«Überwältigt von der Solidarität»
03.04.2020 Region OberfreiamtBeim Blutspenden in Boswil kamen so viele Leute wie noch nie, seit der Blutspendebus im Dorf hält
Das Coronavirus ist in aller Munde. Dass dadurch vielleicht andere medizinische Anliegen in den Hintergrund geraten, das befürchtete auch Nicole Thalmann. Sie ist ...
Beim Blutspenden in Boswil kamen so viele Leute wie noch nie, seit der Blutspendebus im Dorf hält
Das Coronavirus ist in aller Munde. Dass dadurch vielleicht andere medizinische Anliegen in den Hintergrund geraten, das befürchtete auch Nicole Thalmann. Sie ist Präsidentin des Samaritervereins Boswil und Umgebung. Beim Blutspenden wurden sie aber regelrecht überrannt. Rekorde wurden gebrochen.
Annemarie Keusch
Besondere Situationen verlangen nach besonderen Massnahmen. Der Kampf gegen das Coronavirus hat aktuell Einfluss auf alles, auch auf das Blutspenden. Wo sonst Spenderinnen und Spender nach der Blutabgabe am Tisch sitzen, plaudern, ein Sandwich essen und etwas trinken, stehen die Stühle jetzt im Abstand von zwei Metern. Streichen die Mitglieder des Samaritervereins sonst die Sandwiches selber und backen Kuchen, musste jetzt alles einzeln abgepackt geliefert werden. «Aber wir sind froh, das Blutspenden überhaupt durchführen zu können», sagt Nicole Thalmann, Präsidentin des Samaritervereins Boswil und Umgebung.
Weil es keine Veranstaltung ist, sondern zur Grundversorgung des Landes gehört, konnte das Blutspenden überhaupt stattfinden. Im Vergleich zu «normalen» Durchführungen ist einiges anders. Die helfenden Mitglieder des Samaritervereins müssen unter 60 Jahre alt sein. Gleiches gilt für die Spenderinnen und Spender. Normal liegt die Altersgrenze zehn Jahre höher. Und die Helferinnen und Helfer des Samaritervereins tragen Masken, Desinfektionsmittel steht bereit, die Stifte werden nach dem Ausfüllen des Fragebogens laufend gereinigt. «Es gelten erhöhte Sicherheitsvorschriften», sagt Nicole Thalmann.
Fachleute und Samariter Hand in Hand
Dass die Spitäler weiterhin auf Blutkonserven angewiesen sind, geht in der ganzen Coronakrise fast ein wenig vergessen. Entsprechend rechnete auch Nicole Thalmann mit weniger Spenderinnen und Spendern. «Wie immer verschickt der Blutspendedienst Aargau-Solothurn allen Stammspenderinnen und -spendern eine Einladung. Aber ich hätte mir gut vorstellen können, dass angesichts der aktuellen Umstände einige zu Hause bleiben würden.» Ein Blick ins Foyer zeigt aber schon in den ersten Minuten des vierstündigen Blutspendens, dass Nicole Thalmann sich täuschen könnte. Bis die ersten Spenderinnen und Spender vor dem Bus anstehen müssen, vergeht keine halbe Stunde. Vier sind es, die gleichzeitig ihr Blut abgeben können – unter Betreuung des Blutspendedienstes Aargau-Solothurn.
«Wir versuchen die zwei Meter Abstand einzuhalten, wo es geht», weiss die Präsidentin des Samaritervereins. Der Mundschutz ist vor allem da Pflicht, aber auch beim Blutdruckmessen, wo die Helfenden den Spendenden nahekommen. «Die Sicherheit geht vor, in allen Bereichen.» Zurück zum alten System mit den Liegen, wäre momentan personaltechnisch unmöglich, aber in solchen Situationen trotzdem wünschenswert. «Im Bus braucht es drei Fachleute vom Blutspendedienst. Hinzu kommt eine Fachperson beim Gespräch und bei der Registration. Alles andere kann von Mitgliedern des Samaritervereins gemacht werden», erklärt Nicole Thalmann.
Sie etwa verbindet nach dem Spenden den Oberarm, andere messen Blutdruck, wieder andere sorgen dafür, dass die Abläufe stimmen, und eine weitere Gruppe verteilt Getränke und Sandwiches.
450 Milliliter Blut werden genommen
Die Sicherheitsvorschriften, sie sind beim Blutspenden immer hoch. In Zeiten des Coronavirus wurden sie nochmals gesteigert. Bei der Befragung, die im Anschluss an das Ausfüllen des Fragebogens kommt, wird genauer nachgefragt. Grippesymptome in den letzten zwei Wochen, Kontakt mit Kranken – das verunmöglicht in der aktuellen Lage das Blutspenden. Und auch wenn die Spendenden zwei Wochen nach der Blutabgabe Grippesymptome aufweisen, muss das sofort dem Blutspendedienst gemeldet werden. «Die Blutkonserven werden nicht auf Covid-19 getestet. Darum ist es umso wichtiger, dass Spendende sich melden, falls sie krank werden, dann wird das Blut ausgesondert.»
Mittlerweile sind immer mehr Stühle im Wartebereich besetzt mit gesunden Männern und Frauen, die ihr Blut spenden wollen. 450 Milliliter sind es, die in durchschnittlich einer Viertelstunde genommen werden. Trotz Skepsis, Nicole Thalmann hat es doch geahnt, dass der Andrang gross sein könnte. «So viele Telefonanrufe nahm ich an einem Spendentag noch nie entgegen.» Und, sie weiss um die grosse Solidarität in der nicht einfachen Zeit. «Sei es etwa für andere einzukaufen, die Leute helfen einander.» Unter diese Solidarität scheint bei vielen auch das Blutspenden zu fallen.
Situation analysieren und Lösungen suchen
Die vier Stunden sind fast vorbei. Ein Ende ist aber noch nicht in Sicht. «Dass wir Leute abweisen mussten, hat es bisher noch nie gegeben», sagt Nicole Thalmann. Mindestens 15 waren es diesmal. Einige konnten nach Oberlunkhofen weitervermittelt werden, wo auch Blut gespendet wurde. 54 Spenderinnen und Spender kamen, neuer Rekord, seit mit dem Blutspendebus die Kapazität eigentlich bei 48 Personen endet. Und was Nicole Thalmann besonders freut: «Wir durften sechs Erstspender begrüssen – auch das ist Rekord für uns.»
Aber auch diese Medaille hat eine Kehrseite. Einige Spender mussten lange Wartezeiten in Kauf nehmen, andere mussten gar abgewiesen werden. «Das bedauern wir zutiefst und geben uns natürlich Mühe, dass die Wartezeit möglichst in Grenzen gehalten werden kann.» Die bestehenden Rahmenbedingungen und die Abläufe seien gegeben und momentan nicht veränderbar, «auch wenn wir das noch so gerne tun würden.» Als Präsidentin werde sie sich mit dem Blutspendedienst zusammensetzen, um die Situation zu analysieren und nach geeigneten Lösungen zu suchen.
Über allem steht jedoch die Dankbarkeit, dass auch in der Coronakrise die Solidarität bei den Spendenden gross ist.



