Das Problem aussitzen
15.04.2020 KelleramtRottenschwil/Schweden: Yasmine Hensler-Gehrig setzt im Ausland eigene Massnahmen um
Vor drei Jahren zog die Rottenschwilerin Yasmine Hensler-Gehrig mit ihrer Familie nach Schweden, um 1000 Kilometer nördlich von Schweden eine Lodge zu betreiben. Sie hat Mühe mit ...
Rottenschwil/Schweden: Yasmine Hensler-Gehrig setzt im Ausland eigene Massnahmen um
Vor drei Jahren zog die Rottenschwilerin Yasmine Hensler-Gehrig mit ihrer Familie nach Schweden, um 1000 Kilometer nördlich von Schweden eine Lodge zu betreiben. Sie hat Mühe mit der aktuellen Haltung der dortigen Regierung zur Coronakrise.
Roger Wetli
«Det löse sig» – es werde sich schon lösen. Dieser Leitspruch sei in den Menschen von Schweden tief verankert, weiss Yasmine Hensler-Gehrig. «Sie lösen die Probleme oft mit Aussitzen.» Dies würde sich auch in der Haltung der Regierung zur Coronakrise widerspiegeln. «Sie zeigen eine wundersame Ignoranz. Für uns Schweizer ist das schwierig nachzuvollziehen.»
Schlechte Information durch schwedische Medien
Da die Rottenschwilerin und ihr Ehemann lieber zupacken als warten, haben sie selber Massnahmen gegen das Virus ergriffen. Obwohl die Monate März und April zur Hochsaison ihrer «Norrsken Lodge» zählen, hat das Paar alle Buchungen seit dem 16. März storniert. Vor einer Woche nahm es seine beiden Kinder aus der Schule. Diese seien noch offen. «Dasselbe gilt für die Restaurants und auch auf den Strassen tummeln sich die Menschen», so Hensler. Die selbst gewählte Ruhe nutzt die Familie, um neue Touren zu gestalten und um sich neue Konzepte auszudenken.
Dabei pflegen sie einen regen Austausch mit der Schweiz, von der sie 3000 Kilometer trennen. «Ich lese Schweizer und regionale Zeitungen, wodurch ich mich mit meiner Heimat verbunden fühle», erklärt Yasmine Hensler. Sie und ihr Mann sind irritiert, wie in den schwedischen Medien über das Virus berichtet wird. «Die Meldungen sind plakativ und schlecht erklärt. Zudem fehlen regionale Informationen. Stockholm ist weit von uns entfernt. Dort wird die Krise täglich stärker.» Bei ihr in Norrbotten scheine man die Situation noch im Griff zu haben. «Wir sehen, dass hier im Norden noch einiges verhindert werden könnte. Das macht nachdenklich.»
«Die Situation ist unheimlich»
Rottenschwilerin in Schweden kritisiert die zu lockeren Massnahmen in ihrer Wahlheimat im Kampf gegen das Coronavirus
Seit mehreren Wochen hält die Coronakrise die Welt in Atem. Einblicke in die Situation in Schweden geben Yasmine und Max Hensler-Gehrig, die im Norden des Landes die «Norrsken Lodge» betreiben.
Celeste Blanc
Im Februar 2017 erfüllten sich die in Rottenschwil aufgewachsene Yasmine Hensler-Gehrig und ihr Ehemann Max einen Traum: Zusammen mit ihren beiden Söhnen wanderten sie nach Schwedisch-Lappland aus, wo die beiden ihre eigene Lodge eröffneten. Mittlerweile sehen sich die beiden Wahl-Schweden mit der Kehrseite des skandinavischen Traums konfrontiert. «Wir können die Haltung der schwedischen Regierung nicht nachvollziehen», meint Besitzerin Yasmine Hensler kopfschüttelnd.
Schlecht informiert
Obwohl auch in Schweden das Coronavirus in den Medien täglich dominiert, ist das Ehepaar von der Art und Weise, wie informiert wird, irritiert. «Oft wird plakativ über das Virus berichtet und schlecht erklärt», erzählt Yasmine Hensler. Die beiden wünschen sich mehr Aufklärung und vor allem auch regionale Informationen. «Stockholm liegt über 1000 Kilometer von uns entfernt und 80 Prozent der Bevölkerung leben im südlichen Teil des Landes», erklärt die Inhaberin der «Norrsken Lodge». Dort werde die Krise täglich stärker. «Wir sehen, dass im Norden noch einiges verhindert werden könnte», so Yasmine Hensler. Das mache nachdenklich. «Hier in Norrbotten gibt es aktuell ungefähr 70 Angesteckte. Die Situation bei uns scheint im Griff zu sein», so Hensler.
