zu dominieren vermag und mit dem FC Aarau die Tabelle hochklettere. Da die passive Erwartungshaltung nicht reicht, habe ich mir einige Zwischenziele gesetzt und hart dafür trainiert. Als wir Ende Mai wieder den Trainingsbetrieb aufnahmen, standen am zweiten Tag physische Tests an. Ich konnte abliefern, war einer der Fittesten, fühlte mich hervorragend und freute mich auf den Saisonfinal.
Einige Tage später wurde ich heftig gefoult, brach das Training ab und liess mich lange vom Physiotherapeuten behandeln. Wir beide hatten die Erwartung nach unzähligen erfolgreich absolvierten Tests, dass die Verletzung nicht schlimm sein kann. Vielleicht sogar nur ein Schlag aufs Knie, welches nach einem Tag wieder besser sein wird.
Mit dieser Erwartungshaltung ging ich schlafen, wachte um zwei Uhr wegen Schmerzen auf und wusste, etwas in meinem Knie muss kaputt sein, ansonsten wäre es nicht so geschwollen. Am folgenden Tag besuchte ich den Arzt, der meinte, eine schlimme Verletzung sei unwahrscheinlich, da ich mich problemlos bewegte. Folglich schickte er mich ins MRT, ich erwartete weiterhin nichts Schlimmes. Später informierte mich der Arzt über den erlittenen Kreuzbandriss. Eine Operation ist nötig und die Ausfalldauer wird mindestens neun Monate betragen. Meine vierte grosse Verletzung, nach zwei Fussbrüchen der zweite Kreuzbandriss.
Eine Welt brach für mich zusammen, ich war in diesem Moment ohne Ziel, hatte keine Erwartungen mehr und war einfach nur leer. Meine Familie und Freunde haben mich in dieser schwierigen Phase aufgefangen und aufgerichtet. Sie redeten mir gut zu und hielten mir vor Augen, wie schnell ich mich nach dem ersten Kreuzbandriss erholt habe. Dies heizte meine Erwartungen an. «Ich wollte wieder zurück, es wird schon gut kommen, ich habe es schliesslich auch schon einmal geschafft.» Dabei habe ich Dinge ignoriert wie die Tatsache, dass in meinem Knie ziemlich viel mehr kaputt gegangen ist als beim letzten Mal, dass die Operationstechnik anspruchsvoller und der Auf bau dadurch aufwendiger ist. Zudem verspürte ich einen Druck, ausgelöst durch meine Mitmenschen, dass sie nichts anderes erwarten, als dass ich auch diese Verletzung meistern werde. Vier durchzogene Monate später wollte ich das erste Mal rennen gehen. In der Erwartung, dass es letztes Mal zu diesem Zeitpunkt wunderbar geklappt hat. Meine Erwartung war jedoch nicht realistisch, ich habe zu viel gehofft und mich zu wenig auf klare Zwischenziele fokussiert. Dadurch hatte ich immer wieder Motivationsprobleme, weil ich unzufrieden war mit der Reha. Ich liess mich von der eigenen Erwartungshaltung blenden und konnte keine realistischen Ziele setzen.
Dieser Fehler unterlief mir immer wieder in der Rehaphase. Ich erwartete mehr von meinem Körper, als er überhaupt leisten konnte. Dadurch musste ich ungeplante Pausen einlegen, war frustriert und nicht im Einklang mit meinem Körper. Als ich dann endlich auf den Platz zurückkehren konnte, freuten sich alle. Mit der Freude kamen auch die Erwartungen, so weiterzumachen, als hätte es keine Pause gegeben. Eine Wunschvorstellung.
Nach einigen schlechten Trainings war ich frustriert darüber, dass doch nicht alles so funktioniert, wie ich es möchte. Dann setzte ich mich mit Trainern, Physiotherapeuten und dem Arzt zusammen und realisierte, dass ich nach einem Jahr Fussballpause noch nicht so weit bin, wie ich es erwartet habe. Eine sehr wichtige Erkenntnis, aufgrund welcher ich einen neuen Zeitplan mit Zielen erarbeite, mich von Erwartungen löse und auf die harte Trainingsarbeit fokussiere.
Seit der Erstellung des Plans erziele ich jede Woche Fortschritte und bin nun wieder ziemlich nahe am Team, sodass ich vor wenigen Tagen auch mein Pflichtspiel-Comeback in der ersten Cuprunde gegen einen 4.-Ligisten feiern durfte. Keine Wahnsinnsleistung, aber ein erster Schritt, ein erstes Ziel. Ich lasse mir jetzt keinen Druck machen durch Erwartungen. Das führt bei mir zu mehr Zufriedenheit, ich bin ausgeglichener und glücklicher.
Somit wünsche ich allen Freiämter Sportlern eine möglichst verletzungsfreie Saison. Den Freiämter Fussballvereinen, dass sie ihre Ziele möglichst gut erreichen, sie hart dafür arbeiten und sich nicht nur auf ihre Erwartungen verlassen, sodass sie eine tolle Saison mit unvergesslichen Emotionen und lautstarken Zuschauern erleben. Ich würde es uns allen gönnen, wenn wir den «normalen» Fussball, welchen wir in unseren Herzen haben, in dieser Saison wieder geniessen könnten.
Im Speziellen drücke ich dem FC Wohlen die Daumen, insbesondere meinem Zwillingsbruder Luca und meinem guten Freund Davide Giampà. Ich hoffe, sie bringen das grosse Potenzial auf den Platz und können um den Aufstieg mitspielen. Wahrscheinlich trifft man mich auch einige Male bei Spielen des FC Sarmenstorf, wo mit Fabian Burkard ein enger Fussballfreund von mir spielt – und wo ich weitere Freiämter Fussballlegenden kenne. Die einen haben viel für den Freiämter Fussball geleistet, die anderen sind in der dritten Halbzeit unschlagbar. Zudem freue ich mich auf die Sportanlage Badmatte des FC Villmergen, auf dessen 100-Jahr-Jubiläum und auf feinste «Sunday League», wenn die zweite Mannschaft mit meinem kleinen Bruder Matteo spielt. Abschliessend grüsse ich meinen Lieblingsjournalisten Stefan Sprenger. Danke für die Anfrage für diese Kolumne – das nächste Comella geht auf dich.
Marco Thaler ist 27 Jahre alt, kommt aus Wohlen und lebt heute mit seiner langjährigen Freundin in Aarau. Sein Zwillingsbruder Luca spielt im Tor des FC Wohlen. Nach seiner Juniorenzeit beim FC Wohlen kam Thaler über das Team Aargau zum FC Baden. Seit 2014 ist er Profifussballer beim FC Aarau. Der Innenverteidiger erlitt in den letzten fünf Jahren einen Fussbruch und zwei Kreuzbandrisse. Thaler spielte bislang 90 Partien in der Challenge League und 25 in der Super League. Er absolviert ein Wirtschaftsstudium. Er mag kein Bier und bezeichnet Comella als sein Lieblingsgetränk.



