Sozial und ökologisch
28.08.2020 KelleramtRegionalgruppe Kelleramt-Bremgarten von «Aufgetischt statt weggeworfen» ist gestartet
Täglich müssen Läden Lebensmittel wegwerfen, weil das Ablaufdatum erreicht ist und sie nicht mehr verkauft werden dürfen. In Oberlunkhofen begann nun die ...
Regionalgruppe Kelleramt-Bremgarten von «Aufgetischt statt weggeworfen» ist gestartet
Täglich müssen Läden Lebensmittel wegwerfen, weil das Ablaufdatum erreicht ist und sie nicht mehr verkauft werden dürfen. In Oberlunkhofen begann nun die Regionalgruppe von «Aufgetischt statt weggeworfen», solche Lebensmittel an Hilfsbedürftige gratis abzugeben.
Roger Wetli
Beim Schulhaus in Oberlunkhofen sind an einem Dienstagabend zwei Tische komplett belegt mit Lebensmitteln. In einer Ecke warten geduldig etwa zehn Personen. Die Reihenfolge des Bezugs wird mit nummerierten Pinp-Pong-Bällen ausgelost. An den Tischen tragen alle Gesichtsmasken. Zur Verfügung stehen heute viel Gemüse, Früchte, Fleisch, Käse, aber auch Süsses. Mehrmals wird gefragt, ob es sich bei den tierischen Produkten um Schweinefleisch handelt. Der Bezug erfolgt sehr ruhig und gesittet.
«Wir sind sehr froh, dass wir hier Lebensmittel abholen können. Das entlastet die Haushaltskasse sehr», erklärt eine Frau, die anonym bleiben möchte. Die Bezüger stammen aus dem ganzen Kelleramt.
Zwei Standorte
Die Lebensmittel haben die Bremgarter Geschäfte Bäckerei Schwager, Coop und Migros zur Verfügung gestellt. «Es handelt sich um Ware, die kurz vor dem Ablaufdatum ist. Aber auch um Dinge, die am nächsten Tag aus anderen Gründen nicht mehr verkauft werden können, da sie zum Beispiel kleine Unschönheiten aufweisen», erklärt Doris Peier, Leiterin der Regionalgruppe Kelleramt-Bremgarten. Ihr Verein holt die Lebensmittel jeweils am Dienstag- und am Donnerstagabend ab. Am Dienstag werden sie in Oberlunkhofen, am Donnerstag in Bremgarten verteilt.
Die Initiative für die Aktion hatte die Oberlunkhofer Gemeinderätin Barbara Weber ergriffen. «Auf dem Mutschellen gibt es ein ähnliches Projekt. Wegen einer Terminkollision schickte ich zwei andere Personen dort im November an einen Infoanlass. Im Dezember reifte dann die Idee, ein eigenes Projekt im Kelleramt umzusetzen. Dabei wollten wir unbedingt auch Bremgarten einbeziehen.» Zuerst sahen Weber und ihr Team vor, einen eigenen Verein zu gründen. Nach einem Kontakt mit Sonja Gehrig, Präsidentin von «Aufgetischt statt weggeworfen» mit Sitz in Urdorf, beschloss das Trio, sich als Regionalgruppe der bereits bestehenden Gruppe anzuschliessen. «Das hat für uns viele Vorteile. So müssen wir die Aktion nicht extra neu erfinden. Zudem profitieren wir davon, wenn ein Geschäft derart riesige Mengen von einem Produkt verschenken möchte, die ein einzelner Verein nicht verteilen kann.»
Projekt wieder abgegeben
Ende Januar stellte Weber das Projekt Interessierten vor. «Unser Plan war es, zu starten, wenn wir etwa 30 Freiwillige finden. Das ist uns gelungen», so Weber. Das Präsidium wollte die Initiantin aber nicht übernehmen. «Die zusätzliche Belastung zum Amt als Gemeinderätin wäre einfach zu gross. Ich bin froh, habe ich hervorragende Leute gefunden, die das jetzt mit viel Herzblut machen.»
Dazu gehört die Leiterin Doris Peier. «Es ist eine Schweinerei, wie viele Lebensmittel täglich fortgeworfen werden müssen. Mit dieser Aktion retten wir sie und tragen zur Armutsbekämpfung bei. Als Schweizer können wir nichts dafür, dass wir im Überfluss leben. Aber wir können achtsam mit Lebensmitteln umgehen.»
Kapazitäten für weitere Bezüger
Ursprünglich wollte die Regionalgruppe ihre Aktion im April starten. «Dann kam Corona. Die meisten Helfer sind über 65 Jahre alt. Deshalb verschoben wir den Beginn auf Mitte August», so Peier. Die Bezüger zahlen pro Abholung einen symbolischen Betrag von einem Franken. Damit sie gratis Lebensmittel beziehen können, mussten sie eine Karte bei ihrer Wohngemeinde beantragen. «Bisher wurde diese nur an Sozialhilfebezüger und an Flüchtlinge ausgehändigt», so Peier. «Wir hatten keine Ahnung, wie viele Lebensmittel wir erhalten werden.» Die Mengen seien jetzt grösser als gedacht. «Deshalb dürfen sich gerne noch weitere Betroffene bei den Gemeinden melden, zum Beispiel Personen, welche Ergänzungsleistungen erhalten. Sonst von Armut Betroffene erhalten die Bezugskarten über die Kirchgemeinden oder die Caritas.»
Sie schätzt, dass in Oberlunkhofen durch die bisherigen zehn Bezüger gegen 40 bis 60 Personen verköstigt werden. «Verhältnisse wie in Lenzburg, wo immer jeweils 30 bis 40 Personen anstehen, möchte Peier allerdings nicht. Da der Hunger keine Ferien macht, wird auch die Aktion «Aufgetischt statt weggeworfen» keine Pausen machen. «Darum sind wir froh, über genügend Helfer zu verfügen. So werden diese auch nicht überbelastet.»