Das Problem aussitzen
In Schweden herrsche eine geteilte Stimmung. Viele Schweden und Schwedinnen fänden die Massnahmen in der Schweiz und in Deutschland übertrieben. «Für uns als Schweizer ist das schwierig nachzuvollziehen», erzählt Yasmine Hensler-Gehrig. Für die beiden handle es sich um eine wundersame Ignoranz, mit welcher sich die schwedische Regierung der Krise annimmt. «Die Schweden lösen Probleme oft mit aussitzen», erzählt Hensler. «Det lösa sig» – es werde sich dann schon lösen. Diese Haltung sei stark in der Kultur und den Menschen verankert. Für das Ehepaar unmöglich: «Wir wollen anpacken, wirken und schauen, dass es besser wird.»
Normaler Alltag
Die Befürwortung der Vorgehensweise der Regierung ist gross. Es gibt Stimmen, die meinen, dass Schweden so richtig handle und dass Schwedens Wirtschaft gestärkt aus der Krise hervorgehe. Diese Haltung bereitet dem Ehepaar Kopfzerbrechen: «Das tägliche Leben geht ganz normal weiter – die Restaurants sind offen und auf den Strassen tummeln sich die Menschen», erzählt Yasmine Hensler. Die bisherigen Massnahmen seien nur ein Tropfen auf dem heissen Stein. Auch sind die Schulen noch offen. Vor gut einer Woche hat sich das Ehepaar entschieden, seine Kinder aus der Schule zu nehmen. «Sicherlich bis zu den Osterferien, dann werden wir die Situation neu einschätzen», berichten sie.
Unheimliches Gefühl
Die beiden blicken auf einen schönen Winter zurück. Über 300 Gäste aus der Schweiz durften sie am Polarkreis begrüssen. «Die Begegnungen und die gemeinsamen Erlebnisse mit unseren Gästen brachten uns Energie und grosse Freude», schwärmt Yasmine Hensler, «Das ist unser Leben.» Nun sei alles anders. Das Ehepaar hat sich entschieden, sein Restaurant bis auf Weiteres zu schliessen. Alle Buchungen seit dem 16. März wurden storniert. «Die Monate März und April sind die Hochsaison im Winter. Nun sind wir alleine in der Norrsken Lodge und wissen nicht, wann wieder Gäste kommen werden – ein unheimliches Gefühl», so Hensler. Wenn es noch lange so weitergeht, wird die «Norrsken Lodge» finanziellen Herausforderungen ausgesetzt sein.
Zeit für neue Ideen
Trotz der Sorgen und der Ungewissheit hat die Situation für das Ehepaar aber auch Gutes. «Wir sind viel draussen und geniessen die noch immer wunderschöne Winterlandschaft am Polarkreis. Und unsere Söhne halten uns sowieso auf Trab», zwinkert die zweifache Mutter. Auch erkundigt das Ehepaar mit seinen Schnee-Scootern neue Touren und schöne Plätze für die Gäste. «Das ist meine neue Leidenschaft geworden, bei der ich gut auftanken kann», so Yasmine Hensler. Aktuell habe man Zeit, viele neue Ideen zu entwickeln. So der Besuch der «Norrsken Lodge am Bremgarter Weihnachtsmarkt, an welchem das Ehepaar samische Produkten wie geräuchertes Rentier-Trockenfleisch, Rentierfelle und Schmuck anbieten möchte. «Es wäre schön, wenn ich mein neues Zuhause mit meiner Heimat teilen kann», so Hensler.
Die Welt rückt zusammen
Der Austausch mit den Liebsten in der Heimat Schweiz ist rege. «Das Wissen, dass alle gesund sind, ist uns wichtig», so das Ehepaar. Dennoch macht es sich Sorgen. «Einfach so vorbeischauen liegt bei 3000 Kilometern Distanz nicht drin und die Hinreise ist auch nicht möglich», so Yasmine Hensler. «Ich lese Schweizer und regionale Zeitungen, dadurch fühle ich mich mit meiner Heimat verbunden», erzählt sie. Auch allgemein macht sich das Ehepaar viele Gedanken zur Krise. «Neue Angebote und Modelle werden etabliert, es gibt einen Aufschwung und neue Lösungen werden entwickelt. Interessanterweise kann man in der Welt beobachten, dass alles etwas näher rückt, obwohl man nicht zusammen sein kann», so die Rottenschwilerin. «Veränderungen wirken, welche die Welt noch universeller machen. Und nicht mehr so geteilt, da viele die gleichen Bedürfnisse haben – nämlich gesund und glücklich zu sein.»



